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Mitteldeutschland Intensivmediziner beraten in Leipzig über mehr Patientensicherheit
Region Mitteldeutschland Intensivmediziner beraten in Leipzig über mehr Patientensicherheit
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22:01 03.12.2018
Kongresspräsidentin Elke Muhl vom Uniklinikum Lübeck leitet den Kongress „DIVI 2018“der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) in Leipzig. Quelle: privat
Leipzig

Tausende Mediziner und Pfleger treffen sich vom 5. bis 7. Dezember in Leipzig. Professorin Elke Muhl ist Kongresspräsidentin der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Bis zu ihrer Pensionierung war die 66-Jährige Oberärztin für die chirurgische Intensivstation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck.

Warum ist der Leipziger Kongress für Intensiv- und Notfallmediziner das wichtigste Ereignis des Jahres?

Allein schon, weil es der größte seiner Art im deutschsprachigen Raum ist. Im Programm wird das gesamte Themenfeld der Intensivmedizin abgebildet. Wir erwarten rund 4000 Teilnehmer zu Vorträgen und Workshops, bei denen Experten neue wissenschaftliche Erkenntnisse und ihr praktisches Wissen an andere weitergeben. Wer medizinisch und technisch auf dem Laufenden bleiben will, trifft sich im Congress Center Leipzig.

Erstmals wenden Sie sich aber auch an interessierte Medizinlaien…

Als Kongresspräsidentin dachte ich mir, dass es gut wäre, auch mal an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich glaube, dass es viele Themen aus der Intensivmedizin gibt, die jeden Menschen betreffen können. Daher laden wir erstmals zu einer öffentlichen Veranstaltung in die Leipziger Stadtbibliothek am Leuschnerplatz.

Worum geht es bei dieser Premiere am 6. Dezember?

Das Thema lautet „Intensivmedizin und Palliativmedizin – wie geht das zusammen?“ Es dreht sich darum, was ich als Patient oder als Arzt tun kann, um Übertherapie am Lebensende zu vermeiden. Der Palliativmediziner Professor Gian Domenico Borasio von der Universität Lausanne wird erläutern, was sich Patienten für ihr Lebensende wirklich wünschen. Mein Part wird die Sicht der Intensivmedizinerin auf das Thema und die Moderation in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum sein. Wir freuen uns darauf, dieses wichtige Thema öffentlich zu diskutieren. Denn es geht jeden an. Professor Borasio und ich werden die Fragen aus dem Publikum beantworten..

Einlass ist 18 Uhr: Was kostet der Eintritt?

Die Veranstaltung ist kostenlos, die Plätze sind jedoch begrenzt.

Wie stark wandelt sich ihr Spezialgebiet zurzeit?

Intensivmedizin ist ein Feld, in dem die technische und medizinische Entwicklung rasant fortschreitet. Da immer am Ball zu bleiben, ist schon eine echte Herausforderung. Auch zu diesem Zweck kommen viele Fachmediziner und Fachpflegekräfte zu Kongressen wie in Leipzig. Zugleich müssen wir aber auch über ethische Fragen im Gespräch bleiben.

Über welche zum Beispiel?

Ein Hauptthema des Kongresses ist Qualität und Patientensicherheit in der Intensivmedizin und Notfallmedizin. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist für den Patienten letzten Endes wirklich wünschenswert und sinnvoll. Die Sektion Ethik der DIVI präsentiert Vorträge , die sich zum Beispiel mit der Selbstbestimmung des Patienten oder mit den Grenzen der Intensivmedizin beschäftigen.

Sollte Qualität in der medizinischen Betreuung nicht selbstverständlich sein?

Sicher. Qualitative Fortschritte sind dennoch immer zu erarbeiten, auf jeder Intensivstation, jeden Tag aufs Neue. Und Qualität sollte überprüft werden, um Verbesserungspotenziale zu finden. Welche Verfahren und Parameter geeignet sind, Qualität in der Intensivmedizin überprüfen zu können, hat mich in den zurückliegenden Jahren sehr beschäftigt. Das ist keineswegs trivial, sondern ein hoher Anspruch. Wie gut eine Station arbeitet, kann nicht allein an Zahlen wie der statistischen Sterblichkeitsrate an einer Einrichtung festgemacht werden. Es muss auch darum gehen, ob es mit der Erkrankung des Patienten und mit dem Patienten selbst bestmöglich umgegangen wird und nach den aktuell gesicherten Erkenntnissen. Und ob das ganze Team über verschiedene Fachgebiete und Berufsgruppen hinweg bei der bestmöglichen Behandlung gut kooperiert – auch in extremen Krisensituationen wie nach einem schweren Unfall mit schlimmsten Verletzungen. Es gibt viele Faktoren, die Qualität und Patientensicherheit in der Intensivmedizin beeinflussen.

Kontrollen gibt es doch schon?

Sicher. Sei es durch Krankenkassen, Zertifizierungen durch Fachgesellschaften, aber auch durch die Krankenhausträger. Da werden Fakten und zum Teil auch Qualitätsindikatoren von Fachfremden durchgeprüft, aber die Ergebnisse manchmal nur in Aktenordnern weggestellt. Mir geht es vielmehr um eine Prozesskontrolle durch Fachleute, die auf Entwicklungsbedarf, Optimierungsmöglichkeiten, aber auch auf Risiken hinweisen. Und die gemeinsam mit dem Intensivteam auf die Umsetzung wissenschaftlich gesicherter medizinischer Qualitätsindikatoren schauen. In einem sogenannten Peer-Review-Verfahren besteht der Sinn der Übung darin, dass die verbesserte Qualität am Krankenbett ankommt.

Und das unter wirtschaftlichem Druck, der eher noch zunimmt?

Genau. Unter dieser Ökonomisierung leidet die Qualität. Patienten, die nichts, aber auch gar nichts selber können, die beatmet werden und Organversagen haben, brauchen viel dichtere personelle Betreuung als auf einer Normalstation. Wie viel Personal da ist und wie gut ausgebildet es ist, ist entscheidend für die Zukunft vieler Patienten. So viele fachausgebildete Pflegekräfte und Ärzte, wie wir bräuchten, haben wir in Deutschland nicht. Umso gespannter sind wir, was bei der Personaluntergrenzenverordnung von Bundesgesundheitsminister Spahn herauskommt.

Wäre ein personeller Mindeststandard denn keine Verbesserung?

Für Einrichtungen, die heute mit minimaler Stellenzahl arbeiten, könnte sich einiges bessern. Es könnte Vorstände und Geschäftsführungen großer Kliniken andererseits aber auch auf die Idee bringen, sich nur noch an den Untergrenzen zu orientieren und Personal weiter abzubauen. Das wäre nicht die Qualität, die ich mir vorstelle. Und mit Personaluntergrenzen ist es ja nicht getan. Es müssen auch Anreize geschaffen werden, den Pflegeberuf zu erlernen und die Fachweiterbildung für die Intensivmedizin zu erwerben.

Beklagt wird von Seiten der Mediziner immer häufiger die ausufernde Bürokratie. Sehen Sie da einen Ausweg?

Viele Prozesse könnten automatisch in der erforderlichen Dokumentation abgebildet werden. Auch von schlichten Abrechnungen müssen Ärzte und Pflegepersonal durch EDV spürbar entlastet werden. Elektronische Patientenakten setzen sich langsam durch. Auch die elektronische Gesundheitskarte kann helfen: Wenn ich von jedem Patienten auf einen Blick Vorerkrankungen und Medikamente erkennen kann, würde das die Sicherheit enorm erhöhen. Aber da sehe ich noch reichlich Optimierungsbedarf.

Wie wären Notaufnahmen, die durch Patienten mit Bagatellfällen belagert werden, zu entlasten?

Durch Notfallzentren könnte ich mir sinnvolle Schnittstellen zwischen Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten oder Anlaufpraxen vorstellen, um den Druck von den Notaufnahmen zu nehmen durch Patienten, die da nicht hingehören. Das wird schon vielfach realisiert. Ein wichtiges Schlüsselwort ist aber auch hier ausreichend fachkundiges Personal. Dieses Problem muss dringend gesundheitspolitisch gelöst werden.

Durch bessere Bezahlung?

Auch das. Aber wenn wir gute Mediziner und Pfleger in ländliche Regionen locken wollen, sollten wir nicht nur über Zahlen sprechen, sondern auch über gute Arbeitsbedingungen, Kinderbetreuung, Fortbildungs- und Freizeitangebote.

Sie sind seit 40 Jahren als Chirurgin und Intensivmedizinerin tätig - ist der Beruf heute reizvoller und attraktiver als früher?

Die medizinischen Möglichkeiten sind wesentlich besser geworden. In vier Jahrzehnten haben sich Welten geändert. Neben der rasanten medizinisch-technischen Entwicklung gibt es mehr Intensivstationen, mehr fachärztliches und Fachpflegepersonal, die sich diesen Aufgaben ihr Leben lang verschreiben. Wir haben inzwischen ein Arbeitszeitgesetz, das wirklich etwas bewirkt hat. Als Assistentin und Oberärztin habe ich noch bis zu 48 Stunden am Stück durchgearbeitet. Das wäre heutzutage undenkbar. Gott sei Dank!

Sind Patienten heute selbstbewusster?

Im Allgemeinen schon, weil sie mit dem Internet auch deutlich mehr Informationsquellen zur Verfügung haben als früher. Patientenautonomie ist ein wichtiges Feld – auch beim bevorstehenden Kongress in Leipzig. Wir müssen uns mehr denn je die Frage stellen: Was will der Patient? Auch Patienten selbst sollten sich darüber klar werden, bevor sie in Extremsituationen kommen: Was will ich, wann, und wie? Und was will ich nicht? Das ist ein wichtiges Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Damit Intensivmedizin da eingesetzt wird, wo sie segensbringend ist. Das erfordert höchst verantwortungsvolle Entscheidungen. Für jeden. Und manches Mal bräuchten wir im Krankenhaus mehr Zeit für das Gespräch mit dem Patienten

Was sehen Sie als größte Herausforderung der kommenden Jahre?

Eindeutig den Mangel an Fachpersonal. Intensivpflege ist eine sehr anstrengende, verantwortungsvolle und nicht adäquat bezahlte Tätigkeit. Es streben zu wenige junge Leute in diesen Beruf oder sie bleiben nicht im Beruf. Aber Qualität der medizinischen Versorgung lässt sich nur über Personal absichern. Ein Gerät, an das ein Patient angeschlossen ist, kann nur dann gut wirken, wenn Mediziner und Pflegekräfte registrieren, was da gerade passiert. Am Krankenbett spielt die Musik. Ich habe Zweifel, ob diese Herausforderung allein durch Personaluntergrenzen zu meistern sein wird. Auch darüber werden wir beim Kongress auf der Neuen Messe mit Politik, Krankenhausgesellschaft und Krankenkassen ins Gespräch kommen. Ich freue mich auf diesen Austausch – und auf Leipzig.

Von Winfried Mahr

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