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Mitteldeutschland Gemeindereform in Landeskirche Sachsen: Ex-Thomaspfarrer Wolff sieht „Bankrotterklärung“
Region Mitteldeutschland Gemeindereform in Landeskirche Sachsen: Ex-Thomaspfarrer Wolff sieht „Bankrotterklärung“
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16:02 11.04.2018
Die Dreikönigskirche in Dresden wird zum Kirchenparlament. Hier tagen ab Freitag die Synodalen der evangelischen Landeskirche Sachsens. Quelle: dpa
Dresden/Leipzig

Weniger Kirchenmitglieder, Mangel an Pfarrern, sinkende Einnahmen: Die evangelisch-lutherische Landeskirche in Sachsen will jetzt mit einem großen Wurf auf den Schrumpfungsprozess reagieren. Kleinere Gemeinden sollen sich künftig zu größeren Verbünden zusammenschließen. Wie genau das gehen soll, das soll das Kirchenparlament, die Synode, auf ihrer am Freitag beginnenden Frühjahrstagung in Dresden entscheiden.

Heftiger Streit zwischen Kirchenleitung und Gemeinden

Der Vorgang ist von heftigen Debatten begleitet, weil zwei gegensätzliche Interessen einander gegenüberstehen: Die Kirchenleitung will die weniger werdenden Pfarrstellen möglichst gerecht verteilen. Ebenso die damit verknüpften Stellen von Gemeindepädagoginnen und -pädagogen sowie Kirchenmusikerinnen und -musikern. Diese Verteilung soll dann in der Praxis dann auch noch so umsichtig geschehen, dass sich ihr angestelltes Personal nicht in einem Flickenteppich von Teilanstellungen an unterschiedlichen Orten aufreibt.

Eine Herkulesaufgabe, die in den Gemeinden vor Ort zudem kaum auf Gegenliebe stößt. Hier fürchtet man, dass in den immer größer werdenden Gebilden die Kirche immer anonymer wahrgenommen wird und regionale Besonderheiten und Traditionen unter die Räder kommen.

So protestierte vor einem Jahr die Gemeinde Dresden-Hosterwitz gegen die Strukturreform und die fehlende Wiederbesetzung ihrer Pfarrstelle. Das Landeskirchenamt will erst, das die Gemeinde Hosterwitz mit einer Nachbargemeinde zu einem größeren Verbund fusioniert. Quelle: Foto: Steffen Giersch

Reformen sollen bis 2040 Gemeinden Stabilität geben

Dennoch: Der zur Synode vorliegende Kirchengesetzentwurf soll die Gemeinden wetterfest machen, möglichst für die nächsten 20 Jahren. Die Veränderungen sollen auch bei fortgesetztem Schrumpfen der Mitgliederzahl ausreichen, im besten Fall tatsächlich bis zum Jahr 2040. Hintergrund: Die Kirchenleitung will den Gemeinden nicht allzu oft solche kräftezehrenden Strukturveränderungen zumuten.

Bislang können zu klein gewordene Gemeinden auf dreierlei Art zusammenrücken:

1. Schwesterkirchverhältnis: Auf größtmöglicher Distanz bleiben sie, wenn sie ein Schwesterkirchverhältnis vertraglich vereinbaren. Dann behält jede Gemeinde ihren Kirchenvorstand, der auch über den eigenen Haushalt entscheidet.

2. Kirchspiel: Auf mehr Gemeinsamkeit müssen sie sich in einem Kirchspiel einlassen. Da bleiben zwar die einzelnen Gemeinden, haben aber nur noch einen Kirchspiel-Vorstand und einen gemeinsamen Haushalt.

3. Großgemeinde: Aufgehoben wird jegliche Distanz bei Variante drei, der Vereinigung von zwei oder mehr Gemeinden zu einer neuen, größeren.

Ein vierter Weg als Kompromissvorschlag

Die Kirchenleitung schlägt der Synode jetzt als Kompromiss eine vierte Art des Zusammengehens vor: den Kirchgemeindebund. Der gewährt den einzelnen Gemeinden durch eigene Kirchenvorstände und eigene Teilhaushalte die etwas größere Eigenständigkeit des Schwesterkirchverhältnisses, bringt sie durch einen zusätzlichen gemeinsamen Vorstand und Haushalt aber fast so nah zueinander wie im Kirchspiel.

Allerdings ist die Zahl der Gemeinden in diesem Verbund auf maximal acht begrenzt. Im Kirchspiel hingegen können es bis zu 16 Gemeinden, in Ausnahmen auch mehr sein. Kurz gesagt: Wer enger zusammenrückt, kann größer werden, was den Bestand auf längere Frist sichert.

Zugleich verlangt der Entwurf bei mehr als zwei Gemeinden im Schwesterkirchverhältnis einen übergeordneten Verbundausschuss mit mehr Entscheidungsgewalt. Was dieser lockersten Verknüpfung etwas mehr Verbindlichkeit verleiht, ähnlich der des neuen Kirchgemeindebundes.

Neue Idee: Kirchenregion mit drei Pfarrern für mindestens 10 Jahre

Zum Vorschlag der Kirchenleitung gehört außerdem, in jedem der derzeit noch 18 Kirchenbezirke Regionen zu schaffen. Jeder dieser „Planungs- und Gestaltungsräume“ muss so viele Kirchenmitglieder umfassen, dass deren Zahl für drei volle Pfarrstellen reicht, und zwar mindestens zehn Jahre lang.

Die erste Beratung zum Strukturgesetz sei für Samstag vorgesehen, eine zweite Lesung werde es am Sonntag geben, hieß es. Von den 712 Kirchgemeinden der sächsischen Landeskirche haben 105 weniger als 300 Gemeindemitglieder, 195 weniger als 600 und 179 weniger als 1000 Mitglieder. 73 Kirchgemeinden zählen mehr als 1000 evangelische Christen und lediglich 160 haben mehr als 1300 Mitglieder.

Bischof Rentzing fordert mehr „reformatorischen Wagemut“

Es ist der zweite Anlauf zur Reform. Den Vorschlag der Kirchenleitung, bis 2025 Struktureinheiten von mehr als 4000 Mitgliedern auf dem Land und mehr als 6000 in Städten zu schaffen, hatte die Synode nach Protesten aus Gemeinden vor einem Jahr abgelehnt. Landesbischof Carsten Rentzing hatte zuletzt im LVZ-Interview für die Reform geworben: „Wir dürfen unsere Aufgaben in Gegenwart und Zukunft nicht mit dem Geist der Verzagtheit angehen. Das führt zu einer depressiven Grundstimmung, die hemmt.“ Notwendig sei vielmehr ein neuer „reformatorischer Wagemut“, der weniger den einzelnen Pfarrer, sondern den Verkündigungsauftrag jedes Gläubigen in den Mittelpunkt rückt.

Sachsens evangelischer Landesbischof Carsten Rentzing war Anfang diesen Jahres zum Interview in der Chefredaktion der LVZ in Leipzig. Gesprächsrunde v.l. Dominic Welters , Jan Emendörfer , Carsten Rentzing und Olaf Majer Quelle: Andre Kempner

Pfarrer Wolff: Autoritäre Kirchenleitung ist Grund für das Desaster

Dennoch gibt es auch am neuen Entwurf Kritik. So monieren zwei Kirchenvorstände in Radebeul den Zwang zur Regionalisierung und zu enge Vorschriften zur Form der Zusammenarbeit. Der bislang heftigste Widerspruch kommt aus Leipzig: Ex-Thomaspfarrer Christian Wolff sieht in dem Reformpapier „eher eine Bankrotterklärung“ statt ein Signal des Aufbruchs. Es werde ein „bürokratisches Monster geschaffen“, die prophezeite Haltbarkeit der Reform bis 2040 sei ein „ziemlich unfrommer Wunsch.“

Kritisiert die Strukturreform: Leipzigs früherer Thomaspfarrer Christian Wolff. Quelle: Andre Kempner

Landesbischof wird zum „geistlichen Palmkübel“ degradiert

Hart ins Gericht geht Wolff vor allem mit dem Landeskirchenamt, der obersten Verwaltungsbehörde der sächsischen Landeskirche. Sie sei mit ihrem autoritärem Leitungsstil schuld am gegenwärtigen Desaster. „Alles wird von oben organisiert und bürokratisiert – wie zu Zeiten des landesherrlichen Kirchentums – immer darum bemüht, den jeweiligen Landesbischof zum geistlichen Palmkübel zu degradieren.“ Gegenüber Pfarrern, Mitarbeitern und Kirchgemeinden trete das Landeskirchenamt nach dem Motto auf: „Wir wissen, was für dich gut ist.“ Dieses Machtgebaren führe aber letztlich nur in die Sackgasse.

Synodale müssten nicht mit „Ja“ stimmen

Statt mehr zentralistischen Vorgaben von oben sei laut Wolff das Gegenteil notwendig: mehr Gestaltungsspielraum und Verantwortung für die einzelne Gemeinde vor Ort. „Das entscheidende Kriterium für jede Strukturreform in der Kirche muss sein, wie Menschennähe in der Seelsorge, Bildungsarbeit, Diakonie erreicht werden können – in den Städten wie im ländlichen Raum“, so Wolff. Strukturveränderungen müssten daher ausschließlich unten nach oben vollzogen werden. „Das bedeutet aber: Jede Kirchgemeinde muss sich befreien von institutioneller Bevormundung, von selbstverschuldeter Unmündigkeit, von Obrigkeitshörigkeit.“

Die Synodalen sollten daher genau überlegen, wofür sie in Dresden votierten: „Das Gesetz zu beschließen, muss nicht sein. Niemand ist gezwungenes Opfer. Alle können auch anders“, so der Ex-Thomaspfarrer.

Von Tomas Gärtner und Olaf Majer

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