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Mitteldeutschland KZ-Wächter brachte es an der Universität Halle bis zum Instituts-Chef
Region Mitteldeutschland KZ-Wächter brachte es an der Universität Halle bis zum Instituts-Chef
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23:45 17.12.2013
Von Armin Görtz
Der Eingang zum ehemaligen KZ Auschwitz. Quelle: dpa
Leipzig

(90), bis 1989 Institutschef an der Uni Halle.

„Ich bin völlig erschüttert, so etwas hätte ich ihm nie zugetraut", sagt Johannes Haerting. Der heutige Chef des Informatik-Instituts der halleschen Medizin-Fakultät ist der Nach-Nach-Nachfolger von Johannes A., kennt ihn noch aus DDR-Zeiten. Im August 1989, kurz vor seinem 66. Geburtstag, ging A. als Direktor des Instituts für Biostatistik und Medizinische Informatik in den Ruhestand. Er wohnt heute in einem halleschen Pflegeheim, dort hat ihn die Staatsanwaltschaft ins Visier genommen. Der Verdacht: A. soll als SS-Rottenführer Aufseher in Auschwitz gewesen sein. Der Name des Lagerkomplexes wurde später zum Symbol des Holocaust – mehr als eine Million Menschen wurden dort ermordet.

Geboren wurde A. 1923 im sächsischen Nossen. Nach dem Krieg wirkte er als Neulehrer, dann studierte er von 1947 bis 1953 in Dresden und Leipzig Mathematik, im Anschluss ging er als Mathematik-Dozent an die Dresdner Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, wechs-

elte später ans Industrie-Institut der Technischen Hochschule Dresden.

1959 folgte ein Richtungswechsel, und die Karriere des jungen Wissenschaftlers kam in Schwung. Die Medizin-Fakultät der halleschen Uni bot A. eine Stelle als Medizinstatistiker. 1968 stieg er zum Professor auf. Er brachte es zum Forschungsdirektor, wurde Chef der Gesellschaft für physikalische und mathematische Biologie in der DDR, erhielt den Vaterländischen Verdienstorden. Er war Mitglied der SED, sein Lehrbuch zur Medizin-Statistik wurde sogar ins Polnische übersetzt, zeitweise wirkte A. als Gastprofessor in Bagdad. 1982 folgte die Gründung des von ihm geführten Instituts in Halle.

Was A. in der Nazi-Zeit gemacht hatte, blieb über all die Jahre im Verborgenen. Als Haerting vor fünf Jahren in einer langen Laudatio Johannes A. zum 85. Geburtstag gratulierte, würdigte er ihn als Altmeister und „führenden Medizinstatistiker in der ehemaligen DDR" und erwähnte nur beiläufig „Kriegswirren mit Schulausbildung, Wehrdienst und Gefangenschaft".

Die Staatsanwaltschaft hüllt sich derzeit in Schweigen, will nicht einmal die Identität des Verdächtigen bestätigen. Grund für das späte Interesse der Ermittler an dem Hallenser: Mit dem Urteil des Landgerichts München im Prozess gegen den ehemaligen KZ-Aufseher John Demjanjuk wurden 2011 die Weichen bei der Bestrafung von KZ-Wächtern neu gestellt. Die Justiz steht nun nicht mehr vor der fast unmöglichen Aufgabe, eine individuelle Schuld nachzuweisen – der Wachdienst in einem KZ genügt.

Johannes A. könnte wegen Beihilfe zum Mord verurteilt werden.

Armin Görtz

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