Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Heiße Tage bei der sächsischen Feuerwehr in Görlitz
Region Mitteldeutschland Heiße Tage bei der sächsischen Feuerwehr in Görlitz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:00 26.07.2018
Immer an vorderster Front: Wie hier bei einem Hausbrand in Dippoldiswalde riskieren die Kameraden viel bei ihren Einsätzen . Quelle: Foto: dpa
Leipzig

Bei Sachsens Feuerwehren geht es derzeit heiß her, und das nicht nur der hochsommerlichen Temperaturen wegen. Die freiwilligen Retter haben zudem mit Personalmangel, oft veralteter Ausrüstung und einer „verkrusteten und ineffizienten Behördendiktatur“ zu kämpfen. So zumindest beschreibt es ein Initiativkreis kritischer Feuerwehrleute in einem Brandbrief, der vor dem Landesfeuerwehrtag in Görlitz an alle Wehren verteilt wurde. Darin wird der „Rücktritt des jetzigen Landesbranddirektors René Kraus und die Erneuerung des Landesfeuerwehrverbandes, insbesondere seiner Führung“ gefordert.

Das Schreiben ist mit Verweis auf drohende Abmahnungen und Mobbing gegen die Initiatoren nicht namentlich unterschrieben. „Aber es gibt uns wirklich“, versichert Jack Riedel aus Leipzig, der beim international tätigen Verein Eurofire die Geschäfte führt. „Wir sind eine Gruppe fortschrittlich denkender Kameraden aus allen Teilen Sachsens, die sich für mehr Demokratie in den Feuerwehren einsetzt.“ Die Mitglieder von freiwilligen und Berufswehren wollen nach eigener Ankündigung heute öffentlich für ihre Ziele in Görlitz demonstrieren, während Landesvorstand und Verbandsausschuss tagen.

Rund 42 000 Feuerwehrleute versehen derzeit ihren Brandschutzdienst im Freistaat. Ihre Arbeit sei zunehmend geprägt von einem „nicht mehr hinnehmbaren Bürokratismus“, beklagen die Kameraden. Nachweisführung und Studium immer neuer Dienstvorschriften kosteten wertvolle Zeit, die Tageseinsatzbereitschaft sei vielerorts prekär. „Progressive Arbeit zur Verbesserung dieser Situation wird mit Verweis auf diese Dienstvorschriften von Ämtern und Behörden immer wieder behindert“, heißt es. Eigene Ideen und Initiativen zur Zukunft der Feuerwehren würden ignoriert und „freiwillige Feuerwehren bevormundet, gegängelt, aus Angst, dass eine demokratische, offene Kommunikation auch zum Abbau nicht benötigter ,Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen’ in Ministerien und Behörden führen könnten“.

Als Vergleich werden Feuerwehrsatzungen aus Sachsen-Anhalt herangezogen, wo die Selbstgestaltung und -verwaltung der Feuerwehren höchste Priorität habe. „In Sachsen stehen diese unter der Knute von Behörden und Berufsfeuerwehren und haben nur wenig oder keinen Spielraum, die sie betreffenden Angelegenheiten eigenständig zu klären“, so die Initiatoren. „Die freiwilligen Feuerwehren können und müssen sich selbst organisieren und die sie betreffenden Angelegenheiten auch eigenständig klären können.“ Der 18-jährige Vereinschef Riedel legt noch nach: „Schließlich sind wir es, die im freiwilligen Einsatz ihr Leben riskieren!“

Um die Mitarbeit in den freiwilligen Wehren attraktiver zu machen, fordern die unter der Losung „Wir sind Feuerwehr!“ versammelten Kameraden das Innenministerium auf, eine Reihe von Vergünstigungen einzuführen. Dazu zählen neben der kostenlosen Nutzung von Kultureinrichtungen, Schwimmhallen, Bussen und Bahnen höhere Aufwandsentschädigungen und eine verbesserte Absicherung im Falle von Erwerbsunfähigkeit, Invalidität oder Tod.

Kritisiert wird auch, „dass sächsische Feuerwehren teilweise immer noch von alten SED-Bonzen und bis in die Leitung des Landesfeuerwehrverbandes hinein von Stasi-Schergen geführt werden, die im Ego-Kampf um deren Pöstchen eine Erneuerung nicht zulassen“, heißt es.

Der Vorsitzende des Landesfeuerwehrverbandes Karsten Saack reagiert gelassen. „Die meisten aufgestellten Forderungen zur sozialen Absicherung der Kameraden und ihrer Familien hat der Verband selbst zur Evaluierung des Brandschutzgesetzes eingebracht. Dazu hätte es keiner neuen Initiative bedurft.“ Auch die Vereinfachung des Dienstvorschriften-Dschungels stehe auf der Verbands-Agenda, versichert der 53-Jährige. Zu den Rücktrittsforderungen gegen die Verbandsführung sagt er, dass dergleichen aus Stadt- und Kreisfeuerwehrverbänden bisher weder an ihn noch den Vorstand herangetragen worden sei. Der Wechsel des Landesbranddirektors sei längst beschlossen, da der Amtsinhaber und Leiter der Landesfeuerwehrschule Nardt, René Kraus (44), ab Oktober an die Spitze der Chemnitzer Feuerwehr rücke. Jeder könne offen seine Meinung sagen, betont Saack. „Ich werde mich am Sonnabend wieder zur Wahl stellen“, kündigt der Feuerwehrmann aus Oschatz an. „Wenn es Einwände gegen mich in diesem Ehrenamt gibt, dann ist dort die beste Gelegenheit, sie vorzubringen.“

Das Innenministerium drängt auf eine Versachlichung der Debatte. „Viele Sachsen engagieren sich mit ihrer Arbeit bei den Feuerwehren ehrenamtlich für den Brandschutz in unserem Land“, lobt Innenminister Roland Wöller, zollt dafür seinen Respekt und Dank. Brandschutz sei zwar ureigene Aufgabe der Kommunen. „Dennoch unterstützt der Freistaat Sachsen in vielerlei Hinsicht“, sagte der stellvertretende Ministeriumssprecher Jan Meinel und verweist auf ein im Juli geschnürtes millionenschweres Investitionspaket, das in den kommenden fünf Jahren rund 215 Millionen Euro für den Brandschutz vorsieht. Zudem würden in laufenden Gesprächen mit den kommunalen Spitzenverbänden und dem Landesfeuerwehrverband weitere Hilfen geprüft, so der Sprecher. Dazu zählten auch Zusatzleistungen bei Todesfall oder Invalidität der Helfer.

Auch an die Adresse der kritischen Feuerwehrleute ließ Innenminister Wöller noch mitteilen, dass er am Wochenende persönlich in Görlitz vor Ort sei, „um mit Kameradinnen und Kameraden unmittelbar ins Gespräch zu kommen“.

Von Winfried Mahr

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Viele Paare wünschen sich für ihre Trauung ein ganz besonderes Datum – in diesem Jahr ist es der 18.8.2018. Doch bei der Terminwahl mussten die Zukünftigen in Leipzig und Co. schnell sein.

26.07.2018

Sachsen war 2017 das blitzreichste Bundesland. Der Blitz-Informationsdienst von Siemens verzeichnete 37 901 Erdblitze für den Freistaat, der damit vor Hessen und Berlin liegt.

26.07.2018
Mitteldeutschland Carsharing-Verein feiert 25-Jähriges - Am Anfang stand ein „Favorit“

33 000 Mitglieder, 970 Fahrzeuge, 540 Stationen, 18 Städte in drei Bundesländern – zum 25. Geburtstag kann das mitteldeutsche Carsharing-Unternehmen Teilauto auf eine beeindruckende Bilanz verweisen. Begonnen hat die Erfolgsgeschichte vor einem Vierteljahrhundert praktisch in einer Garage.

26.07.2018