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Mitteldeutschland Integrationsministerin Petra Köpping – Die Frau für die Ostdeutschen
Region Mitteldeutschland Integrationsministerin Petra Köpping – Die Frau für die Ostdeutschen
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00:19 09.06.2017
Gruppenbild mit Ministerin: Petra Köpping (M.) diskutiert in Leipzig mit den ehemaligen DDR-Reichsbahnern (von links) Dieter Hertzsch, Karin Trautwein, Waltraud Walther und Klaus Gräfe über Rentenansprüche und verspricht, sich für die Ostdeutschen einzusetzen.   Quelle: Foto: André Kempner
Dresden

Gemeinhin wünschen sich Politiker, dass ihre Auslassungen einen möglichst großen Nachhall finden. Doch das gelingt nur in seltenen Fällen. Manchmal werden die Protagonisten allerdings auch selbst von der Wucht überrascht, mit der ihre Worte erwidert werden. Letzteres trifft auf Petra Köpping zu. Die sächsische Ministerin für Integration und Gleichstellung hielt vor gut einem halben Jahr, am Reformationstag, eine Rede, die bis heute heftig nachklingt. Oder besser, deren Echo die SPD-Politikerin täglich in Bürgersprechstunden, Diskussionen, Briefen und Mails einholt.

Damals sprach die Ministerin von einem Stachel der Demütigung, der im Fleisch vieler Ostdeutscher stecke. Es waren, so scheint es mittlerweile, die richtigen Worte zur rechten Zeit. Petra Köpping hat offensichtlich einen Nerv getroffen. „Immer mehr Menschen erzählen mir ihre Lebensgeschichte, wie es ihnen ergangen ist, welche Verletzungen sie erleiden mussten. Das alles schwelt in ihnen“, sagt die 58-Jährige, und es klingt, als würde sich die Ministerin mit jedem Wort ihrer eigenen Biografie vergewissern.

Denn dass sich Petra Köpping – und ausgerechnet jetzt – mit der ostdeutschen Seele und den persönlichen Niederlagen von vielen beschäftigt, hat einiges mit ihr zu tun: Sie ist eine Ostfrau mit Wende-Narben. Geburt in Nordhausen, Abitur in Grimma, Studium der Staats- und Rechtswissenschaften in Potsdam, Eintritt in die SED 1986, Austritt im Juni 1989, damals als Bürgermeisterin der Gemeinde Großpösna (Kreis Leipzig). Nach der Wiedervereinigung geht die junge Mutter für vier Jahre als Außendienstmitarbeiterin einer Krankenkasse die Klinken putzen. Ihr gelingt schließlich, was viele andere nur schwer oder kaum schaffen: Sie kittet diesen Lebensbruch, wird erst parteilose Bürgermeisterin, wieder in Großpösna, danach Landrätin, später Landtagsabgeordnete für die SPD, in die sie 2002 eingetreten ist. Bei der Wahl 2014 erreicht „die Petra“, wie viele Menschen die Politikerin noch immer nennen, in ihrem Wahlkreis im Leipziger Südraum das beste Direktsimmen-Ergebnis aller SPD-Kandidaten. Kurz darauf folgt die überraschende Berufung zur ersten Integrations- und Gleichstellungsministerin in Sachsen. Zwar nur als Rumpfministerium angelegt, schiebt Petra Köpping – auch aufgrund der Flüchtlingswelle – den Katzentisch, an dem sie zunächst platziert wird, rasch beiseite.

Dass sie sich nun mit DDR-Altlasten beschäftigt, nennt die Ministerin folgerichtig. „Das Thema ist nicht neu, sondern hat mich all die Jahre in der Kommunalpolitik begleitet. Als Ministerin habe ich aber mehr mediale Aufmerksamkeit und kann für die Probleme sensibilisieren, auch wenn ich das alles nicht allein lösen kann.“ Es gehe ihr auch nicht darum, die Teilung zu betonen, widerspricht Petra Köpping einem der lautesten Vorwürfe, „sondern darüber zu sprechen, das der Aufholbedarf noch sehr groß ist und dass es enorme Benachteiligungen gegeben hat und gibt. Das Thema Ost-West ist noch lange nicht ausdiskutiert und aufgearbeitet“. Daher kommt es, dass Petra Köpping so häufig wie wohl kein anderer Kabinettskollege bei den Pegida-Märschen in Dresden mit den Menschen redet, sich die Geschichten der ergrauten DDR-Kumpel anhört und für deren Rente kämpft oder vor DDR-Reichsbahnern darauf pocht, dass Nachwende-Ungerechtigkeiten endlich beseitigt werden müssten. Die Linke und auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) haben sich zwar bereits ebenfalls als ostdeutsche Rentengesandte verdingt, doch ohne durchschlagende Erfolge.

Nun ist also Petra Köpping jeden Tag in Sachsen unterwegs, ihr Terminkalender quillt vor Treffen mit Feuerwehrleuten, Altenpflegern, Sozialarbeitern und Rentnern über. Der Zuspruch ist jedes Mal enorm. Und bewegend. Es scheint, als habe sie ihre Mission gefunden – mit dem sicheren Gefühl für eine Methode, die von vielen Politikern propagiert wird, deren Interpretation allerdings keine Spielräume zulässt. „Es geht darum, den Menschen zuzuhören. Die Ursache der Unzufriedenheit ist nicht nur die Flüchtlingspolitik. Viele Menschen finden ihre Lebensleistung nicht anerkannt“, sagt die Ministerin, die auch über die ernsten Themen mit einem Lächeln sprechen kann. Sie fügt einen Satz hinzu, den sie immer wieder hört und der sich bei ihr eingebrannt hat: „Wenn ich über Asylbewerber gesprochen habe, kam immer wieder die Forderung: Integriert doch erstmal uns!“

Petra Köpping hätte nie gedacht, dass ihr größtes Integrationsprojekt einmal die Inländer betreffen wird. Spätestens mit ihrer Reformationstagsrede hat sie sich revidiert. „Wir müssen uns doch mal fragen, weshalb die AfD laut Sachsenmonitor ein Wählerpotenzial von 25 Prozent hat, weshalb immer wieder sächsische Orte Schlagzeilen machen und mittlerweile auch jüngere Leute glauben, dass der Osten benachteiligt wird“, erklärt die Ministerin ihre Motivation, die sie nicht parteipolitisch verstanden wissen will.

Dennoch macht sie sich mit ihrer Offensive nicht nur Freunde. So muss sich Petra Köpping von der Linken, die sich als klassische Vertreterin ostdeutscher Interessen versteht, süffisanten Beifall gefallen lassen: „Es ist gut, wenn die Benachteiligung Ostdeutscher endlich auch von einer SPD-Ministerin thematisiert wird. Diese Benachteiligung ist allerdings nicht vom Himmel gefallen“, teilt Rico Gebhardt, der sächsische Linkenchef, aus. Er würde sich noch mehr freuen, wenn die Ministerin die Aufarbeitung der Treuhand öffentlich unterstützte.

Innerhalb der schwarz-roten Koalition wird das Engagement eher irritiert verfolgt, da die seit 27 Jahren führende CDU den Freistaat als Musterland präsentiert und sich als einzige echte Volkspartei versteht. Regierungschef Tillich soll genauso wenig angetan sein wie es CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer ist, der der Ministerin Unredlichkeit vorwirft, weil sie den Menschen „falsche Hoffnungen“ mache. Natürlich seien bei der Wiedervereinigung auch Fehler gemacht worden, sagt Kretschmer, aber weder CDU noch SPD hätten eine Lösung für Betriebsrenten finden können.

Die Kritik ficht Petra Köpping nicht an. Im Gegenteil, sie fühlt sich bestätigt: „Andere Parteien haben auf den Kurs eingelenkt. Und Stanislaw Tillich hat die Spendentätigkeit der großen Unternehmen kritisiert und mehr Konzerne im Osten gefordert.“ Sie scheint sehr genau zu wissen, dass es gefährlich ist, Erwartungen zu wecken, wo sie Stimmungen und Widersprüche kanalisieren will. Auch deshalb hat Petra Köpping in ihrer Partei einen Gerechtigkeitsfonds für Härtefälle vorgeschlagen, der ins SPD-Wahlprogramm geschrieben werden soll. Der Ausgang ist offen. Doch die Ministerin soll nicht nur zuhören, sondern auch liefern. Das ist ihr bewusst. Vorbeugend stellt sie immer wieder klar, auch mit Blick auf ihre Politikkollegen: „Ich kann nichts versprechen. Wenn wir aber gemeinsam Signale setzen, bis hin nach Berlin, haben wir viel gewonnen.“

Von Andreas Debski

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