Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Insolvenzverwalter Lucas Flöther aus Halle im Porträt
Region Mitteldeutschland Insolvenzverwalter Lucas Flöther aus Halle im Porträt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:13 01.02.2018
 Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter Lucas Flöther von der Kanzlei Föther und Wissing spricht bei einem Interview. Quelle: dpa
Halle

Egal, ob er gerade mit Air Berlin, Niki, Mifa oder Unister beschäftigt ist – der Montagmorgen ist im Terminkalender fest reserviert. Erst ein Mal ließ Lucas Flöther die Vorlesung an der Universität seiner Heimatstadt Halle ausfallen, wie er betont. Ab 8 Uhr diskutiert der Sanierungsexperte als Jura-Professor mit seinen Studenten Fragen des Insolvenzrechts. An einem dieser Montage geht es um Anfechtungen. „Was muss der Verwalter tun?“, fragt er ohne Mikrofon und die Treppe zwischen den Gängen hoch- und runterlaufend.

Er kennt die Antwort nicht nur aus den Büchern. Seit 20 Jahren braucht er sie – auch bei einer ganzen Reihe von spektakulären Fällen. Er wurde quasi das Gesicht des insolventen Leipziger Internet-Konzern Unister, nachdem der Firmengründer bei einem Flugzeugabsturz gestorben war. Er rettete zwei Mal binnen zwei Jahren den ostdeutschen Fahrradbauer Mifa, suchte für die Fluglinie Niki verschiedene Zukunftsoptionen.

„Seit Mitte August bin ich ehrlich gesagt relativ wenig in Halle“, sagt Flö­ther. Als er zum Sachwalter bei Air Berlin berufen wurde, wurde ein Berliner Hotel seine Bleibe. Ein Fall, den die „Wirtschaftswoche“ als „eine der spektakulärsten Großinsolvenzen der deutschen Wirtschaftsgeschichte“ bezeichnete – und mit dem sich Flöther endgültig in der Öffentlichkeit einen Namen machte. Am Freitag endet die Frist für die Versteigerung verschiedensten Air-Berlin-Inventars.

Wenn der gebürtige Leipziger einen Fall übernimmt, sucht er offensiv die Öffentlichkeit. In den Medien, in den Betrieben. Regelmäßig schildert er seine Sicht auf den Stand des Verfahrens, so weit es ihm die Vertraulichkeitsregeln des Business erlauben.

Dabei beweise Flöther auch Feingefühl im Umgang mit den Beschäftigten, heißt es von Gewerkschaftern, die bei der Mifa-Pleite mit ihm zusammenarbeiteten. Flöther und sein Team hätten trotz der Gläubigerinteressen stets auch eine gute Lösung für die Mitarbeiter im Blick und ein offenes Ohr für ihre Anliegen gehabt, sagt die IG-Metall-Geschäftsführerin in Halle-Dessau, Almut Kapper-Leibe. „Das kennen wir von anderen Verwaltern auch anders.“ Erfolg hatte er aber nicht immer: Den Bitterfelder Solarhersteller Sovello konnte er 2012 nur noch schließen, ebenso wenig später Löwenbäcker in Leipzig.

Zumindest am Wochenende versuche er, zu Hause in Halle zu sein, sagt der 44-Jährige. Doch Fälle wie Air Berlin zwingen ihn auch dann in Telefonkonferenzen. Seine fünf und zehn Jahre alten Kinder kennen ihn durchaus noch, auch wenn sie sicher gern mehr von ihm hätten, sagt er. „Ich versuche das hinzukriegen, oder in der Flugzeugsprache ausgedrückt: möglichst viele Slots zu haben.“

Der hagere Mann mit der runden Brille tippt auf sein Tablet und sagt: Das sei sein Schreibtisch, egal, wo er sei. Er starte jeden Tag vor sechs Uhr morgens. „Das ist 365 Tage im Jahr so. Erstens bin ich ein Frühaufsteher, zweitens habe ich immer gut zu tun.“ Die Tage, in denen die Zeit für eine Lösung drängt, nennt er „heiße Phase“. Sie beanspruche ihn auch höchstpersönlich besonders.

Dabei ist der 44-Jährige ein alter Hase im Geschäft: Mit 25 Jahren und frisch an der Uni Halle promoviert übernahm er den Fall einer kleinen Fleischerei in Sachsen-Anhalts Süden. Schon an der Uni interessierte er sich für die Sanierung in Eigenverwaltung, wie es sie schon in anderen Ländern gab. Seit eine Rechtsreform das auch in Deutschland zulässt, ist Flöthers Wissen besonders gefragt. Auch das Management von Air Berlin nutzte die Option Eigenverwaltung.

Bundesweite Aufmerksamkeit zog Flöther schon vorher auf sich. Etwa 2006, als ihm das Verfahren für die Leipziger Wohnungsbaugesellschaft West – und damit einer der größten deutschen Anlegerskandale – übertragen wurde. Heute spricht er für den Gravenbrucher Kreis, den Zusammenschluss führender Insolvenzverwalter. Im gerade veröffentlichten Ranking der „Wirtschaftswoche“ landete Flöther mit Blick auf die Zahl der Verfahren auf Rang 5.

Auch nach Air Berlin will Flöther seine Kanzlei, die neben Halle inzwischen elf weitere Niederlassungen hat, nicht vergrößern. Sein Team besteht aus mehr als 100 Leuten, „die alle mitkämpfen und die Kernaufgaben übernehmen“. Bei großen Fällen hole er sich externe Berater dazu. Und auch die kleineren Fälle übernehme die Kanzlei, ja, sie lebe sogar davon. „Darauf bin ich auch angewiesen, denn es gibt die Zeit nach Verfahren wie Air Berlin, das ganz normale Geschäft.“

Auch mit seinen Vorlesungen will er weitermachen. Während seines eigenen Studiums habe sich kaum jemand für Insolvenzrecht interessiert, erinnert er sich. Das sei heute anders. Seit Herbst gibt er seine Vorlesung in einem größeren Hörsaal. Wie groß ist der Flöther-Effekt hinter dem gestiegenen Studenten-Interesse? Er winkt ab: „Eher klein, glaube ich.“ Aber es sei schon spannend, wenn ein Praktiker mehr als den Stoff aus den Lehrbüchern vermitteln könne.

DPA

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die AfD im Landkreis Sächsische Schweit-Ostererzgebirge möchte am 14. Februar einen Politischen Aschermittwoch in Mitteldeutschland veranstalten. Neben Höcke, werden auch Poggenburg und Elsässer bei AfD-Veranstaltung anwesend sein.

01.02.2018

Präsident des Sächsischen Handwerkstages Ermer beklagt ausufernde Melde- und Dokumentationspflichten: Bis zu 40 Prozent der Arbeitszeit werde für Bürokratie verwendet. Im ländlichen Raum sähen viele Firmen keine Zukunft für ihre Betriebe.

01.02.2018

Freiberg will vorerst keine neuen Flüchtlinge mehr aufnehmen. Einen entsprechenden Antrag hat der Stadtrat auf den Weg gebracht. Sachsens Ausländerbeauftragter spricht von einem Hilferuf.

01.03.2018