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Mitteldeutschland Waschechter Ossi: „Ich gehöre dazu, und damit musst du leben“
Region Mitteldeutschland Waschechter Ossi: „Ich gehöre dazu, und damit musst du leben“
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16:17 11.04.2018
Als waschechter Ossi pflegt der Hallenser Karamba Diaby gern Kontakt zu seinen Landsleuten. Quelle: AFP
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Halle/Leisnig

Darf man über einen waschechten Ossi mit dunkler Hautfarbe lachen? Jawohl, denn diese Art Lachen provoziert Karamba Diaby gern. Der promovierte Chemiker kennt sich aus mit Schwermetallen in Schrebergärten. Wohnhaft in Halle (Saale), fühlt er sich diskriminiert, sobald Westdeutsche die Ossis reduzieren auf Pegida, AfD und angeblich nur im Osten existierende Nazi-Hochburgen. Im Interview führt Karamba Diaby manche selbstgefällige Sichtweise ad absurdum. Sein Buch „Mit Karamba in den Bundestag“ ermuntert die Menschen, einmal ihren Standpunkt und damit den  Blickwinkel zu wechseln.

   

Für den Deutschen Bundestag kandidierte Karamba Diaby erstmals 2013. Im Jahr 2017 zog er erneut in das Parlament ein. Als Abgeordneter der SPD gehör er dem linken Flügel der Partei an. Quelle: dpa

Herr Diaby, meinen Sie nicht, die Bezeichnung „waschechter Ossi“ klingt im Zusammenhang mit Ihrer dunklen Hautfarbe etwas unpassend?

Vielleicht für jemanden, der die menschliche Identität an der Hautfarbe festmacht. Jedoch beziehe ich mich als „waschechter Ossi“  auf die Menschen, deren Schicksal ich teile. Meine Biografie ist ebenso gebrochen wie die von Hunderttausenden anderen Ostdeutschen.  

Inwiefern?

Der Arbeitsplatz wird abgewickelt, du bist gezwungen, mit allem von Null anzufangen. Das ging mir so wie Hunderttausenden im Osten. Deshalb sage ich: Ich gehöre zu den Ostdeutschen. Und wenn jemand behauptet, ich würde wegen meiner Herkunft und Hautfarbe nicht dazu gehören, dann sage ich: Ich gehöre sehr wohl dazu, und damit musst du leben!

„Karamba, Karacho, ein Whisky“… was hat Ihr Vorname mit dem Heino-Song zu tun?

Gar nichts. Der Vorname kommt aus meiner Heimatsprache. Er ist ursprünglich viel länger – Karam-ocho-ba. Das hat man verkürzt, so wie man hier Alex sagt statt Alexander oder Kati statt Katarina. So ist aus mir Karamba geworden. Der Name in seiner vollen Länge bedeutet „ der große Gelehrte“. Aber das ist aus mir nicht geworden, sondern nur ein Chemiker.

Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Mit Karamba in den Bundestag – mein Weg vom Senegal ins deutsche Parlament“.  Was war der Auslöser?

Als ich 2013 erstmals für den Bundestag kandidierte, wurden Journalisten der ganzen Welt aufmerksam, nach dem Motto: Ein Schwarzer kandidiert im Osten, auch noch in Halle, der angeblichen Nazi-Hochburg. Doch die Journalisten fuhren nach dem Gespräch nach Hause mit dem Eindruck: Wow,  was Sie erlebt und geschildert haben, ist total spannend. Das müssen Sie aufschreiben.

Und dann legten Sie zusammen mit Ihrer Co-Autorin Eva Sudholt los…

Nein, aber es war ein erster Anstoß. Ein weiterer war: Jüngere Leute mit Migrationshintergrund, die mich bei Veranstaltungen als Kandidat und auch als Abgeordneter erleben,  bezeichnen mich manchmal als Vorbild. Nun muss man damit vorsichtig sein. Ein Vorbild muss alles perfekt machen, und perfekt bin ich nicht. Da haben wiederum andere gesagt: Wenn Jugendliche meinen, du bist ein Vorbild, dann schreibe dein Leben auf. Vielleicht kann es eine Inspiration sein für junge Leute auf der Suche nach einer Identifikationsfigur. 

Warum identifizieren Sie sich mit jenen Deutschen, die manchmal herablassend als „Ossis“ bezeichnet werden?

Ich komme aus dem Osten. Da ist es eine gemeinsame Erfahrung, vorverurteilt und herabgewürdigt zu werden wegen der Herkunft. Das muss sich niemand bieten lassen. Im Übrigen vergleiche ich die Vorurteile Westdeutscher gegenüber Ostdeutschen mit den Vorurteilen, die manche Europäer gegenüber Afrikanern haben.

Bedeutet das, wer Ostdeutsche in herabsetzender Art als „Ossis“ bezeichnet, ist nicht besser als ein Rassist?  

Das ist absolut vergleichbar, ganz ehrlich. Durch meine Abgeordnetentätigkeit und meine Begegnungen in und außerhalb Deutschlands stelle ich fest: Die Leute staunen, dass ich aus Halle komme. Und dann heißt es, verdammt noch mal, du musst als Botschafter deiner Stadt sprechen, und zwar mit den Leuten, die gegenüber dem Osten riesengroße Vorurteile haben. Und das ist der dritte Grund für das Buch: Ich meine, ich kann als Stimme aus Halle darum bitten, dass Leute aus Westdeutschland sich bitte mal Mühe geben, im Osten unterwegs zu sein. Sie sollen nach Leipzig fahren und nach Dresden, und bitte mal die Menschen dort kennen lernen, statt sich immer nur zu beschäftigen mit Pegida und AfD und dann alle Ostdeutschen darauf zu reduzieren.

Als Stimme für Halle möchte Diaby für seine Heimatstadt sprechen. Westdeutsche bittet er darum, in den Osten des Landes zu kommen, die Menschen hier kennen zu lernen, um Vorbehalte abzubauen. Foto: dpa Quelle: dpa-Zentralbild

Seit wann leben Sie hier?

Ich lebe seit Juli 1986 in Deutschland, schon immer im Osten, schon immer in Halle. Diese Stadt habe ich seitdem nie länger als vier Wochen verlassen. Ich wohne hier, habe meinen Lebensmittelpunkt hier, zahle Steuern hier. Meine Familie, meine Kinder leben hier. Heute bin ich 56 Jahre alt, lebe also in Halle länger als im Senegal, wo ich geboren bin. Seit 2001 bin ich deutscher Staatsbürger. Sonst hätte ich nicht wählen und auch nicht für den Bundestag kandidieren dürfen.

Wie hat Ihrer Meinung nach die Zuwanderung seit 2015 /16 die Ausländerfeindlichkeit Ihrer ostdeutschen Landsleute beeinflusst?  

Grundsätzlich sage ich: Ausgrenzungen in aggressiver Form sind weder ein alleiniges ostdeutsches Phänomen noch ist es allein in irgendwelchen Randgruppen verwurzelt, auch wenn das immer wieder gern, aber eben falsch dargestellt wird. Es handelt sich um eine gesamtdeutsche Erscheinung. Das muss man zur Kenntnis nehmen, und das sage nicht nur ich.  In den letzten Jahren ergaben Untersuchungen beispielsweise an der Universität Leipzig, dass generell menschenverachtende Tendenzen, gegenüber wem auch immer, in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Das heißt leider, mitten unter allen Deutschen, und in allen sozialen Schichten.

Dann ist das aus Ihrer Sicht keine typisch ostdeutsche Erscheinung?

Es ist unfair und unkorrekt, das auf Ostdeutschland zu fokussieren. Es trifft auch nicht nur auf Deutschland zu, sondern auf ganz Europa. Was mich persönlich betrifft: Ein zunehmend aggressiver Ton ist insbesondere in den so genannten sozialen Medien des Internets  zu bemerken. Poste ich als Abgeordneter etwas, kommen zunächst positive oder neutrale Kommentare. Dann kippt es ins Unsachliche und Abwertende. Und ich sage: Dann ist auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sich an der Stelle, wo das auftritt, dagegen zu wehren und zu sagen: Das akzeptieren wir nicht. Ich betone jedoch - und das ist ebenfalls meine persönliche Erfahrung: Die weitaus überwiegende Mehrheit der Menschen ist weltoffen und solidarisch. Denen, die versuchen zu spalten, müssen bitte alle anderen deutlich machen, wo die Grenzen sind.

Die wachsende Aggression gegenüber Fremden  nehmen Sie also eher in der Kommunikation im Netz wahr statt im realen Leben?  

Ja, ich persönlich empfinde das so. Mir steht es nicht auf der Stirn geschrieben, dass ich Abgeordneter im Bundestag bin. Im normalen Alltag, wo ich einfach nur ein Mann mit dunkler Hautfarbe bin, sind so krasse Anfeindungen wie im Netz sehr viel seltener. Natürlich achte ich darauf, bestimmte Orte und Umgebungen zu meiden. Man muss niemanden provozieren. Passieren kann es trotzdem überall. Darauf muss man sich einstellen, das ist Realität. Trotzdem kann ich für mich persönlich sagen: Die Anfeindungen nehmen erst in der Anonymität der sozialen Medien derart aggressive Dimensionen an, wie man sie sich vor fünf oder sechs Jahren nicht hätte vorstellen können. Im realen Alltag erlebe ich das so nicht.

Wie sieht Ihr normaler Alltag aus?

Ich bin Familienvater. Mein jüngerer Sohn ist 15, meine Tochter 23 Jahre alt. Meine Frau lernte ich beim Studium in Halle kennen. Sie stammt aus Freiberg und studierte Landwirtschaft, ich Chemie. Mein ältester Sohn ist über 30. Er wurde im Senegal geboren, bevor ich mit 24 Jahren zum Studium ging, damals also in die DDR.

Auf welchem Weg kamen Sie dort hin?  

Über den Internationalen Studentenbund mit Sitz in Prag. Dazu muss man wissen: Es gab kein Kulturabkommen zwischen der DDR und dem Senegal, da das afrikanische Land zum Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet gehörte. Ich war damals aktiv in einer Studentenbewegung, hatte Kontakt zu Menschen, die Solidaritätsspenden aus der DDR erhielten. Ich war entsprechend gut informiert und wusste, dass man ein Stipendium beantragen kann beim Internationalen Studentenbund. Ein konkretes Land durfte man sich nicht aussuchen, man wurde zugewiesen. Zunächst hatte ich die Zusage für ein Studium der Elektronik/Elektrotechnik in der DDR. Es wurde stattdessen Chemie, das war für mich ok.  

Welchen familiären Hintergrund haben Sie?

Ich wurde sehr früh Waise. Meine Mutter starb, als ich drei Monate alt war, mein Vater, als ich sieben Jahre alt war. Kinderheime gibt es im Senegal nicht. Meine 17 Jahre ältere Schwester hat mich aufgenommen. Sie heiratete mit 18 und ich kam in ihre Familie, wuchs mit ihren Kindern zusammen auf. Meine Schwester und ihr Mann haben alles für mich getan und ich tat, was ich konnte, um möglichst gute Schulnoten zu bekommen. Das Stipendium, also die Finanzierung meines Studiums, war für mich ein großes Glück. Das Studium wäre für mich sonst unmöglich gewesen.

Haben Sie Kontakt zu Ihrem ältesten Sohn?

Ja, selbstverständlich. Jeden Tag schickt er mir Nachrichten und Fotos, zum Beispiel vom Geburtstag seiner Kinder, ich bin zweifacher Großvater. Mein Enkel ist vier Jahre alt, mein Sohn hat ihm meinen Vornamen gegeben. Meine Enkelin wurde vergangene Woche ein Jahr alt. Alle zwei Jahre mache ich Urlaub im Senegal, war im Januar 2017 zuletzt dort. Meine Enkelin habe ich deshalb leider außer auf Fotos noch nicht gesehen, was ich sehr bedaure. Aber ich hoffe, dass ich es dieses Jahr schaffe, hinzufahren.

1986 in der Nähe von Karl-Marx-Stadt: Die damalige Deutschklasse von Sylvia Eggert (hintere Reihe, heller Schal), ganz vorn mit heller Jacke: Karamba Diaby. Quelle: privat

Wie war Ihr beruflicher Werdegang, bevor Sie in den Bundestag gingen? 

Nach neun Monaten Deutschkurs am Herder-Institut Leipzig begann am Tag nach der Sprachprüfung das Studium in Halle. Das war im Juli 1986. Zehn Jahre später promovierte ich über die Schwermetallbelastung der Schrebergärten von Halle. Da soll mal jemand behaupten, ich bin kein waschechter Ossi. Es folgte die Mitarbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Danach arbeitete ich als Dozent bei einem Bildungsträger in der Lehrerfortbildung, gab anschließend mehrere Jahre lang außerschulisch Seminare und Workshops für Schulen in Sachsen-Anhalt. Zuletzt war ich Referent im Sozialministerium. 2013 kandidierte ich erstmals für den Deutschen Bundestag, 2017 erneut.

Sie stellen das Buch zum diesjährigen Lesefest von Friedrich-Bödecker-Kreis in Börtewitz vor. Wie kam es dazu?

Über den Kontakt zur Leisniger Autorin Sylvia Eggert, die im Bödecker-Kreis Mitglied ist. Ich freue mich sehr auf die Begegnung, denn Frau Eggert war meine Deutschlehrerin am Leipziger Herder-Institut. Sie wird den Abend auch moderieren. Damals in Leipzig war sie als frisch gebackene Diplomandin sogar jünger als wir Studenten. Ich habe noch heute größte Hochachtung vor ihrer Geduld, mit der sie damals 17 erwachsenen Kerlen aus 15 verschiedenen Ländern Deutsch beibrachte, ohne dass wir vorher ein einziges deutsches Wort kannten. Dabei gehörte ich zu den Privilegierten, da ich zwei Worte kannte: Bundesliga und BMW. Dass ich 2013 für den Bundestag kandierte, erfuhr Frau Eggert aus der Leipziger Volkszeitung. Seitdem haben wir Kontakt.     

Was denken Sie, was kommt bei den Lesungen am Freitag in der Kulturscheune und am 21. April in Ehrenberg auf Sie zu?

Da lasse ich mich überraschen, denn jeder Ort ist anders. Ich bin oft und gern in ländlichen Gebieten unterwegs, um dort mein Buch vorzustellen, stehe aber gar nicht so gern im Mittelpunkt. Ich freue mich viel mehr auf die Fragen, welche die Menschen vielleicht auch über das Buch hinaus an mich haben. Wichtig ist, was sie bewegt, wie ihr Alltag aussieht und wie sie die politische Entwicklung in Deutschland sehen.

Von Steffi Robak

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