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Mitteldeutschland Hartmannbund Sachsen: Bürokratie durch Kassen wesentliche Ursache für den Pflegenotstand
Region Mitteldeutschland Hartmannbund Sachsen: Bürokratie durch Kassen wesentliche Ursache für den Pflegenotstand
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23:00 11.09.2018
Thomas Lipp, Chef des Sächsischen Hartmannbundes, fordert weniger Bürokratie der Krankenkassen im Pflegebereich. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Der Chef des Sächsischen Hartmannbundes, der Leipziger Arzt Thomas Lipp, erhebt vor dem Hintergrund fehlender Pflegekräfte in Deutschland schwere Vorwürfe gegen die Krankenkassen und die von ihnen und der Politik ausgelösten Bürokratieorgien. Gleichzeitig konstatierte er, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) könne 30 000 Pflegekräfte gern mehr beschließen, „aber wenn sie nicht da sind, sind sie nicht da“.

Der Leipziger Mediziner, dessen Praxis unter anderem selbst 1800 Schwerkranke behandelt, unterstrich gegenüber der LVZ: „Ohne Pflege könnten wir Ärzte gar nichts mehr tun.“ Allerdings konkurriere die Pflege mit anderen Berufen, die wesentlich attraktiver seien. „So lange die Pfleger nicht adäquat entlohnt werden, die Arbeit attraktiver wird , dürfte der Zustrom junger Menschen in die Pflege zu gering sein“, so Lipp. Denn Pflege ist oft belastend weil klassische Erfolgsergebnisse naturgemäß ausblieben, dieser Beruf habe darum sehr viel mit Idealismus und Empathie zu tun.

„Wir müssen den Pflegeberufen höchste Wertschätzung entgegenbringen“, mahnte der Chef des Hartmannbundes. Der Pflegebereich sei mittlerweile auf einem sehr hohen fachlichen Niveau und ein echter Versorgungs- Partner für den Haus-und Facharzt. Pflegebedingtes Wundliegen habe ich in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr erlebt, sagte Lipp. „Das Niveau in den meisten Heimen ist – zumindest in Sachsen – gut bis ausgezeichnet.“

„Deshalb sollte man von dieser Tätigkeit – soweit möglich – alle unnötigen Belastungen wegnehmen“, forderte der Allgemeinmediziner. „Wenn aber etwa ein Drittel der Arbeitszeit und damit ja ein Drittel des Personals Dokumentationszwecken geopfert wird, dann ist doch klar, dass von den 30 000 neuen Pflegekräften eigentlich 10 000 für Schreibarbeiten gebraucht werden.“

Die meisten Dokumentation dienen jedoch nur der Überprüfung, „weil jeder in diesem System dem anderen Betrug unterstellt“. Lipp: „Deswegen wird kontrolliert, was geht. Es werden Daten gesammelt ohne Ende und ohne Sinn und Verstand.“ Er fordere deshalb, dass künftig nur noch Auffälligkeiten erfasst werden.

Außerdem soll und muss bei der demografischen Entwicklung und dem kommenden Ärztemangel in der Fläche die Pflege weitere medizinische Aufgaben übernehmen. Das will und kann sie auch. Das macht den Beruf attraktiver„Wenn Pflege aber medizinische Aufgaben entlastend übernehmen soll, muß die Haftungs-Budget und Finanzierungfrage geklärt sein.“

Dies werde aber durch die Krankenkassen blockiert. „Wenn der Pflegedienst bestimmte Arbeiten des Arztes übernimmt, darf man nicht versuchen, Ärzten letztlich die Pflegeaufgaben bezahlen zu lassen durch reine Honorarverschiebung. Diese Kostenfixiertheit auf minimalstes Niveau ohne Bezug auf Mengenentwicklung, Mehraufwand und Qualitätsverbesserung bremst moderne Strukturen. Diese Umstrukturierung wird von den Kassen gern als Weg zur weiteren Reservebildung betrachtet.“ Aber Pfleger würden die Aufgaben nicht übernehmen, wenn man sie künftig Budgets oder ähnlichen Regularien unterwerfen wolle.

Verschärft werde das Versorgungsproblem durch die Tatsache, dass in Sachsen in zehn Jahren nur noch 60 bis 70 Prozent der derzeit vorhandenen Hausärzte praktizierten, während die Bevölkerung weiter altere. Der Versorgungsbedarf werde also nicht sinken. Deshalb müsse die Versorgung auf ein neues Fundament gestellt werden. Allerdings stießen Versuche, Ärzte von bestimmten Aufgaben zu entbinden („Substitution“) auf erhebliche Widerstände auch innerhalb der Ärzteschaft. Verlustängste! Der praktizierende Arzt vor Ort hat oft nur wenig Verständnis für das zögerliche , hinhaltende Agieren der Ärztekörperschaften. „Man will den Arzt gern in mittelalterlichen Strukturen überwintern lassen“, spottete Lipp. Doch schon jetzt klagten vor allem Hausärzte über zu viel Bürokratie. „Wenn wir keine Sechs-Minuten-Medizin pro Patient wollen, dann müssen wir schauen, welche Arbeiten andere vielleicht besser machen könnten.“

Das gelte selbstverständlich nicht für Bereiche, wo der „Arzt aufgrund seiner langen, zwölfjährigen Ausbildung unabdingbar ist“. Allerdings stellt sich die Pflege für diese Leistungsübernahme, die in anderen Ländern längst Usus ist, derzeit noch quer, weil sie die Ausbildung gar nicht hätte. „Hier muss es dringend Änderungen geben“, forderte Lipp. Er sei dafür, dass Pfleger, Apotheker, Zahnärzte und Ärzte manches gemeinsam studierten und gemeinsam bestimmte Fächer, Vorlesungen und Seminare belegten. „Damit könnte die junge Generation die Interaktion zwischen den verschiedenen Berufsebenen erfahren und leben“, nannte Lipp einen Vorteil. Gleichzeitig würde dieses Vorgehen die Universitäten entlasten, da so manche Vorlesungen dann nur einmal gehalten werden müssten.

Zur deutlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen fordern die Gewerkschaften mittlerweile einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für die gesamte Pflegebranche. Die Zahl der Pflegebedürftigen in Sachsen könnte einer aktuellen Studie zufolge bis 2030 um bis zu 45 000 Personen ansteigen. Laut einer Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg wären dann bis zu 212 500 Menschen im Freistaat pflegebedürftig. Im Jahr 2015 lag die Zahl demnach noch bei knapp 167 000. „Eines ist klar: mit heutigem Denken und heutigen Strukturen ist das nicht zu stemmen“, sagte Lipp.

Von Roland Herold

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