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Mitteldeutschland Heimkehr aus Ägyptens Chaos - zwei Dresdner über die gespenstische Atmosphäre in Kairo
Region Mitteldeutschland Heimkehr aus Ägyptens Chaos - zwei Dresdner über die gespenstische Atmosphäre in Kairo
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19:14 04.02.2011
Dresden/Kairo

Die beiden haben den Aufruhr wie im Zeitraffer erlebt. „Wir wollen so schnell wie möglich zurück, werden uns wohl aber für länger hier einrichten müssen“, sagt die 41-Jährige Antje. Hier heißt nun Deutschland, hier heißt aber auch „in Sicherheit“.

Antje Thiersch war Mitte 2009 als Koordinatorin für die Deutschen Schulen nach Ägypten gekommen. Daniel Rode fuhr als mitreisender Ehemann und machte Kairo schon bald zu seiner künstlerischen Heimat. Bei einem Kunstprojekt zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit gestaltete er die Mauer der Deutschen Botschaft in der ägyptischen Hauptstadt. „Wir sind viel im Land gereist und haben Ägypten lieben gelernt“, sagt der 39-Jährige.

Dresden/Kairo. Antje Thiersch und Daniel Rode lieben Ägypten. Seit Sommer 2009 leben und arbeiten die beiden Sachsen in Kairo. Jetzt sehen sie das Land im Chaos versinken, erlebten den Aufruhr wie im Zeitraffer. Am vergangenen Dienstag kehrten sie mit kleinem Gepäck zurück und sitzen seitdem zwischen den Stühlen.

Jetzt macht ihnen die ägyptische Tragödie mit all der Gewalt und geplünderten Ausgrabungsstätten zu schaffen. Beide glauben nicht, dass es jemals so sein wird wie vorher. „Wir haben uns immer sicher gefühlt, dieses Gefühl wird verloren gehen“, sagt Daniel: „Ich habe das Gefühl, in diesem Land geht etwas in einer Dimension kaputt, deren Ausmaß noch gar nicht absehbar ist. Da ist eine Büchse geöffnet worden, die man nicht so schnell wieder zubekommt.“

Bis 25. Januar war die Welt für Thiersch und Rode in Ägypten noch in Ordnung. Daniels Eltern waren zu Besuch, das touristische Programm lief auf vollen Touren. Auch die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo haben sie an diesem Tag gesehen. „Für die Menschen in Kairo ist der Anblick von Polizei nichts Ungewohntes. In einem Land mit andauerndem Ausnahmezustand ist das normal“. Als aber erstmals das  Handynetz ausfiel, bekam Rode eine Vorahnung von der Dimension.

Der 28. Januar brachte das Chaos. Eigentlich sei der Freitag ein sehr ruhiger Tag in Kairo, für viele Ägypter - wie der Sonntag in Europa - der einzige freie Tag der Woche, erzählt Rode. „Ich fuhr meine Eltern zum Flughafen, sie wollten an diesem Tag planmäßig zurückfliegen.“ Vor dem Airport habe es plötzlich Stau gegeben. „Das waren alles Ägypter, die waren schon auf der Flucht“, schildert Antje den ungewohnten Anblick. Spätestens da sei ihnen klar geworden, dass sich am Nil etwas zusammenbraut.

Die folgenden Stunden und Tage haben die beiden Deutschen voller Angst und Bangen verbracht, auch wenn sie selbst nicht Augenzeugen der Gewalt wurden. Von ihrer Wohnung im Stadtteil Mohandessin konnten sie die Zuspitzung atmosphärisch spüren. „Es war erschreckend, in welchem Tempo das vonstatten ging.“ Erst habe es auf ihrer Straße noch alles sehr geordnet gewirkt, die Bewohner hätten aus Schutz vor Plünderungen Bürgerwehren gebildet und jedes Auto kontrolliert.

„Aber dann waren immer mehr Leute bewaffnet unterwegs. Das war wie der Tag vor Silvester, wo man überall in der Stadt schon Böller hört“, beschreibt Daniel die gespenstische Atmosphäre. Aus Schüssen wurden Salven. Am 1. Februar flogen sie mit anderen Deutschen aus. An Bord befand sich auch eine Kollegin Antjes vom Deutschen Akademischen Austauschdienst. Sie war erst kurz zuvor aus Tunis nach Kairo gekommen, um nach dem Umsturz in Tunesien in Sicherheit zu sein.

Jetzt, mit einigen Tagen Abstand, spricht Daniel Rode fast schon nüchtern über die Lage. Dass die Polizei in der Nacht des 28. Januar im ganzen Land komplett untertauchte, hält er für eine gezielte Aktion. Dieselben Leute hätten später „als Volk verkleidet“ Gewalt ausgelöst. Mit Sorgen sieht er, dass nun mehr und mehr Ausländer in das Machtspiel hineingezogen werden. Das Regime setzte Legenden in die Welt, dass die Ereignisse von außen gesteuert würden.

Dass der Westen in seinen Stellungnahmen zu Ägypten so apathisch wirkte, kann Rode nicht verstehen. „Wir müssen uns nicht schämen für die Politik der letzten Jahre. Präsident Husni Mubarak galt ja als Garant für den Frieden in der Region. Für die letzte Woche müssen wir uns aber schämen“, sagt der Künstler. Als Ägypter aus allen Schichten auf die Straßen gingen, um für Freiheit und Demokratie einzustehen,  habe Europas Diplomatie ein klares Votum versäumt.

Jörg Schurig, dpa

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