Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
IWH-Chefin Buch sieht Risiken im Bankensektor

IWH-Chefin Buch sieht Risiken im Bankensektor

Zur Bekämpfung der Euro-Krise sind viele Reformen eingeleitet worden, "der grundlegende Kurs stimmt". Das sagte Claudia Buch, seit 1. Juni 2013 Präsidentin des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), im LVZ-Interview.

Voriger Artikel
Erfurter Staatsanwaltschaft beantragt Aufhebung der Immunität Lieberknechts
Nächster Artikel
Ägypten im Ausnahmezustand: Leipziger Familie lebt mittendrin

IWH-Chefin Claudia Buch.

Quelle: dpa

Halle. Ein großer Standortvorteil sei die gute Infrastruktur. Die Professorin (47) lehrte zuvor an der Universität in Tübingen. Buch ist seit 2012 Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, auch als Wirtschaftsweise bezeichnet.

Frage: Wie haben Sie sich eingelebt?

Claudia Buch: Prima. Ich habe einen sehr guten, positiven Eindruck sowohl vom Institut als auch von der Stadt Halle und der mitteldeutschen Region.

Warum hat es Sie aus dem wirtschaftlich so prosperierenden Südwesten Deutschlands in den armen Osten verschlagen?

Ich habe schon in vielen Gegenden Deutschlands gelebt, nicht nur im Südwesten. Wir haben in Ostdeutschland im Vergleich zu anderen Regionen eine sehr unterschiedliche Wirtschaftsstruktur. Wie viel ist davon historisch bedingt? Welche Auswirkungen gibt es heute noch wegen des anderen Wirtschaftssystems der DDR? Wie kann diese Region jetzt einen besseren Anschluss an die internationale Entwicklung schaffen? Warum gibt es Regionen, denen es gut geht, die aufholen, während andere kaum vorankommen? Das sind, gerade aus Forschersicht, interessante Themen, spannende Gegensätze und einer der großen Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts in Halle.

Wie sind Ihre ersten Eindrücke vom Wirtschaftsstandort Ostdeutschland?

Ein Charakteristikum ist, dass es hier sehr viele kleine Unternehmen gibt. Damit einhergehend ist die Forschungs- und Entwicklungsintensität geringer, denn das leisten typischerweise die großen Unternehmen. Die Kleinteiligkeit ist auch damit verbunden, dass die ostdeutsche Wirtschaft insgesamt weniger international aufgestellt ist. Den teuren Zutritt in Auslandsmärkte können sich zumeist nur die großen Unternehmen leisten. Wir wollen am IWH diese Strukturen genau analysieren, um daraus wirtschaftspolitische Empfehlungen abzuleiten.

Ostdeutschland hat niedrigere Löhne als der Westen. Ist das ein Wettbewerbsvorteil?

Das hat natürlich entscheidend mit den unterschiedlichen Strukturen zu tun. Aber wegen des demografischen Wandels werden wir mittelfristig tendenziell steigende Löhne bekommen. Insbesondere da, wo es wirtschaftlich gut läuft.

Wozu die Region Leipzig/Halle gehören wird?

Es gibt hier zwei große Standortvorteile. Der eine ist eine gute Infrastruktur, zum Beispiel über den Flughafen Leipzig/Halle. In einer globalisierten Welt sind schnelle Warentransporte rund um den Globus sehr wichtig.

Und der zweite Vorteil?

Die Region hat bedeutende Wissenschaftseinrichtungen. Das ist neben der Infrastruktur ein zentraler Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung.

Es gibt seit Längerem heftige Kritik an den Wirtschaftswissenschaften. Sie hätten Krisen nicht richtig vorhergesagt, die Prognosen seien so treffsicher wie die von Wetterfröschen.

Prognosen sind grundsätzlich schwierig, das gilt für alle Fächer, auch die Meteorologie. Ich glaube, die Wetterforscher sind ein bisschen besser geworden, weil sie mehr Daten in größeren Rechnern verarbeiten. Bei der wirtschaftlichen Entwicklung handelt sich aber nicht um einen naturwissenschaftlichen Prozess. Wir beschäftigen uns mit Märkten und Institutionen, in denen Menschen aktiv handeln. Soziologische, psychologische, gesellschaftliche Faktoren spielen somit eine wichtige Rolle. Das macht Prognosen schwieriger. Aber: Wir wissen viel darüber, was zu den Krisen führte. Wir haben eine umfangreiche Forschung zu den Währungs- und Bankenkrisen in Lateinamerika und Asien. Die Mechanismen und Abläufe haben eine große Ähnlichkeit zur aktuellen Finanzkrise.

Dann müssten Sie wissen, was da auf uns noch zukommen wird. Momentan, so scheint es, herrscht ein wenig Ruhe.

Wir haben im Moment in der Tat eine Beruhigung auf den Märkten. Die Europäische Zentralbank hat durch die Ankündigung, verstärkt Anleihen zu kaufen, zur Stabilisierung beigetragen. Aber das allein reicht nicht. Die Politik muss die gewonnene Zeit nutzen, um die richtigen Reformen einzuleiten. Ich glaube, dass die Märkte mittlerweile sehr gut verstehen, dass die eingeleiteten Strukturreformen Früchte tragen.

Wo sehen Sie das?

Die spanische Exportwirtschaft läuft zum Beispiel mittlerweile wieder recht gut, Leistungsbilanzdefizite werden zurückgeführt. Das Bündel an institutionellen Reformen auf europäischer und nationaler Ebene ist komplex. Aber von der Sache her geht es in die richtige Richtung. Das ist ein stabilisierendes Element.

Das gilt aber nicht für den Bankensektor.

Da haben wir tatsächlich ein massives Problem. In den Krisenländern gibt es relativ viele und hohe notleidende Forderungen in den Bankbilanzen. Eigenkapital ist knapp. Der Bankensektor ist noch bei Weitem nicht stabil genug, um größere makroökonomische Risiken abzufedern. Die schlechte Struktur des Kreditportfolios führt dazu, dass es für diese Banken sehr schwierig ist, Fremdkapital zu bekommen. Das alles macht letztlich auch das Gesamtsystem fragil.

Die Lösung soll auf europäischer Ebene mit der Bankenunion angegangen werden, also mit gemeinsamen Regeln für die Sanierung oder Schließung maroder Kreditinstitute.

Richtig. Es sind umfangreiche Stresstests im Bankensektor geplant. Aber wir müssen auch funktionierende Regeln haben, wie man mit Banken in Schieflage umgeht.

Die Euro-Krise bleibt uns erhalten?

Sicher können wir keine vollständige Entwarnung geben. Aber es sind auch viele Reformen eingeleitet worden, der grundlegende Kurs stimmt. Es wird auch wieder unruhige Situationen auf den Märkten geben - da muss die Politik Kurs halten.

Der Euro wird Bestand haben?

Ja. Das Grundproblem ist nicht der Euro. Wenn einzelne Euro-Länder nun nicht mehr über den Wechselkurs ihre Wettbewerbsfähigkeit anpassen können, müssen sie ihre Wirtschaft grundlegend wettbewerbsfähig aufstellen. Mit kurzfristigen Abwertungen kann man sich zwar kurzfristig Wettbewerbsvorteile verschaffen. Aber darüber würden diese Länder sich auch nicht stabilisieren. Dazu braucht es eine konsistente Wirtschaftspolitik.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.08.2013

Ulrich Milde

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Mitteldeutschland
  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Digital Abo

    "LVZ Digital Abo" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kön... mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr