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Killer-Keime werden in sächsischen Krankenhäusern zum Problem

Killer-Keime werden in sächsischen Krankenhäusern zum Problem

Killer-Keime bereiten auch sächsischen Ärzten zunehmend Kopfzerbrechen. Erkrankungen durch gegen Antibiotika resistente Bakterien gelten als die medizinische Herausforderung.

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Killer-Keime bereiten auch sächsischen Ärzten zunehmend Kopfzerbrechen. Foto: Pete Seidel/CDC

Quelle: dpa

Leipzig. "Die Auswirkungen solcher Krankheiten werden die Schwierigkeiten übertreffen, mit denen wir gegenwärtig etwa durch HIV oder früher durch Tuberkulose zu kämpfen hatten", sagt Bernhard Ruf, Chefarzt der Klinik für Infektiologie, Tropenmedizin und Nephrologie am Leipziger Klinikum St. Georg.

Als gefährlich gelten MRSA-Keime, wie sie im vergangenen Jahr zum Beispiel am Krankenhaus Dresden-Neustadt aufgetreten sind, und sogenannte gramnegative Darmkeime, über die die Leipziger Uniklinik 2012 berichtet hatte und von denen dort 95 Menschen befallen waren. 30 Patienten, bei denen der Darmkeim nachgewiesen worden war, waren gestorben.

"Auch wenn MRSA-Bakterien gegen viele Standard-Antibiotika resistent sind, haben wir doch inzwischen neue Antibiotika zur Hand, mit denen sie erfolgreich behandelt werden können", berichtet Ruf. "Doch bei den multiresistenten Darmkeimen, die schon bei etwa zehn Prozent der Bevölkerung im Darm nachgewiesen werden können, sind uns die Hände gebunden." In den nächsten zehn Jahren wird wahrscheinlich kein neues Antibiotikum auf den Markt kommen, das gegen diese Keime wirksam ist. Für die Entwicklung eines einzigen Antibiotikums müsse die Pharmaindustrie ein bis zwei Milliarden Euro aufwenden, ergänzt Chefarzt Ruf.

Komplizierte Zulassung

Die sächsische Krankenhausgesellschaft sieht Hindernisse in einer "innovationsfeindlichen Gesetzgebung" begründet. "Komplizierte Zulassungsverfahren hemmen die Bereitschaft der Pharmaindustrie, innovative Medikamente mit einem hohen Aufwand zu entwickeln und dann keine ausreichende Refinanzierung realisieren zu können", klagt Friedrich München, stellvertretender Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft.

Derzeit bleiben den Kliniken im Fall von multiresistenten Darmkeimen nur das verstärkte Untersuchen von Patienten, Ärzten und Pflegern auf diese Bakterien, das Isolieren von betroffenen Kranken und verbesserte Hygiene. "Da diese Bakterien im Darm vorkommen und durch Schmutz- und Schmierinfektionen übertragen werden, sollte jeder seine eigene Toilettenhygiene überprüfen", rät Ruf.

Personalmangel contra Hygiene

Die Forderung nach mehr Hygiene in den Kliniken, die Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern anwenden sollten und die immer wieder erhoben wird, sieht der Mediziner kritisch. "Es geht nicht, ständig nur mehr Hygiene zu verlangen und die Kliniken zugleich personell ausbluten zu lassen." Die sächsische Krankenhausgesellschaft weist darauf hin, dass bis 2016 in der Bundesrepublik zusätzlich 270 Krankenhaushygieniker, 1800 hygienebeauftragte Ärzte und 1300 Hygienefachkräfte benötigt würden, um die Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes und der Hygieneverordnungen zu verwirklichen. "Die gesetzliche Übergangsfrist bis 2016 ist nicht ausreichend", schätzt München ein. "Entsprechendes Personal ist auf dem Arbeitsmarkt bis dahin nicht verfügbar." Er kritisiert, dass an den Unis Leipzig und Dresden die Lehrstühle für Hygiene abgeschafft worden sind, in der Bundesrepublik existieren sie nur noch an elf von 36 medizinischen Fakultäten. Infektiologe Ruf bemängelt weiterhin, dass keine Facharztausbildung für Infektiologie existiert. "In den neuen Ländern ist die infektiologische Bildung der Ärzte deutlich besser", ergänzt er. "Hier werden nur halb soviel Antibiotika verschrieben wie in den alten Bundesländern."

Weil in Asien, Südeuropa und den arabischen Ländern besonders oft mit Antibiotika behandelt wird, kommen multiresistente Erreger dort überdurchschnittlich häufig vor. Der am Uniklinikum Leipzig im Juli 2010 erstmals nachgewiesene Darmkeim stammte etwa von einem Patienten, der aus einem griechischen Krankenhaus nach Leipzig verlegt worden war. Um nicht Resistenzen weiterer Bakterienarten entstehen zu lassen, hält Ruf einen "rationalen Antibiotikagebrauch" für nötig: "Bisher werden oft zu breit wirksame Antibiotika verschrieben, die dazu noch zu lange angewandt werden", berichtet der Chefarzt. "Häufig wird außerdem nicht überprüft, ob sie überhaupt nötig sind - bei durch Viren verursachten Erkältungen helfen sie nicht."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.07.2013

Sven Eichstädt

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