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Mitteldeutschland Interview: „Wappen sind Symbole, zu denen sich Menschen bekennen“
Region Mitteldeutschland Interview: „Wappen sind Symbole, zu denen sich Menschen bekennen“
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14:16 15.05.2018
Der Heraldiker Jörg Mantzsch recherchiert in Archiven, berät Verwaltungen bei der Ideensuche, hilft bei der Gestaltung und Genehmigung der Behördenzeichen.  Quelle: dpa
Leipzig

 Wappen als kleine, kunstvolle Abzeichen mit einfacher Bildersprache und symbolträchtigen Motiven, spielen auf wertvolle Traditionen an und betonen die Eigenarten einer Gebietskörperschaft. Wir haben den Heraldiker Jörg Mantzsch aus Magdeburg nach der Bedeutung von Wappen gefragt.

Der Heraldiker Jörg Mantzsch sitzt in Magdeburg in seinem Haus an einem Tisch und zeichnet ein Wappen. Quelle: dpa

Ein Löwe, geometrische Formen und etwas Farbe … und zack, fertig ist ein Wappen. Das ist aber viel zu kurz gedacht, oder?

Ja, Wappen sind nicht einfach bunte Bilder, sondern folgen Regeln und Gepflogenheiten der Heraldik als historischer Wissenschaftszweig. Und wohl die wenigsten wissen, was heraldische Symbole sind. Es gibt drei Sektionen in der Heraldik: Die Wappenkunde, die sich mit der Bedeutung der Objekte beschäftigt. So hat eine Lilie nichts mit Blumen zu tun, sondern steht für Reinheit und Unschuld. Wenn ein Pelikan mit aufgerissener Brust im Wappen auftaucht, ist das kein Zeichen für eine Klimaveränderung, sondern ein Symbol christlicher Nächstenliebe.

Dann gibt es die Sektion der Wappenkunst, also wie wird das Objekt gezeichnet. Der Adler des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hat zum Beispiel sieben Federn, weil es sieben Kurfürsten waren, die den Kaiser wählten. Und die dritte Sektion ist das Wappenrecht: Wer darf ein Wappen führen.

Über dem Eingang der Alten Handelsbörse prangt das Leipziger Stadtwappen. Quelle: LVZ-Archiv/Heinz

Jedes Wappen muss einzigartig sein – dabei existieren in Deutschland Tausende von ihnen. Wie gelingt es einem Heraldiker dennoch, ein Unikat zu schaffen?

Er muss erforschen und erfragen, woher kommt der Name der Ortschaft, was hat er etymologisch zu bedeuten, gibt es Sagen und Legenden oder prägende historische Ereignisse. Was ist also das Besondere, Einmalige und Unverwechselbare an der jeweiligen Gebietskörperschaft, womit sich die Bürger nachhaltig identifizieren. Ich kann keine Symbole wählen, die momentan eine Bedeutung haben. Das Kulturhaus, so schön es vielleicht sein mag, kennt später keiner mehr.

Manche Gemeinden verwenden statt eines Wappens, oder zusätzlich zu ihrem offiziellen Abzeichen, ein Marketing-Logo. Warum?

Wappen sind geschützt, dürfen also nur vom Rechtsträger und nicht für beliebige Zwecke verwendet werden. Die Gemeinfreiheit ist nur dann gegeben, wenn die Wappennutzung zur Bildung und Forschung oder zur staatsbürgerlichen Bildung dient. Dann braucht man nicht um Erlaubnis fragen. Oft geht es bei Logos darum, dass man gemeinfreie Symbole ohne Copyright entwickelt, die jedermann, zum Beispiel für touristische Zwecke nutzen kann.

Die Wappen der sächsischen Landkreise

Im Landkreis Leipzig führen alle, in Nordsachsen fast jede und in Mittelsachsen der Großteil der Kommunen ein Wappen. Wieso schmücken sich Gemeinden mit einem „Aushängeschild“?

Zunächst muss ich erst einmal kritisch anmerken, dass es in Sachsen sehr viele Wappen gibt, für die Kommunen – anders als in Sachsen-Anhalt oder Brandenburg – keine Legitimation eingeholt haben, also den Nachweis erbracht haben, ob das Wappen überhaupt rechtmäßig geführt wird. Ich musste für Sachsen im Gegensatz zum Beispiel zu Sachsen-Anhalt für eine ganze Reihe von Wappen ein Re-Design machen und durchs Genehmigungsverfahren führen, weil sie von der Kommunalaufsicht beanstandet wurden.

Doch zurück zur Frage: Wappen sind keine Symbole mit denen ich mich von anderen abgrenze. Im Gegenteil: Es sind Symbole, zu denen sich Menschen bekennen. In der DDR war das fast 40 Jahre lang nicht möglich, als die damalige Regierung 1953 beschloss, die Wappen außer Kraft zu setzen und als Hoheitssiegel der Kreise, Städte und Gemeinden nur noch Hammer, Zirkel und Ährenkranz mit der jeweiligen Umschrift zu verwenden. Genauso war dies im Dritten Reich nicht gewünscht, ein System, das von Symbolen lebte – allgemeinen Symbolen, aber keinen eigenständigen, die etwas Individuelles ausdrücken.

Hingegen hat im Altenburger Land gerade einmal die Hälfte der Gemeinden ein eigenes Hoheitszeichen.

Viele sehen keine Notwendigkeit, sich ein Wappen zuzulegen. Eines zu führen ist keine Pflicht, sondern eine politische Entscheidung, ein Symbol zu kreieren, das über Generationen hinweg den Ort und die Bürger darstellt, die ihn nach außen hin vertreten, sei es bei Sport- oder Heimatfesten. Ich halte das für eine sehr gute Idee, weil sie Identität fördert.

Nicht immer gelingt das auf Anhieb. Manchmal ist die Wappen-Suche äußerst mühsam und zieht sich über Jahre hin. Schon erstaunlich, wie ein kleines Emblem so die Gemüter erhitzt.

Natürlich! Ich habe erlebt – ohne Namen zu nennen –, dass sich ein Oberbürgermeister in der Wappendiskussion sein Haartoupet vom Kopf gerissen hat, das Abgeordnete aus dem Saal getragen wurden, weil sie nicht gehen wollten und, dass seriöse Damen und Herren nach vielen Bürgerdiskussionen und Einwohnerforen bei der Flaggenweihe schließlich Tränen in den Augen hatten, als die Flagge mit dem Wappen gehisst wurde. Die ganze Bandbreite von Gefühlen – und das, obwohl Wappen eigentlich ein trockener Gegenstand sind. Aber die Leute möchten nicht, dass man ihnen eine Identität überstülpt, sondern etwas, worin man sich widerspiegelt. Ein Teil davon ist das Wappen.

Was macht die Optik eines gut gestalteten Bildmotivs aus?

Gelungene und grafisch gut gezeichnete Wappen haben so wenige Farben wie möglich und so viele wie nötig. Und eine klare Symbolik, die Fernwirkung hat. Es sind keine Gemälde, die röhrende Hirsche oder Pilze sammelnde Menschen zeigen, sondern sie drücken aus der Symbolik heraus eine bestimmte Bedeutung aus.

Sie sagten einmal, Sie hätten den besten Beruf der Welt?

Ja, ich finde es eine sehr schöne Aufgabe. Es muss nicht mit meinem Namen verbunden sein, aber ich freue mich, dass ich die Chance habe, dass in vielen Generationen, wenn auf meinem Grab schon eine Buche wächst oder ein Einfamilienhaus steht, es meine Wappen noch geben wird.

Mehr zum Thema: Die sächsischen Landkreiswappen

Vor zehn Jahren wurden in Sachsen die Kreise neu geordnet und neue Hoheitszeichen verabschiedet. Und so manch einer fragt sich seit der Gebietsreform von 2008: Was führen die Landkreise eigentlich im Schilde? Wir haben nachgeschaut, welche Symbole die kreiseigenen Wappen vereinen.

Von Benjamin Winkler

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