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Mitteldeutschland „Gespenst vom Krankenhaussterben ist aufgebauscht“
Region Mitteldeutschland „Gespenst vom Krankenhaussterben ist aufgebauscht“
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08:03 27.04.2018
Professor André Gries (51) ist seit 2011 Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme am Uniklinikum Leipzig. Quelle: Foto: Ines Christ, UKL
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Leipzig

 Die neuen Vorgaben für die Notfallversorgung, die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) für beteiligte Krankenhäusern in der Vorwoche beschlossen hat, findet Professor André Gries (51), Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme am Uniklinikum Leipzig, „richtig und gerecht“, wie er im LVZ-Interview sagte. Als Experte der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hatte er den Ausschuss medizinisch beraten.

Müssen Kliniken schließen, wenn sie den beschlossenen Kriterien zur Notfallversorgung nicht mehr genügen?

Das ist keineswegs das Ziel der Strukturreform. Der G-BA hat sich seit zweieinhalb Jahren mit dem Thema beschäftigt und nun erstmalig Maßstäbe festgelegt, um Krankenhäusern, die sich an der Notfallversorgung beteiligen, zu kategorisieren. Kliniken mit umfangreicher Ausstattung und qualifiziertem Personal erhalten künftig mehr Zuschüsse als solche, die nur minimale Ressourcen vorhalten oder für Notfallversorgung irrelevant sind. Das ist aus unserer Sicht zu begrüßen, weil es zu mehr Versorgungsqualität und Vergütungsgerechtigkeit führt.

Verständlich aus der Perspektive eines modernen Uniklinikums – aber was wird aus dem kleinen Provinzkrankenhaus, dass sich die geforderte Ausstattung nicht leisten kann?

An Kliniken, die jetzt möglicherweise durchs Raster fallen, war die Zahl der versorgten Notfallpatienten ohnehin minimal. Deren Anteil lag im einstelligen Prozentbereich. Damit ist das Gespenst vom Krankenhaussterben oder der massenhaften Schließung von Notaufnahmen zu aufgebauscht. Wenn wir künftig eine gute Qualität der Versorgung haben wollen, die vernünftig vergütet wird, dann sind die nun beschlossenen Reformen richtungsweisend.

Das sieht die Krankenhausgesellschaft aber ganz anders…

Dass jede Gesellschaft die Interessen ihrer Mitglieder und in diesem Falle die Krankenhausgesellschaft auch die der kleinen Krankenhäuser vertritt, wundert mich nicht. Aber trotz der abweichenden Auffassung der Deutschen Krankenhausgesellschaft in zahlreichen Punkten ist die Reform beschlossene Sache. Denn die Maxime kann nur sein, für jeden Einzelnen und die ganze Gesellschaft eine bestmögliche medizinische Versorgung sicherzustellen und zu finanzieren.

Was gehört denn neben der Notaufnahme noch zu einem Krankenhaus der Notfallversorgung?

Da gibt es Vorgaben zur Ausstattung mit medizinischen Geräten, zu der stets verfügbare Computertomographen gehören, oder zur Intensivmedizin, wobei in Kliniken der Basisversorgung mindestens sechs Betten, davon drei mit Beatmungsgeräten vorhanden sein müssen. An Fachabteilungen sollten Innere und Chirurgie als Grundvoraussetzung, ärztlich auch eine Anästhesie vorhanden sein. Das ist nicht zu viel verlangt. Niemand möchte im Notfall in eine Klinik eingewiesen werden, die über keine Intensivstation verfügt. In solchen Fällen darf man schon zweifeln, ob das bisher eine vernünftig ausgestattete Klinik war.

Wenn eine Einrichtung mit der Versorgung überfordert war, flog der Rettungshubschrauber ein und brachte den Patienten in die nächste Spezialklinik. Was war daran verkehrt?

Transport und Einweisung in eine solche Klinik bedeuten kostbare Zeit. Deshalb gibt es im Trauma-Netzwerk bereits eine Kategorisierung der Krankenhäuser. Lieber fliegen wir mit dem Rettungshubschrauber fünf Minuten länger und kommen dann an eine Klinik, die dringend nötige Initialdiagnostik leisten und ein komplexes Verletzungsmuster wirklich behandeln kann. Unterm Strich bringt das eine bessere Prognose für den Patienten, als wenn er zuvor irgendwo zwischengeparkt wurde.

Kritiker der Reform weisen allerdings darauf hin, dass schon jetzt jeder vierte Rettungseinsatz verspätet am Einsatzort ankommt – nun drohen noch längere Rettungswege?

Bei der Hilfsfrist – also der Zeit zwischen Alarm und Eintreffen an der Einsatzstelle – haben die Bundesländer unterschiedliche Vorgaben. Die Entfernung zur geeigneten Zielklinik spielt für die Transporte eine Rolle. Wo Krankenhäuser sehr weit auseinanderliegen und der schnelle Luftransport nicht möglich ist, mag das zutreffen. Die Krankenhausplanung obliegt aber den Ländern. Und die können in Regionen, wo die flächendeckende Versorgung schwierig oder unmöglich erscheint, Ausnahmeregelungen erwirken. Im übrigen sind die Krankenhäuser aufgefordert, sich noch besser mit den niedergelassenen Ärzten, der kassenärztlichen Vereinigung und den Rettungsdiensten abzustimmen. Ambulante sowie klinische Versorgung und der Rettungsdienst sollten besser verzahnt und über die Rettungsleitstellen disponiert werden. Das gibt die Gesetzeslage noch nicht her. Hier besteht noch Handlungsbedarf.

Die Krankenhausgesellschaft spricht von überzogenen Kriterien und rät den Ländern zu möglichst umfassenden Ausnahmeregelungen…

Es ist doch nicht so, dass Krankenhäusern die Notfallversorgung verboten wird oder sie willkürlich von der Karte getilgt ­werden. Aber es gibt Mini-Krankenhäuser, die sich schon heute ganz raushalten oder Notfälle nur mit minimalem Aufwand versorgen, aber trotzdem den finanziellen Zuschlag bekommen. Da sollte schon genau hingesehen werden, ob die Zuschüsse tatsächlich gerechtfertigt sind.

Auf einer Karte des G-BA sind die fraglichen Krankenhausstandorte schon farblich gekennzeichnet. Welche sind das in Mitteldeutschland?

Das werde ich jetzt nicht kommentieren. Ich habe mich über eine Karte zum jetzigen Zeitpunkt gewundert, weil es dafür aufgrund verschiedener Übergangsregelungen noch zu früh ist. Deshalb würde ich dem keine allzu große Bedeutung beimessen. Aufkommende Ängste sind verständlich, aber ich bin zuversichtlich, dass nach gemeinsamer Betrachtung die flächendeckende Versorgung auf sogar höherem Niveau gesichert bleibt. Dass Zuschüsse künftig nach bestimmten Kriterien gestaffelt werden, finde ich richtig und gerecht.

Von Winfried Mahr

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