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Mitteldeutschland French Nails auf dem Bagger - Franziska Pohle steuert schwere Maschinen im Tagebau
Region Mitteldeutschland French Nails auf dem Bagger - Franziska Pohle steuert schwere Maschinen im Tagebau
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13:35 03.10.2014
Fährt schwere Maschinen: Franziska Pohle. Quelle: Dirk Knofe
Profen

Warum sie den Job macht – das fragen sie viele. Franziska Pohle lacht und zieht an der Zigarette. Hinter ihr die schwarzen Schluchten des Tagesbaus Profen, etwa 30 Autominuten südwestlich von Leipzig.

Die triste Kraterlandschaft, Schlamm, der an den Schuhen klebt und an regnerischen Tagen bis zu den Knien reicht – das sind normale Arbeitsbedingungen für Franziska Pohle. Mittendrin im Abbaufeld Schwerzau hat sie ihre Raupe geparkt. „Cat d5“, sagt sie fachmännisch. Für sie eher ein kleines „Räupchen“. Mit der Maschine schiebt sie die Erde zur Seite. Der Boden soll vorbereitet werden für die Verlängerung des Fließbandes.

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Franziska Pohle ist 20 Jahre alt, zierlich, hat ihre blondgefärbten Haare unter dem gelben Sicherheitshelm zu zwei Zöpfen gebunden. Die Gleisketten ihres Fahrzeugs reichen ihr locker bis zu den Schultern. Sie ist die erste und bisher einzige Maschinen- und Anlagenführerin, die die Mibrag (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft) ausgebildet hat. Sie stemmt die Hände in die Hüften, blickt einen mit ihren braunen Augen direkt an. Stolz strahlt aus ihnen.

„Ich bin mit dem Tagebau aufgewachsen"

„Wir wohnen da drüben“, sagt sie und nickt in die Luft. „Hinter unserem Garten ist direkt der Tagebau.“ Mit ihren Sicherheitsschuhen malt sie in die Erde. Erst das Grundstücksende, dann die Bahnschiene, dann der Schutzdamm, dann der Abgrund, das schwarze Loch. „Ich bin mit dem Tagebau aufgewachsen. Die großen Geräte und all das – das hat mich echt fasziniert damals.“ Sie wollte selbst auf den Maschinen sitzen und fahren. Nach dem Realschulabschluss fing sie bei der Mibrag an. Der Job macht ihr Spaß. Und ihre Freunde beneiden sie, sagt sie. Besonders die Jungs. „Die würden’s selbst gerne machen.“

Im September stellte die Mibrag 48 neue Lehrlinge ein. Etwa die doppelte Anzahl hatte sich beworben. Der Konzern bildet Maschinen- und Anlagenführer, Industriemechaniker, Elektroniker und im nächsten Jahr zusätzlich Brunnenbauer, Chemie-Laboranten, Zerspanungsmechaniker, Kaufmänner und -frauen aus. 150 Lehrlinge sind es insgesamt – das Unternehmen arbeitet am Generationenwechsel.

Nur fiese Sprüche machen Franziska Pohle im Tagebau zu schaffen. Quelle: Dirk Knofe

Vor zwei Jahren wurde in Profen ein neues Ausbildungszentrum für drei Millionen Euro gebaut. Der Chef der Ausbildungsstätte, Jürgen Walther, hat dort sein Büro. Er führt in den Konferenzraum, vorbei an einem Bild, das die Tochter gemalt hat. Es zeigt einen Schaufelradbagger, der kunstvoll mit bunten Farbspritzern bekleckst ist. Der Kohleabbau und der Konzern, sie haben sich auch im Privatleben eingenistet. Walther arbeitet schon seit der Privatisierung der Mibrag 1994 als Ausbildungsleiter. „Wir übernehmen seit 2002 alle unsere Lehrlinge“, sagt der 57-jährige großgewachsene Mann. „Es sei denn, sie bestehen die Prüfung nicht. Aber das kommt selten vor.“

In der Lehrwerkstatt macht der 22-jährige Max Göhring gerade Pause. Er ist im zweiten Ausbildungsjahr zum Industriemechaniker und mit seinem Abitur eher eine Ausnahme unter den Lehrlingen. Sein Vater ist Zahnarzt. „Aber dieses filigrane Arbeiten ist nichts für mich“,  sagt Max Göhring. „Und ein Bürojob erst recht nicht.“ Bei der Mibrag mag er die Vielfalt seiner Arbeit: Ab und zu müsse man auch ganz schön ranklotzen. Ob er keine Angst habe, in eine Branche einzusteigen, die mit der Energiewende auf lange Sicht unvereinbar erscheint? Die in naher oder ferner Zukunft sterben könnte? Max Göhring überlegt, sagt aber dann, dass er nicht glaube, dass das so schnell gehe. Auch Franziska Pohle sieht ihren Arbeitsplatz nicht in Gefahr. Allerdings, ob sie bis zur Rente Bagger fahren wolle, weiß sie nicht. „Ich kann mir vorstellen, das Abitur nachzuholen und dann vielleicht noch Maschinenbau zu studieren, in die Fußstapfen meiner Mutter zu treten.“

 

Max Göhring ist in der Nähe aufgewachsen, er kommt aus Hohenmölsen. Der Anblick von Kohleabbaugebieten gehört dort zum Leben dazu. Die Mibrag sei in der Region bekannt als guter Arbeitgeber, sagt er. Momentan sind 2000 Arbeitnehmer angestellt, 1000 in Tochterunternehmen, präzisiert Pressesprecherin Elke Hagenau. Kritik am Unternehmen – an Staub, Lärm, Vernichtung von Natur und Lebensraum – das gebe es in seinem Bekanntenkreis eigentlich nicht, sagt Max Göhring. Und mit Umsiedlern hatte er nie zu tun.

Dafür ist er auch zu jung. Die meisten Umsiedlungen fanden schon in der DDR statt, bevor die Mibrag den Tagebau übernommen hat. Der Konzern siedelte dann in den 1990ern die Bewohner von Großgrimma und Heuersdorf um. Die Proteste von Tagebau-Gegnern und erzürnten Bewohnern, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, gingen durch die Medien.

Jetzt macht das Dorf Pödelwitz Schlagzeilen. Es grenzt an das Abbaugebiet Vereinigtes Schleenhain und soll nach dem Willen der Mibrag ebenfalls weggebaggert werden. Der Kohleabbau könnte 2028 beginnen. Die Dorfbewohner seien von sich aus auf die Mibrag zugekommen, sie wollten freiwillig umsiedeln, sagt die Pressesprecherin. Doch auch in Pödelwitz regt sich Widerstand und Hagenau ist am Stakkato der Argumente anzumerken, dass sie sich für eine neue PR-Schlacht rüstet.

Max Göhrings Motive, sich für eine Laufbahn bei dem Unternehmen zu entscheiden, beziehen sich eher auf seinen Lebenslauf denn auf das Image des Konzerns. Er sieht hier Karrierechancen. Und die Bezahlung sei auch sehr gut – über die Höhe des Gehalts dürfe er aber nicht sprechen. Nach der Ausbildung möchte er also gerne weiter bei der Mibrag arbeiten, aber am liebsten würde er noch ein Studium dazwischenschieben. Maschinenbau. Oder vielleicht etwas Betriebswirtschaftliches. Will er den Laden danach übernehmen? Max Göhring lächelt ein wenig schüchtern und zuckt mit den Schultern. „Nein“, sagt er bescheiden.

Kein Problem mit Schmutz

Draußen, in der Kohlegrube, hat sich der Matsch an Franziska Pohles Schuhen festgesaugt und trocknet langsam. „Der Schmutz macht mir gar nichts“, sagt sie. Zu Hause auf dem Bauernhof habe sie auch die Mistgabel in die Hand genommen. Da sei sie kein typisches Mädchen. In der Freizeit spielt sie unter anderem auch Fußball. Und überhaupt. Wenn ihr etwas Probleme bereite, dann sicher nicht der Schmutz, sondern die fiesen Sprüche.

Es herrscht ein raues Klima im Tagebau, besonders auf den großen Maschinen wie dem Schaufelradbagger oder dem Absetzer. Die Männer dort arbeiten schon seit Jahrzehnten in Schichten. Für Franziska Pohle sei es erst mal nicht der richtige Arbeitsplatz, findet Abteilungssteiger Marco Schade. Sie bräuchte Lehrgänge, Erfahrung, auf jeden Fall ein dickes Fell und vielleicht noch ein paar Muckies. „Ich war ja erst ein bisschen skeptisch, dass so eine zierliche Frau bei uns anfängt“, gibt er zu. „Wir brauchen doch Manpower. Es ist schließlich kein Ponyhof hier.“

"Alle Augen sind auf mich gerichtet"

Einmal, sagt Franziska Pohle, habe sie aber schon selbst so einen Absetzer bedient. Sie reißt die Augen auf, zieht ihre Mundwinkel hoch. „Das war cool.“ In ihrem Arbeitsalltag fahre sie  nicht nur die kleine Raupe, sondern auch andere Geräte. Je größer, desto besser. Und sie kann es anscheinend ganz gut. „Als Mädel muss man sich doppelt anstrengen. Alle Augen sind auf mich gerichtet und lauern darauf, dass ich einen Fehler mache.“ Es herrscht ein ziemlicher Druck. Aber einige Augen sind auch wohlwollend auf sie gerichtet. Wie die ihres Freundes.

Die Liebesgeschichte fasst Franziska Pohle in einem Halbsatz zusammen. „Auf Reparatur am Absetzer kennengelernt.“ Ihr Freund, Schlosser bei der Mibrag, und sie, Fahrerin einer Raupe. Ihre Wege kreuzten sich auf einem der riesigen Geräte. Etwas musste repariert werden. Und dann wurde halt noch gebaggert, bis sie die Telefonnummern austauschten.

Abteilungssteiger Schade fixiert Franziska Pohle mit zusammengekniffenen Augen und grummelt irgendwas von „Weiter geht’s“. Trotz der Strenge wirkt der ruhige Tonfall fast fürsorglich. Neben den Männern, die ihr Sprüche drücken, gebe es auch viele im Tagebau, die sie behandeln wie Väter ihre Töchter, sagt Franziska Pohle noch. Sie steckt ihre Zigarettenschachtel ein. Klettert flink auf die Gleiskette ihrer Raupe und schwingt sich in die Fahrerkabine. Mit einem Rumps wirft sie die Tür zu. Aus dem kleinen Schornstein dampft grauer Rauch, der sich farblich mit der Schluchten-Kulisse vermischt. Dann greifen die Gleisketten in den matschigen, kohligen Boden. Weiter geht’s.

Lisa Berins

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