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Grüne Invasoren: Pollen verschiedenster Pflanzen treiben Allergiker zur Verzweiflung

Grüne Invasoren: Pollen verschiedenster Pflanzen treiben Allergiker zur Verzweiflung

Ingolf Kühn (46) vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Halle ist so etwas wie ein Umweltdetektiv. Er ermittelt gegen Neophyten. Das sind Pflanzen, die durch Menschen direkt oder indirekt nach Deutschland eingeführt wurden, wo sie natürlicherweise nicht vorkommen.

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Nicht nur Haselnussblüten treiben Allergiker zur Verzweiflung. Mittlerweile gibt es noch ganz andere, unberechenbare Gefahren für Betroffene.

Quelle: dpa

Leipzig. Rund 700 davon gibt es gegenüber 2700 einheimischen. "Die meisten von ihnen verwildern und sind völlig unproblematisch. Aber rund zehn Prozent könnten richtig Ärger machen."

Kühn und Kollegen stießen auf Erstaunliches. Ausschlaggebend für die gegenwärtige Einwanderung sind nämlich nicht die wirtschaftlichen Faktoren des Jahres 2000, sondern jene von 1950 und sogar 1900. "Und das trotz zweier Weltkriege und einer sich völlig verändernden Landkarte", konstatiert Kühn. Schon damals seien also die Grundlagen dafür gelegt worden, welche Pflanzen heute invasiv werden und welche aussterben. Ergo: "Selbst, wenn wir sofort anders handeln, würde es noch Jahrzehnte dauern, bevor sich das in der Natur niederschlägt."

Je mehr Menschen an einem Ort, je reicher ein Land - desto stärker die Eingriffe in die Natur und desto stärker die Störungen. Stadtbrachen, Industriebrachen und Äcker sind besonders anfällig. Aber auch Flussauen, die regelmäßig überschwemmt werden.

Über die Hälfte der Arten, die in Deutschland invasiv werden, wurden allerdings bewusst eingeführt - beispielsweise als Zier- und Nutzpflanzen wie die Robinie. Und es gibt auch in Deutschland noch keine Pflanzenart, die durch eine andere eingeschleppte Pflanzenart zum Aussterben gebracht worden ist.

Die Beifuß-Ambrosia (auch Ragweed), die erst in den 1990er Jahren über den Umweg Ungarn und Frankreich aus Nordamerika eingeschleppt wurde, ist allerdings ein anderes Kaliber. Sie ist eine der am stärksten allergen wirkenden Pflanzen und sie beginnt erst im Spätsommer oder am Herbstanfang zu blühen - ab August bis in den Oktober hinein. Ambrosia-Samen finden sich häufig im Vogelfutter - ein bis zwei Millimeter große und bräunliche Kugeln. Darüber hinaus arbeitet sich der Eindringling durch Lastkraftwagen und Getreidetransporter entlang der Autobahnen und Fernverkehrsstraßen vom Süden nach Norden vor, wie eine Studie im Auftrag des Bayrischen Umweltministeriums ergab. Um die Verbreitung von Ambrosia einzudämmen, sendet Berlin darum seit einigen Jahren Ein-Euro-Jobber als "Ambrosia-Scouts" aus, nachdem größere Funde der aggressiven Pflanze im Ostteil der Stadt gemacht wurden.

Kühn vermutet, dass es noch schneller gehen könnte, wenn die Winter wärmer werden. Auch Regina Treudler, leitende Oberärztin an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Leipziger Uniklinik, mahnt Eindämmungsprogramme an. "Das größte Vorkommen Deutschlands befindet sich in der Lausitz südlich von Cottbus." Also an der Grenze zu Sachsen. "Das Fiese an den Ambrosia-Pollen ist, dass sie so klein sind im Vergleich, aber dass geringste Mengen reichen, um Allergien auszulösen. Sie gehen ganz schnell in die Lunge und verursachen ein allergisches Asthma." Im Augenblick sind es um die 20 Fälle im Jahr an der Leipziger Uniklinik. Treudler fürchtet, dass viele Fälle nicht hinreichend diagnostiziert werden. "Wenn jemand ab September Beschwerden hat, wird oftmals Schimmel oder Beifuß vermutet."

Ambrosia-Allergien können außerdem von Nahrungsmittelallergien begleitet werden. Das Klinikum arbeitet gegenwärtig an einer Studie über eine von Birken verursachte Sojaallergie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde. Für Ambrosia seien ähnliche Allergien gegen Kürbis, Melone, Banane und Gurke beschrieben. Zur Bekämpfung müssten die Allergene identifiziert und eliminiert werden. Auch eine Hyposensibilisierung sei möglich, also eine Spritzentherapie über drei Jahre hinweg. Allerdings betragen hier allein die Präparatkosten rund 2000 Euro, dazu kommen Sprays und andere Medikamente. Schließlich müssten auch Arbeitsausfall und deutliche Leistungseinschränkungen einkalkuliert werden.

Was Treudler besonders umtreibt, sind zwei Fragen: Wie wirkt sich die Ausbreitung der Ambrosia-Pollen auf die Allergiehäufigkeit in Sachsen aus? Und: Was kann man gegen die Ausbreitung der Pflanze unternehmen? Und sie hat auch schon konkrete Ideen. "Ein Weg wäre, die Leute rufen bei Funden an." Was die Allergiehäufigkeit anbelange, müssten zudem gezielte Forschungsprogramme her. Treudler: "Wir stünden als Kooperationspartner bereit."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.04.2013

Roland Herold

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