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Mitteldeutschland „Ich rate den Lehrern dringend, den Bogen nicht zu überspannen“
Region Mitteldeutschland „Ich rate den Lehrern dringend, den Bogen nicht zu überspannen“
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22:51 11.06.2018
Frank Haubitz (60) ist seit 35 Jahren Lehrer. Bis er 2017 Kultusminister wurde, war Haubitz auch Vorsitzender des Philologenverbandes in Sachsen, dem gewerkschaftlichen Berufsverband der Gymnasiallehrer. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Frank Haubitz (60) war 2017 für 52 Tage parteiloser Kultusminister in Sachsen, ist jetzt wieder Mathelehrer und Schulleiter am Gymnasium Dresden-Klotzsche – und kritisiert eine Nimmersatt-Mentalität in der Lehrerschaft.

Herr Haubitz, Sie sind wieder an Ihrer Schule. Momentan protestieren viele Lehrer gegen das Handlungsprogramm der Regierung. Wie empfinden Sie die Stimmung in Ihrem Haus?

Das muss man differenziert sehen. Natürlich gibt es auch an meiner Schule Lehrer, die zu recht aufgebracht sind. Aber wir haben uns zusammengesetzt, das Handlungsprogramm und die Zusammenhänge erläutert. Am Ende habe ich den neuen Schuljahresplan gemacht und dabei ist alles so geblieben, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Wie sehen Sie die Unzufriedenheit, die ganz offensichtlich herrscht?

Mir fehlt in der Diskussion die Sachlichkeit. Von der Gewerkschaft GEW und der SPD wird massiv Öl ins Feuer gegossen. Es werden Thesen und Versprechungen unter die Lehrer geworfen, die reiner Populismus sind und jeden Realitätssinn vermissen lassen. Die Forderungen sind von nichts untersetzt – aber mit ihnen werden bei den Kollegen Hoffnungen geschürt und Erwartungshaltungen produziert. Auch ich muss immer wieder erleben – oder höre es von Kollegen –, wie beleidigend und ignorant da vorgegangen wird. Das tut mir richtig weh. Es hat sich eine Nimmersatt-Mentalität entwickelt, über die ich nur den Kopf schütteln kann. Da wird nach dem Motto „Der Fischer und seine Frau“ immer mehr und mehr gewünscht. Mein Philologenverband hat sich inzwischen, Gott sei dank, distanziert, was unsere Mitglieder wohlwollend zur Kenntnis genommen haben.

Weshalb ist das Ganze so verfahren?

Es ist zuallererst die Kommunikation, die alles momentan so schwierig macht. Aber das eigentliche Problem liegt in der Nachwende-Historie. Lehrer mussten damals zwangsweise in die Teilzeit gehen. Oberschul- und Gymnasiallehrer wurden dabei in einen Topf geworfen, obwohl das für Letztere gar nicht notwendig gewesen wäre. Es ist der Eindruck entstanden, dass man solidarisch verfeuert wurde. Die Oberschullehrer wurden mit dem letzten Maßnahmenpaket finanziell höhergestuft, mit dem Handlungsprogramm sollen nun auch die Grundschullehrer einen satten Schluck aus der Pulle bekommen. Dagegen darf ich nur jedem fünften Lehrer an meinem Gymnasium eine Höherstufung gewähren – doch ich habe mehr sehr gute Leute. Da ist es verständlich, dass meine Lehrer sauer sind.

Nun geht es den Gewerkschaften GEW und SLV aber darum, die Nettolücke zwischen künftig verbeamteten und angestellten Lehrern zu schließen. Wie sehen Sie diese Diskussion?

Ganz ehrlich: Dieses Vorgaukeln falscher Tatsachen nehme ich den beiden Gewerkschaften richtig übel. Es ist tarifrechtlich einfach nicht möglich, diese Nettolücke zu schließen – und das wissen die Beteiligten auch. Deshalb ist es schlicht unfair, was die Gewerkschaftsführer machen und die Lehrerschaft wider besseres Wissen aufhetzen. Natürlich werden die jungen Kollegen mehr verdienen, wenn sie verbeamtet sind – aber man muss heutzutage etwas bieten, um Personal in die Schulen zu bekommen. Damit wird den älteren Lehrern im Gegenzug garantiert, dass sie vernünftige Arbeitsbedingungen haben. So sollte allen Seiten geholfen sein. Doch darüber spricht kein Verbandschef. Stattdessen werden Versprechen gemacht, die mit der TdL (Tarifgemeinschaft deutscher Länder), der Wettbewerbsbehörde aller Bundesländer, nicht umsetzbar sind.

Weshalb lässt sich die Lücke nicht schließen?

Dagegen spricht ganz einfach das Tarifrecht, das die Bundesländer miteinander vereinbart haben – und das wissen auch die Gewerkschaften. Die GEW hat die Verbeamtung immer abgelehnt, der SLV und auch mein Philologenverband waren dafür. Um gegen den Lehrer-Mangel vorzugehen, hatten wir zu meiner Zeit als Minister zwei Möglichkeiten. Erstens, wie damals von Finanzminister Unland favorisiert: Alle Lehrer bleiben im Angestelltenverhältnis und wir ziehen Erfahrungsstufen bei der Bezahlung vor, um ihnen mehr Netto zukommen zu lassen. Dem hätte die TdL vielleicht zugestimmt. Oder zweitens, meine Variante: Wir erreichen durch die Verbeamtung eine Chancengleichheit im Wettbewerb mit den anderen Bundesländern um die Lehrer. Mein Ansatz hat sich durchgesetzt. Die TdL wird aber niemals einem Mischmodell von Verbeamtung und Ausgleichszahlungen für Tarifbeschäftigte zustimmen – denn dann hätten wir einen paradiesischen Wettbewerbsvorteil.

Wie viel vom ehemaligen Haubitz-Plan steckt im Programm Ihres Nachfolgers Piwarz?

Es sind um die 80 Prozent. Wissen Sie, ich bin bei der Vorstellung des Plans zwar nicht von allen gelobt worden, aber es gab sehr viel Zuspruch von den Lehrern. Die Euphorie und auch die Erwartungshaltung an mich waren groß. Doch ich darf sagen: Was ich angeschoben habe, wurde übernommen. Nun hadert man mit dem, was man bekommt. Ich frage mich, wo der Realitätssinn geblieben ist.

Das sind harte Worte. Können Sie sich nicht in die Lage hineinversetzen?

Das kann ich mit meiner langen Erfahrung sehr wohl. Die Lehrer, die heute auf die Barrikaden gehen, sollten sich mal daran erinnern, vor welcher Situation wir vor ein, zwei Jahren gestanden haben. Es wird einfach vergessen, was an monitären und auch nicht-finanziellen Dingen zur Arbeitsentlastung an sie ausgereicht wurde und wird. Viele Erleichterungen werden einfach weggewischt, zum Beispiel sind die Bildungsempfehlungen entschlackt worden, die Kompetenztests müssen nicht mehr kontrolliert werden, die Vorbereitungswoche ist reduziert worden. Auch das summiert sich. Für mich ist nicht nachvollziehbar, weshalb nach immer mehr geschrien wird. Ich kann nur noch einmal an einen fairen Umgang miteinander appellieren. Es sollte das Motto gelten: Reden und gestalten, statt meckern und verwalten. Momentan wird nur noch gemeckert.

Welche Lösung könnten Sie sich für den Konflikt vorstellen?

Ich rate den Lehrern dringend, den Bogen nicht zu überspannen. Das Ansehen, das sich die Lehrerschaft in den vergangenen Jahren in der Gesellschaft erarbeitet hat, sollte nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Wir sollten auch immer wieder daran denken, wie sich das Lohngefüge in Ostdeutschland, in Sachsen gestaltet. Lehrer sind dabei vergleichsweise sehr gut bezahlt. Deshalb sollte das Glas als halb voll – und nicht als halb leer betrachtet werden. Und: Es sollte der Regierung ein wenig Zeit für die Umsetzung des Programms gelassen werden. So ein Apparat funktioniert nicht wie eine Schule, das habe ich in 52 Tagen als Minister gelernt.

Das klingt, als würden Sie eine neue Neid-Debatte befürchten – und das sowohl in den Lehrerzimmern zwischen Angestellten und Verbeamten als auch innerhalb der Gesellschaft?

Innerhalb der Gesellschaft sehe ich den Neid nicht, wenn die Lehrer endlich zur Besinnung kommen. Dagegen ist der Neid – und diesen Vorwurf muss ich den Gewerkschaften und der SPD machen – in die Lehrerzimmer hineingetragen worden. Statt erstmal zu verhandeln und mit dem Ministerium über die einzelnen Maßnahmen zu sprechen, sind die guten Ansätze populistisch vernichtet worden. Gleichzeitig muss man auch feststellen, dass die Lautsprecher in der Minderheit sind. Die Mehrheit der Lehrer glaubt nicht, dass sie jahrelang ausgenutzt wurden. Dieser leisen Mehrheit will ich meine Stimme geben.

Es ist kein Wunder, dass Sie die Verbeamtung verteidigen.

Die Verbeamtung führt dazu, dass wir nicht mit 100 Stundenkilometern gegen die Wand fahren, sondern vielleicht mit 20. Wir haben momentan die Chance auf deutliche Verbesserungen im Grund- und Oberschulbereich. Somit können wir versuchen, den Lehrer-Bedarf zumindest einigermaßen abzudecken, da in diesem Jahr die Besetzung von 1260 Stellen noch nicht zu schaffen sein wird. Im gymnasialen Bereich hinkt zwar das Maßnahmenpaket. Doch der Kultusminister arbeitet an Nachbesserungen, um die Situation zu entschärfen. Bei allem sollte nicht vergessen werden: Das Handlungsprogramm ist ein erster Schritt.

Das heißt, die Erwartungen sind zu hoch?

Die Maßnahmen können gar nicht umgehend greifen. Ich hoffe, dass es gelingt, in drei bis vier Jahren an den Schulen wieder vernünftige Zustände hinzubekommen. Wenn Sachsen nicht verbeamten würde, kämen weit weniger junge Lehrer als es sich jetzt andeutet – die Konsequenzen wären entsprechend. Eine Folge wäre zum Beispiel: Um den Unterrichtsausfall einigermaßen in Grenzen zu halten, müsste die Teilzeit von älteren Kollegen gestrichen oder dürfte gar nicht erst genehmigt werden. Denn es gibt für einen Kultusminister die Pflicht, den Unterricht abzusichern. Immerhin arbeitet etwa jeder zweite ältere Kollege schon in Teilzeit.

Welche Veränderungen halten Sie noch für möglich?

Es sind 30 Millionen Euro pro Jahr für Wertschätzungsmaßnahmen vorgesehen. Damit ließe sich unter anderem eine Klassenleiterstunde finanziell anerkennen. Auch die Leistungsprämien sollten nicht nur für 20 Prozent, sondern einige mehr gelten. Zudem finde ich, dass die E14-Stellen den Gymnasien vorbehalten sein sollten. Die Gewerkschaften fordern: Gleiches Geld für gleiche Arbeit. Es gibt allerdings große Unterschiede zwischen der Arbeit in den unterschiedlichen Schularten. Und ich warne vor dem Umkehrschluss: Wer das gleiche Geld bekommt, muss dann selbstverständlich die gleiche Arbeit machen – und kann an den verschiedenen Schularten eingesetzt werden. So ehrlich sollten die Gewerkschaften sein, wenn sie schon diese Forderung aufmachen. Dieser Schuss kann durch die nimmersatten Veränderungswünsche von einigen schnell nach hinten losgehen.

Von Andreas Debski

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