Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Frank Richter nach der Wahl-Niederlage: „Zunächst mal bin ich arbeitslos“
Region Mitteldeutschland Frank Richter nach der Wahl-Niederlage: „Zunächst mal bin ich arbeitslos“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:07 23.09.2018
Frank Richter (parteilos) kandidierte für Amt des Oberbürgermeisters in Meißen, unterlag am Sonntag in der Stichwahl aber dem Amtsinhaber Olaf Raschke (parteilos). Quelle: dpa
Meißen

Die Wahl in der 28 000-Einwohner-Stadt Meißen ist entschieden: Der parteilose Amtsinhaber Olaf Raschke (55) ist am Sonntag mit Unterstützung der CDU und der AfD mit 43,5 Prozent wiedergewählt worden. Mit dem Markkleeberger Frank Richter (58) hatte er einen enorm starken Konkurrenten, der sich mit 42,6 Prozent knapp geschlagen geben musste. Das Ende seines politischen Engagements bedeutet das aber keineswegs, wie er im LVZ-Interview versichert.

Es hat zwar am Ende nicht ganz gereicht, aber ein deutliches Achtungszeichen haben Sie allemal gesetzt. Wie war das möglich in der CDU-Hochburg Meißen?

Mein größter Pluspunkt war die breite Unterstützerschaft, allen voran die Initiative „Bürger für MeißenMeißen kann mehr!“ Dazu kamen die Linken, die Grünen und die SPD. Menschen unterschiedlichster Profession und Parteibindung, die gemeinschaftlich einen politischen Neuanfang bewirken wollten, haben uns auf vielfältige Weise geholfen. Hinzu kam sicher auch eine von mir unter Beweis gestellte Bürgernähe. Ich habe monatelang Basis-Wahlkampf mit unzähligen Gesprächen und Hunderten Veranstaltungen geführt.

Ihr Bekanntheitsgrad dürfte auch nicht allzu hinderlich gewesen sein?

Es nahm zumindest niemand Anstoß daran. Hinzu kam noch, dass ich aufgrund meiner Vita eine Reihe an Ideen und Beziehungen in diese Stadt einbringen konnte, die weit über Meißen und über Sachsen hinausreichen.

Sie waren zu DDR-Zeiten katholischer Pfarrer: Wie viel Seelsorger steckt heute noch in Ihnen?

Den Seelsorger werde ich nicht los. Ich bin ein Christ, der wenig wert legt auf konfessionelle Besonderheiten. Wenn ein Politiker Zugang zum Seelenleben der Bürger hat, die ja immer auch Menschen sind, muss das kein Nachteil sein.

Dieses Hingehen und Zuhören auf Augenhöhe waren die Elbestädter nicht mehr gewöhnt?

Ich habe tatsächlich viel zugehört und damit einen Bedarf bedient, der in dieser Stadt offensichtlich vorhanden ist. Die Menschen fühlen sich übergangen oder zumindest nicht einbezogen in kommunalpolitische Entscheidungen. Sie fühlen sich vom Rathaus nicht ernst genommen.

Was haben Sie in solchen Gesprächen erfahren?

Die Meißener lieben ihre Stadt. Die lassen sie sich von niemandem schlecht reden. Das ist gut so. Aber sie leiden ganz praktisch darunter, dass es wenig Grün gibt und dass Meißen in den vergangenen Jahren immer schmutziger geworden ist. Eine vielfach geäußerte Sorge der Bürgerinnen und Bürger ist, dass ihre Stadt irgendwann auseinanderfällt in mehrere Teile, die nichts mehr miteinander zu tun haben. Denn Meißen ist viel mehr als die touristische Betrachtung von Marktplatz, Burgberg, Weinbau oder Porzellanmanufaktur. In sozialer Hinsicht ist Meißen auch ein Mikrokosmos der deutschen Gesellschaft, die auseinanderdriftet. Es gibt kulturelle und ökonomische Eliten, aber auch große Teile der Gesellschaft, die gerade noch ihre Existenz sichern können oder schon in prekären Verhältnissen leben. All diese sozialen Schichten müssen dringend zusammengehalten werden.

Sie haben wiederholt von der Sorge um Fehlentwicklungen in diesem Land gesprochen. Was läuft aus Ihrer Sicht falsch?

Wir haben einen immensen privaten Reichtum in Deutschland, der fast schon perverse Züge trägt. Wir haben aber auch sehr viele arme Menschen, darunter auch Kinder, die in Armut aufwachsen. Unser Bildungssystem vermag diese Unterschiede in der Sozialstruktur kaum aufzubrechen. Das führt zu Bildungsungerechtigkeit. Für die Verwerfungen im sächsischen Schulsystem sind maßgeblich die CDU und ihre Kultusminister verantwortlich.

Ihr jüngstes Buch heißt „Hört endlich zu!“ Lohnt sich Zuhören auch bei Hetze und Hasstiraden wie in Chemnitz oder Köthen?

Mit Menschen, die den Hitlergruß zeigen und auf der Straße oder in sozialen Filterblasen Hass ausbreiten oder gar Gewalt anwenden, ist kein Dialog möglich. Das wäre auch nicht sinnvoll. Gleichzeitig müssen wir aber daran festhalten, dass Demokratie die Integration und Teilhabe aller bedeutet. Wir können doch niemanden aus unserer Gesellschaft entlassen. Selbst Straftäter, die hinter Gittern sitzen, werden mit Resozialisierungsprogrammen versorgt. Weil sie in unserer demokratischen Gesellschaft Mitmenschen bleiben, die Grundrechte haben. Also wenn das schon für Menschen hinter Gittern gilt, dann gilt das erst recht für alle Menschen davor. So schwierig das auch scheinen mag: Wir dürfen Menschen niemals aufgeben. Schon weil sie Mitbürger sind.

Kann das gelingen in einem Klima von Feindseligkeit?

Ich bin da ziemlich zuversichtlich, weil ich es in Dresden im Zusammenhang mit dem 13. Februar selbst erlebt habe. So wie die technische Infrastruktur eines Landes oder einer Stadt ständig saniert werden muss, so muss auch die soziale und politische Infrastruktur einer Gesellschaft regelmäßig repariert werden. Das ist genauso aufwendig wie Straßen und Brücken bauen. Auch zwischen noch so gegensätzlichen Interessen sind Brücken nötig und möglich. Dass es sich dabei um eine kontinuierliche Aufgabe handelt, haben viele im Lande noch nicht verstanden.

Ihre Widersacher unterstellten Ihnen, Migration fördern zu wollen. War das Ihre Absicht?

Ich bestehe darauf, dass Migration einerseits und Zuwanderung andererseits zu unterscheiden sind. Wer diese Unterscheidung nicht hinbekommt, ist als Gesprächspartner ungeeignet. Migration ist eine Ordnungspolitische Aufgabe, die in erster Linie vom Land und der Bundesrepublik zu leisten ist. Ich habe keine Hemmung, deutlich zu sagen, dass die Politik der Bundesregierung und insbesondere die von Angela Merkel schwere ordnungspolitische Defizite aufweist. Integration spielt sich in der Kommune ab. Und da teile ich die Ansicht der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig, die beklagt, dass die Kommunen beim Thema Integration lange Zeit vom Land und Bund allein gelassen wurden. Zuwanderung dagegen ist eine realpolitische Notwendigkeit. Aufgrund der Altersstruktur unserer Gesellschaft braucht Deutschland kontrollierte Zuwanderung. Ich verstehe, dass viele Menschen Angst haben um den Bestand unserer Kultur. Aber wir werden die liebgewordene Kultur des Zusammenlebens in Deutschland nicht bewahren können, wenn wir unsere Menschlichkeit verlieren. So schwierig alle Fragen um Migration, Integration und Zuwanderung sein mögen - sie müssen immer auf menschliche Art und Weise geregelt werden. Ansonsten verlieren wir das Ureigenste unseres Selbstverständnisses.

Welche Aufgabe wollen Sie als nächstes angehen?

Zunächst mal bin ich arbeitslos, weil mich die Stiftung Frauenkirche für den Wahlkampf nicht unbezahlt freistellen wollte. Aber ich bleibe aufgeschlossen für alles Neue. Auf jeden Fall werde ich ein neues Buch schreiben.

Worüber?

Natürlich über den Wahlkampf in Meißen. Das war schon ein beachtliches Panoptikum sächsischen Kleinstadtlebens.

Von Winfried Mahr

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Olaf Raschke (parteilos) regiert weitere Jahre als Oberbürgermeister die Stadt Meißen. Mit 43,5 Prozent wurde er im Amt bestätigt. Sein Sieg war denkbar knapp.

24.09.2018

Fünf freie Tage für Arztbesuche und wichtige Erledigungen: Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) will einen „Behördentag“ für Arbeitnehmer. Ihr Vorbild sind die „Haushaltstage“ in der DDR.

23.09.2018

Der Ostbeauftragter der Bundesregierung Christian Hirte (CDU) fordert eine stärkere Vertretung Ostdeutscher in den Spitzen von staatlichen Institutionen und Medien.

23.09.2018