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"Ich genieße das Älterwerden": Eva Mahn wurde vom DDR-Akt-Modell zur Künstlerin

"Ich genieße das Älterwerden": Eva Mahn wurde vom DDR-Akt-Modell zur Künstlerin

Sie war begehrtes Akt-Modell, dann erfolgreiche Fotografin und sie lehrte 40 Jahre an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein.Eva Mahn lächelt: "Es ist schon ein Zäsur, aus dem Berufsleben auszusteigen.

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Schön und erfolgreich: Foto-Künstlerin Eva Mahn (66) im Selbstporträt.

Quelle: Eva Mahn

Strafe, oder fängt das Leben wirklich erst an?

Eva Mahn lächelt: "Es ist schon ein Zäsur, aus dem Berufsleben auszusteigen. Das Älterwerden will gelernt sein. Ich war 40 Jahre an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein lehrtätig, zunächst als Kunstwissenschaftlerin, dann als Fotografin. Ich kam mir bis dahin wie ein Traktor vor, der alle für seine Ideen mitziehen muss. Dieses Gefühl war plötzlich nicht mehr da. Ich schaute mich um und dachte, wieso will keiner mehr etwas von mir? Das war ungewohnt, aber irgendwie luxuriös. Ich hatte plötzlich freie Zeit, weil ich nicht mehr täglich acht oder zehn Stunden in meiner Hochschule verbringen musste."

Die deutschlandweit bekannte Foto-Künstlerin, Publizistin, Kunstkritikerin und Kuratorin mit den silbernen Haarstreifen erinnert sich, dass es ihr anfangs schwerfiel, keine Ausstellungen für die Hochschule mehr vorzubereiten und nicht mehr zu unterrichten. "Aber ich hatte es ja gewollt, hatte um Altersteilzeit gebeten, um mich endlich nur noch um meine eigene Arbeit als Fotografin zu kümmern und das in einem ruhigeren, von mir selbst bestimmten Tempo."

Da sie allein lebt, genießt die Hallenserin diese völlige Unabhängigkeit. Früher musste sie sich nach den Schulferien der Tochter und den Semesterferien der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein richten, wenn es um Reisen ging. Jetzt gefällt es ihr, loszufahren, wenn sie Lust hat, Neues zu entdecken. Sie schätzt es, mit Freunden etwas zu unternehmen, weil irgendwann jedes Jahr ein Geschenk ist.

Und wo sieht sie den Nachteil des Älterwerdens? "Da fällt mir auf Anhieb nichts ein. Ich klammere mal aus, dass ich vor nicht allzu langer Zeit auf Stuhl und Tisch geklettert bin, um das obere Fenster in meiner Wohnung zu schließen und beim Rücktritt ausrutschte und mir einen Arm gebrochen habe. Natürlich hatte ich mir für die Phase meiner neuen ,freiberuflichen Tätigkeit' vorgenommen, einen Bildband nach dem anderen zu produzieren. Kurios ist, ich bekomme auch nicht mehr zustande, weil sich so viele Sachen einstellen, die außerdem noch Spaß machen."

Die in Aschersleben Geborene, die in Greifswald und Leipzig studiert hatte, arbeitete viele Jahre nebenbei als Modell für die Modezeitschriften "Sibylle", "Saison" oder "Modische Maschen", die auch außerhalb der DDR begehrt waren. In der ersten Hälfte der 70er-Jahre assistierte sie dem Modefotografen Günter Rössler, der auch Aktfotos von ihr gemacht hat. Ihren schönen Körper findet man heute immer wieder in Kalendern und Büchern.

"Das war einmal. Bis zum 40. Lebensjahr war das wichtig. Dann habe ich es gelassen. Aber von Günter habe ich vieles für mein Handwerk als Fotografin gelernt: die Arbeit mit dem Licht, das Arrangieren und Inszenieren. Die Erfahrung als Modell war eigentlich nur für meine Tätigkeit als Fotografin von Bedeutung. Die Fotos in den Modezeitschriften bestätigten mir, ich sehe gut aus. Das habe ich vorher nicht gewusst und auch nicht daran geglaubt. Aber als junge Frau hatte ich andere Sorgen. Ich war als Kunstwissenschaftlerin unterwegs, habe Symposien betreut, Ausstellungen eröffnet, Katalogtexte verfasst."

Erste künstlerische Foto-Arbeiten von Eva Mahn waren Frauenakte. Sie wurden im "Magazin" veröffentlicht. Männerakte kamen hinzu. Sie näherte sich mal spielerisch inszenierend, mal dokumentarisch Familie und Alter. Sie publizierte in Ausstellungen, Katalogen, Büchern, schuf Fotos für Theater, Zeitschriften und Künstlerkataloge, porträtierte bekannte Hallenser wie Willi Sitte, Peter Sodann oder Bernd Leistner.

Besser auszusehen als der Durchschnitt - auf diesem Geschenk der Natur wollte sie sich nicht ausruhen. "Ich wollte durch Leistung überzeugen. Deshalb habe ich sehr schnell angefangen, für eigene Ausstellungen zu arbeiten. Dies bedeutete neben meiner Lehrtätigkeit, nachts in der Dunkelkammer zu stehen. Wenn die Tochter in die Schule musste, war die Küche verdunkelt, mit Foto-Schalen blockiert. Es war kein Geschenk, es war harte Arbeit."

Mit der Kamera hantierte sie schon als Praktikantin bei der Denkmalpflege zur Erfassung der nach dem Kriege noch erhaltenen Bau- und Kunstdenkmäler in ihrem Heimatkreis Aschersleben. Dort ist sie durch Kirchen und Schlösser gezogen ist, um Altäre, Mobiliar und anderes Historisches im Bild festzuhalten. In der Burg Giebichenstein hat sie Kollegen sowie Studenten bei der Diplomprüfung mit der Kamera verewigt. "Ich durfte überall fotografieren. Keiner hat mich daran gehindert, wie das heute der Fall ist", erzählt sie nachdenklich.

Warum sie promoviert hat? "Ein Kunstwissenschaftler ohne Doktortitel ist nichts! Ich habe mich mit ,Deutscher Glasmalerei der Romantik von 1790 bis 1850' befasst, habe unzählige Stunden in der Deutschen Bücherei und in Archiven verbracht. Obwohl ich die Nacht zum Tag gemacht hatte, wurde ich nicht fertig, weil ich immer noch etwas fand. Wenn man eine Perfektionistin ist, arbeitet man hemmungslos, weil künstlerische Arbeit eine Berufung ist", sagt Eva Mahn. Erotische Fotografien, sozialkritische Studien in Halle und eine Unmenge Material von ihren zwei Amerika-Reisen waren inzwischen in Ausstellungen zu sehen.

Weil sie offen, redegewandt und durchsetzungsfähig ist, haben sich viele um ihre Mitarbeit bemüht. Sie war Jury-Mitglied beim Deutschen Jugend­fotopreis, wurde in die Deutsche Ge­sellschaft für Photographie in Köln berufen -

Sie redet mit. Meint, manchmal ein bisschen frech zu sein. Und kann organisieren. Seit 1998 Mitglied in der Deutschen Fotografischen Akademie (DFA) wurde Eva Mahn gar als Vizepräsidentin gewählt. Dieses Amt übte sie bis 2010 aus. "In der Akademie sind die Künstlerfotografen. Diese neun Jahre waren eine schöne Zeit. Aber vielleicht bis 80 in solch einem Gremium zu sitzen? Mit voller Kraft geht das sowieso nicht. Also habe ich auf Verjüngung gedrängt, denn dies ist wichtig", gesteht sie und fügt hinzu, dass sie noch hin und wieder gern Gast bei den Hamburger Tagungen der DFA ist.

Und der eigene Nachwuchs? Ihre Tochter ist mit 16 Jahren ausgezogen und hat ihr damals manchen Kummer bereitet. Nun ist sie 35, hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert, als Galeristin gearbeitet und ist sehr musikalisch. Jetzt ist sie DJane und legt weltweit auf. "Sie ist genauso verrückt wie ich, selbstbewusst, sehr kontaktfreudig und offen. Vor ein paar Wochen war sie in Buenos Aires, flog dann nach New York und war inzwischen in Istanbul- Sie ist in der Welt unterwegs", strahlt die Mutter.

Und wie sieht Eva Mahn ihre Zukunft? "Ich genieße das Älterwerden. Ich habe mir vorgenommen, mein Archiv in Ordnung zu bringen, weil dort noch so viel unveröffentlichtes Material schlummert. Aber dann kommt immer wieder etwas dazwischen, auf das ich mehr Lust habe. So entstehen neue Projekte, zuletzt in Zusammenarbeit mit der Kostüm- und Bühnenbildnerin Katrin Busching, die an der Burg studiert hat. Döblin hat formuliert: ,Das Altern ist etwas Herrliches; ... ich bin neugierig auf jedes kommende Jahr'. Besser kann ich es nicht sagen."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.07.2013

Rolf Richter

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