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Mitteldeutschland „Für Schul-Uhren mit Tourbillon zahlen Sammler sechsstellige Beträge“
Region Mitteldeutschland „Für Schul-Uhren mit Tourbillon zahlen Sammler sechsstellige Beträge“
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20:02 04.05.2018
Anke Johne zeigt im Uhrenmuseum kostbare Taschenuhren. Eine Sonderausstellung widmet sich ab heute der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte (1878–1951). Quelle: Foto: Marko Förster
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Glashütte

Die Deutsche Uhrmacherschule DUS (1878 bis 1951) hatte einen entscheidenden Anteil daran, dass der Name Glashütte heute weltweit bekannt ist. Im Interview schwärmt Reinhard Reichel, Chef des Uhrenmuseums Glashütte im Osterzgebirge, von der neuen Sonderausstellung „Mehr als Theorie und Praxis“, die bis 6. Januar 2019 zu sehen ist, und erzählt, warum Sammler für Schul-Uhren utopisch hohe Preise hinlegen.

Gibt es Schüler, an deren Namen man sich ewig erinnern wird?

An der DUS haben über 2500 Schüler, darunter 421 aus dem Ausland, ihr Handwerk erlernt. Jeder, der die Schule absolvierte, war wirklich ein Meister seines Faches. Viele arbeiteten später in den Manufakturen vor Ort, andere wurden Lehrer oder zogen in die Welt hinaus. Die Schule war nach ihrer Gründung vor 140 Jahren deutschlandweit die Ausbildungsstätte für das Uhrmacherhandwerk schlechthin. Jemanden herauszustreichen wäre unfair gegenüber all den anderen.

Es gab aber welche mit mehr oder weniger Talent?

Also gut: Unter dem Meister Alfred Helwig, dem die Schule der Uhrenmanufaktor Glashütte Original ihren Namen verdankt, haben beispielsweise 20 Schüler das fliegende Tourbillon entwickelt. Eine wahre Meisterleistung.

Das Tourbillon selbst ist aber nicht in Glashütte erfunden worden.

Das hat 1801 der Franzose Abraham-Louis Breguet entwickelt. Ein Tourbillon – auch Drehganguhr oder Wirbelwind genannt – gleicht die Unwucht des Gangreglers aus, denn durch die Schwerkraft ist die Ganggenauigkeit mechanischer Uhren nicht in allen Lagen gleich. Diese höchst komplizierte Technik ist üblicherweise zweifach gelagert. Das von Helwig und seinen Schülern erfundene Tourbillon wird nur in einem Lager gehalten, ist also fliegend und sorgt für noch mehr Genauigkeit.

Worin liegt der Unterschied der Ausbildung damals und heute?

Der entscheidende Unterschied: Damals hatte man noch keinen Strom. Ansonsten ähnelt sich die Ausbildung sehr. Sicher nutzen Konstrukteure heute Rechner und hochmoderne Präzisionsmaschinen. Aber das Handwerk erlernen sie wie früher – sie feilen, hämmern, schrauben. Ihre Ausbildung dauert immer noch drei Jahre und in der zweiten Hälfte fertigen sie eine Schülerarbeit.

Einige der damaligen Marinechronometer, Taschen- oder Armbanduhren zeigt die neue Ausstellung.

Darunter ist auch eine 1891 von Heinrich Winkelmann gefertigte Taschenuhr mit mehreren Zusatzfunktionen wie Springende Sekunde. Zudem hat die Uhr eine Nullstellung für den Zentralsekundenzeiger. Winkelmann hat sich das 1893 patentieren lassen. Ferner zeigen wir die komplizierteste Schul-Taschenuhr, die je in Glashütte gebaut wurde. Friedrich Schildt – er ging später nach Ruhla und wurde Chefkonstrukteur in der Uhren- und Manufakturfabrik Thiel – stattete seine Uhr 1922 mit Mondphasenanzeige, Hilfszifferblätter für Datum und Wochentage aus, um nur einige der Komplikationen zu nennen.

Welchen Wert haben solche Uhren?

Die von den Schülern gefertigten Uhren sind allesamt Unikate und befinden sich zumeist in Familienbesitz. Aber es kommen hin und wieder Schul-Uhren auf den Markt. Oft melden sich dann potenzielle Käufer bei uns, um sich über die Echtheit der Uhr zu informieren. Schließlich sind wir im Besitz sämtlicher Unterlagen der DUS und stellen auf Wunsch Zertifikate über diese Uhren aus. Wir stehen weltweit in Kontakt mit Auktionshäusern, Antikuhrmachern und privaten Sammlern, um zu vermeiden, dass Fälschungen in Umlauf kommen. Für weniger als 5000 Euro wechselt ein solches Unikat kaum den Besitzer. Für eine Uhr mit Tourbillon zahlen Sammer sechsstellige Beträge.

Auf den Archivfotos sind kaum Frauen zu sehen. Ist das Handwerk eine Männerdomäne?

Früher war es leider so. Die Stellung der Frau in der Gesellschaft ließ lange Zeit eine Ausbildung zum Uhrmacher nicht zu. 1902 haben sich die ersten jungen Frauen an der DUS eingeschrieben. Insgesamt besuchten die Schule bis 1951 nur 44 Frauen. Einige ihrer Arbeiten, und die sind wirklich herausragend, zeigen wir in der Ausstellung. Schaut man sich heute die Uhrmacherklassen an, erlernen mehr Mädchen als Jungen den Beruf.

Wer bildet heute in Glashütte aus?

Die großen Firmen wie Glashütte Original, A.Lange&Söhne, Nomos, Mühle oder Wempe bilden selber aus. Die kleineren Firmen beziehen ihren Nachwuchs von der Staatlichen Schule in Glashütte. Die Bewerber für eine Ausbildung kommen oft von weither, was dem internationalen Ruf der heimischen Manufakturen zu verdanken ist. Wer in Glashütte zum Uhrmacher ausgebildet wird, hat eine nahezu 100prozentige Chance, bei den Firmen eine Festanstellung zu bekommen. An diesem Wochenende informiert übrigens Glashütte Original bei Tagen der offenen Tür unter anderem auch über die beruflichen Möglichkeiten im Unternehmen.

So international der Ruf von Glashütte auch ist, für junge Leute ist die Stadt – zumindest am Abend – nicht der Hit, oder?

Ein richtiges Abendleben wie in größeren Städten gibt es hier nicht. Aber mit dem Zug oder dem Auto ist man schnell in Dresden. Schon damals wurde den Uhrmacherschülern aber nicht langweilig in Glashütte. Die jungen Leute haben Leben in die Stadt gebracht, es gab Tanz- und Sportveranstaltungen. Überhaupt war das Vereinsleben bunt.

Sie sparen in der aktuellen Schau die Zeit nach 1951 aus – warum?

Die DUS wird 1951 von der „Fachschule für Feinmechanik und Uhrentechnik“ abgelöst. Das hatte politische Gründe, denn das Land brauchte damals allgemein ausgebildete Fachleute. Zudem hatte sich die gesamte Uhrenszene geändert. Statt der handwerklich gefertigten Taschenuhr war die industriell hergestellte Armbanduhr gefragt. Es war also logisch, diese klassische Ausbildung zu beenden und eine allgemeine Ingenieurausbildung zu beginnen. Aber das ist ein Thema für eine weitere Ausstellung, die wir in den nächsten Jahren fest im Plan haben. Ideen für Sonderausstellungen haben wir ohnehin ohne Ende.

Welche zum Beispiel?

Die Renaissance hin zu mechanischen Uhren hält an. Besucher wollen mehr wissen über Branchengrößen wie Julius Assmann oder Moritz Grossmann. Denkbar sind ferner Ausstellung über Schweizer Firmen. Auch eine allgemeine sächsische Ausstellung mit hier im Land gefertigten Luxusgütern von edlen Rasierpinseln bis zu Meißner Porzellan reizt. Und wir würden gern eine Ausstellung präsentieren über den Neuanfang nach der Wende. Heute fertigen rund 2000 Menschen in neun Manufaktoren in Glashütte Luxusuhren. Der Stoff wird uns nicht ausgehen.

Von Andreas Dunte

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