Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland „Kein Gewinn für Ost-Rentner": Interview mit Chef der Mitteldeutschen Rentenversicherung
Region Mitteldeutschland „Kein Gewinn für Ost-Rentner": Interview mit Chef der Mitteldeutschen Rentenversicherung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:52 20.05.2014
Dr. Wolfgang Kohl, Geschäftsführer Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland Quelle: Andreas Döring
Leipzig

LVZ:

Ist die Rente ab 63 aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Wolfgang Kohl

: Eher nicht. Wir haben bereits seit 2012 mit der „Altersrente für besonders langjährig Versicherte" eine Regelung im Rentenrecht, wonach Versicherte trotz der Anhebung der Altersgrenzen auf langfristig 67 Jahre weiterhin abschlagsfrei mit 65 Jahren in Rente gehen können, wenn sie 45 Beitragsjahre haben. Warum diese Regelung nunmehr ergänzt werden soll, ist nicht ganz nachvollziehbar. Denn sie ist auch nur eine Übergangsregelung, die voll nur für die Jahrgänge 1951 und 1952 gilt. Dann wird dieses Renteneintrittsalter schrittweise angehoben und der letzte Geburtsjahrgang der davon profitiert, ist der Jahrgang 1963. Das ist vielen gar nicht so bewusst.

[gallery:700-NR_LVZ_GALLERY_32902]

Wie viele können in Mitteldeutschland die abschlagsfreie Rente ab 63 in Anspruch nehmen?

Da gibt es derzeit noch keine belastbaren Zahlen, auch nicht für die Region Mitteldeutschland.

Ist die Befürchtung, dass die neue Rente zu Frühverrentung führt, indem die 61- und 62-Jährigen in die Arbeitslosigkeit geschickt werden, nun vom Tisch?

Die Versuchung war bestimmt groß. Der Kompromiss, auf den sich die Koalition nun mit der Einführung des rollierenden Stichtags zwei Jahre vor Rentenbeginn geeinigt hat, ist aber ein wirksames Mittel, um das Risiko einer Frühverrentung einzudämmen. Mit der Rente mit 63 ermutigt man aber auf alle Fälle mehr Versicherte, früher in Rente zu gehen, die sonst weiter Beiträge bezahlt hätten.

In welchem Alter gehen die Mitteldeutschen denn derzeit in Rente?

Die aktuellsten Zahlen, die uns vorliegen, stammen von 2012. Deutschlandweit sind die Versicherten im Durchschnitt mit 63,9 Jahren in Altersrente gegangen, in den alten Bundesländern mit 64,1 noch etwas später als in den neuen mit 63,2 Jahren. In Mitteldeutschland lag der durchschnittliche Beginn einer Altersrente bei 63,1.

Da ist aber bis zum regulären Renteneintrittsalter mit vollen Bezügen noch reichlich Luft, oder?

Das stimmt. Das liegt daran, dass die Menschen aus persönlichen Gründen vorzeitig mit Abschlägen in Rente gehen oder weil sie den Job verloren haben. Aber ich muss sagen, das Renteneintrittsalter ist erheblich gestiegen, auch im Osten, von 61 Jahren zur Jahrtausendwende über 62 Jahre 2010 auf jetzt über 63 Jahre.

Mit welchen Abschlägen gehen die Frauen und Männer im Osten in Rente?

Nun, 2012 sind 52,8 Prozent der ostdeutschen Männer und 66,1 Prozent der ostdeutschen Frauen vorzeitig in Altersrente gegangen. Dadurch verringerte sich die durchschnittliche monatliche Bruttorente bei den Männern um 77 Euro, bei den Frauen um 92 Euro.

Wie hoch ist eigentlich die Rente derzeit in Sachsen und Thüringen?

Die Frauen, die 2012 in Sachsen in Altersrente gingen, erhielten im Schnitt 742 Euro netto, die Männer 895 Euro, in Thüringen bekamen die Frauen durchschnittlich 738 Euro, die Männer 904 Euro. Bei diesen Zahlen sind die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung schon abgezogen.

Liegen diese Rentenhöhen über oder unter dem bundesdeutschen Durchschnitt?

Darüber. Die durchschnittlichen Nettobezüge der Männer, die 2012 in Altersrente gegangen sind, liegen bei 899 Euro, die der Frauen bei 532 Euro. Der Unterschied bei den Frauen ist deutlicher: Sie erhielten in den alten Bundesländern eine durchschnittliche Altersrente von 493 und in den neuen 753 Euro.

Das heißt, die Ostrentner sind besser gestellt als die Westrentner?

So würde ich das nicht bezeichnen. Die Ostrentner sind nicht bessergestellt, sie haben durch längere Versicherungsbiografien höhere Rentenansprüche erworben. Das betrifft vor allem die Frauen im Osten, die ja viel stärker erwerbstätig waren als die im Westen.

Verstehen Sie die wieder aufgeflammte Neiddebatte, weil jährlich 15 Milliarden Euro in die Ostrenten fließen?

Das Rentenpaket soll noch vor der Sommerpause verabschiedet werden und zum 1. Juli in Kraft treten. Quelle: Ralf Hirschberger/Archiv

Nein, denn das ist Ausdruck einer gewaltigen solidarischen Leistung der gesamten gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland. Die Rentenversicherung leistet hier Vorbildliches. Das sage ich auch immer wieder den Ost-Rentnern, denen die Angleichung nicht schnell genug geht. Zwar ist der Rentenwert Ost mit 26,39 Euro ab 1. Juli immer noch niedriger als der im Westen mit 28,61 Euro. Aber das Rentenniveau hat sich schon auf über 92 Prozent angeglichen. 1992 waren es nur 62 Prozent. Da sind die Ost-Rentner schon deutlich weiter als die Beschäftigten im Osten, die derzeit nur 80 Prozent des West-Bruttolohnniveaus erreichen.

Gäbe es denn wirklich mehr Rente im Osten bei einer vollen Angleichung?

Das bezweifle ich. Die volle Angleichung wird nach meiner Einschätzung kein Gewinn für die Ost-Rentner. Denn im Moment werden die ostdeutschen Gehälter höher gewertet. Ohne diese Höherbewertung würden sich die Bezüge deutlich vermindern. Der Ostdeutsche bekommt also für 1000 Euro Lohn eine höhere Rentenanwartschaft als derjenige, der im Westen 1000 Euro verdient. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das beibehält, wenn die Rentenwerte angeglichen werden. Dann könnten sich die Schleswig-Holsteiner auch hinstellen und eine Höherbewertung ihrer Gehälter fordern, weil diese nicht viel höher sind als die in Sachsen.

Aber für die ostdeutschen Senioren ist die Rente oft die einzige Einkommensquelle.

Das stimmt. 91 Prozent aller Einkünfte der ostdeutschen Senioren stammen aus der Rentenversicherung, im Westen sind dies nur 58 Prozent, weil dort private und betriebliche Vorsorge, Immobilienbesitz und anderes eine größere Rolle spielen. Insofern hat die gesetzliche Rentenversicherung in Ostdeutschland einen viel höheren Stellenwert für die finanzielle Absicherung im Alter.

Ist denn ein flexibles Rentensystem, in dem der eine mit 62 und der andere mit 70 in Rente geht, machbar?

Norbert Blüm hat vor wenigen Tagen im „Spiegel" gefordert, das gesetzliche Renteneintrittsalter abzuschaffen und stattdessen mehr differenzierte und gleitende Übergänge zu ermöglichen. Das sehe ich nicht anders. Ich würde es ausdrücklich begrüßen, wenn die starren Altersgrenzen wegfielen. Die Menschen sollten sowohl früher als auch später in Rente gehen können. Aus meiner Sicht sollten aber auch die Rentenabschläge wegfallen, weil gerade sie das System in den letzten Jahren oft diskreditiert haben. Wie will man einem 62-Jährigen nach 44 Beitragsjahren erklären, dass er eine Rente mit Abschlägen erhält, aber ein 67-Jähriger gegebenenfalls nach nur 37 Beitragsjahren eine Rente ohne Abschläge. Das ist nicht nachzuvollziehen. Allerdings sind solche Modelle einer abschlagsfreien Rente in der bisherigen Diskussion noch nicht von den Kosten her betrachtet worden.

Ab 1. Juli soll es mehr Rente für ältere Mütter geben. Wie viele Frauen betrifft das in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen?

Da haben wir nur Zahlen von den Müttern, die bereits Rente beziehen. Das betrifft in Sachsen rund 656 000, in Sachsen-Anhalt 378 000 und in Thüringen 348 000, insgesamt also etwa 1,38 Millionen Frauen, denen Erziehungszeiten für vor 1992 geborene Kinder angerechnet werden. Noch nicht ermittelbar ist derzeit, bei wie vielen mitteldeutschen Versicherten, die noch keine Rente beziehen, Kindererziehungszeiten für Geburten vor 1992 enthalten sind.

Erhalten auch Mütter, die schon wenige Monate nach der Geburt, wie es in der DDR üblich war – wieder arbeiten gegangen sind, den Zuschlag?

Natürlich, der zusätzliche Entgeltpunkt wird jeder Mutter – manchmal auch dem Vater - gewährt. Die Frage ist aber, ob auch der vollständige Entgeltpunkt berücksichtigt werden kann. Bei den Frauen, die schon am 30. Juni 2014 eine Rente erhalten, wird der zusätzliche Entgeltpunkt pro Kind der Rente pauschal zugeschlagen. Beginnt die Rente erst am 1. Juli 2014 oder später, fließt er in die individuelle Rentenberechnung mit ein. Das heißt: Wenn Kindererziehungszeiten mit Beitragszeiten zusammentreffen, dann werden zu den Entgeltpunkten aus der Beschäftigung zusätzliche Entgeltpunkte für Kindererziehungszeiten berücksichtigt. Die Summe darf allerdings die Beitragsbemessungsgrenze zum jeweiligen Zeitpunkt nicht übersteigen. Wer zum Zeitpunkt der Geburt noch studiert hat, erhält den vollen Entgeltpunkt.

Schafft der eine Entgeltpunkt tatsächlich mehr Gerechtigkeit?

Sagen wir so: Er schafft etwas mehr Gleichbehandlung. Denn Mütter, deren Kinder nach 1992 geboren wurden, sind besser gestellt. Sie erhalten ja pro Kind drei Entgeltpunkte – also immer noch einen mehr.

Ist es ungerecht, dass Ost-Mütter weniger bekommen als West-Mütter?

Das sehe ich nicht so, weil es ganz einfach mit dem allgemeinen Stand der Ost-West-Rentenangleichung zusammenhängt. Was ich dagegen mit Sorge betrachte, ist die Finanzierung der Mütterrente erstmals aus den Rücklagen der gesetzlichen Rentenversicherung. Kindererziehung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und muss aus Steuermitteln bezahlt werden. Darüber bestand bisher auch Einvernehmen.

Kann mit den Regelungen des Rentenpaketes Altersarmut verhindert werden?

Ganz klar: nein. Das ausgegebene Ziel der Koalitionspartner, Altersarmut zu bekämpfen, wird mit dem Rentenpaket nicht erreicht. Wir wissen seit langem, dass insbesondere Langzeitarbeitslose, Niedriglohnbeschäftigte, Solo-Selbstständige und Erwerbsgeminderte von einem erhöhten Altersarmutsrisiko betroffen sind. Mit Ausnahme der Erwerbsgeminderten, deren Rente ab dem 1. Juli beginnt, finden die anderen Risikogruppen im Rentenpaket keinerlei Beachtung.

Ist Altersarmut für Mitteldeutschland ein Thema?

Noch nicht in dem Maße, wie ich und andere es erwartet hatten. 2012 bezogen in Sachsen 10 413 Personen Grundsicherung im Alter. Das waren gerade mal ein Prozent der sächsischen Bevölkerung über 65 Jahre. In Thüringen waren es 5043 Personen und damit auch nur ein Prozent der über 65-Jährigen. Diese Zahlen liegen sogar noch deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 2,7 Prozent. Aber jetzt ist wirklich abzusehen, dass die Altersarmut gerade in Mitteldeutschland deutlich ansteigen wird, wenn nicht schnellstmöglich gegengesteuert wird.

Und wie?

Altersarmut kommt nicht überraschend und fängt lange vor der Rente an. Altersarmut ist ein gesellschaftliches Problem und keines der gesetzlichen Rentenversicherung. Fakt ist: Beschäftigung zu ordentlichen Löhnen ist der beste Schutz gegen Altersarmut. Nur wer regelmäßige auskömmliche Einkünfte hat, kann zudem eine private Altersvorsorge aufbauen. Es war daher ein Fehler der Politik, den Arbeitsmarkt zu stark zu deregulieren, ohne Ausgleichsmechanismen zu schaffen. Unser Arbeitsmarkt ist eben nicht mehr vom Normalarbeitsverhältnis geprägt. Niedriglöhne, befristete Jobs oder Leiharbeit, all das hat sich rasant entwickelt. Was man allerdings versäumt hat, ist diese Veränderungen am Arbeitsmarkt sozialpolitisch zu flankieren.

Welche sozialpolitische Flankierung meinen Sie?

Seit 2011 werden von der Bundesagentur für Arbeit keine Rentenbeiträge mehr für Langzeitarbeitslose entrichtet. Somit erwerben die Betroffenen auch keine Rentenansprüche, was ich für äußerst problematisch halte. Dadurch wird es vor allem in den neuen Bundesländern, in denen die Menschen häufiger länger arbeitslos sind, viel mehr Altersarmut geben. Wer Altersarmut wirklich bekämpfen will, muss das korrigieren.

Wie stark werden durch die neuen Wohltaten für Ältere die Jungen belastet?

Schon erheblich, denn sie sollen im Wesentlichen die Finanzierung des Rentenpaketes schultern, von dem sie selbst kaum etwas haben. Die Mütterrente und die Rente ab 63 begünstigen vor allem heutige Bestandsrentner und Versicherte der rentennahen Jahrgänge. Die junge Generation wird durch den in der nächsten Legislaturperiode kommenden höheren Beitragssatz noch stärker belastet und muss zugleich ein niedrigeres Rentenniveau in Kauf nehmen.

Warum befindet sich das Rentenniveau weiterhin im Sinkflug?

Das ist politisch so gewollt. Bislang wurde von einem Rentenniveau in Höhe von 44,4 Prozent für das Jahr 2030 ausgegangen. Mit dem Rentenpaket sinkt es weiter auf 43,7 Prozent. Wenn die tatsächlichen Kosten höher ausfallen, wird das Rentenniveau noch stärker sinken.

Im Rentensystem gibt es nun einmal nur zwei Stellschrauben, die Beiträge und die Rentenleistung. Da man die Beiträge stabil halten wollte und nach wie vor will, wurden die Leistungen reduziert. Deshalb ist heute nicht mehr die Rede davon, dass die gesetzliche Rente allein den Lebensstandard im Alter sichern soll. Dieses Prinzip ist zu Gunsten der Beitragsstabilität aufgegeben worden. Daher gewinnt die private Vorsorge an Bedeutung.

Wann gehen Sie selbst in Rente?

Ich bin jetzt 60 und gehe als Beamter planmäßig mit 65 Jahren und acht Monaten in Pension.

Anita Kecke

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Steuersegen für Sachsen hält an. Nach der am Dienstag von Finanzminister Georg Unland (CDU) vorlegten Mai-Steuerschätzung kann der Freistaat in diesem Jahr mit rund 400 Millionen Euro mehr rechnen als ursprünglich im Etat veranschlagt.

20.05.2014

Der Filialleiter einer Eisenacher Sparkasse hat im NSU-Prozess am Dienstag über jenen Überfall berichtet, der das Trio um die Hauptangeklagte Beate Zschäpe auffliegen ließ.

20.05.2014

Abends mitfiebern, morgens ausschlafen: Jede Schule in Sachsen kann selbst entscheiden, ob sie zur Fußball-WM (12. Juni bis 13. Juli) den Unterrichtsbeginn nach hinten verlegt.

20.05.2014