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Mitteldeutschland Kitas, Pflege und Rente sind für Sachsen wichtiger als das Flüchtlingsthema
Region Mitteldeutschland Kitas, Pflege und Rente sind für Sachsen wichtiger als das Flüchtlingsthema
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22:00 11.09.2018
Rente, Kita-Versorgung und Pflege gehören für die Sachsen zu den wichtigsten Themen. (Symbolfoto) Quelle: dpa/Montage: Anton Zirk
Leipzig

Wenn Bundesinnenminister und CSU-Chef Horst Seehofer sagt, die Migrationsfrage sei die Mutter aller politischen Probleme in Deutschland, dann sehen das die Sachsen doch etwas anders. Denn nicht die Begrenzung der Zuwanderung oder die Kriminalitätsbekämpfung treibt die Sachsen am meisten um, sondern die Sorge um genügend Kita-Plätze, gute Schulen, eine qualifizierte Versorgung im Pflege- und Krankheitsfall und um anständige Renten, von denen man im Alter würdig leben kann. Nach unserer großen LVZ-Umfrage zur politischen Stimmungslage im Freistaat sind Investitionen in Kitas und Schulen das am dringendsten zu lösende Problem, gefolgt von dem Wunsch nach höheren Renten, besserer Pflege und Gesundheitsversorgung. Erst danach folgt die Aufforderung an die Regierenden, die Zuwanderung von Flüchtlingen zu begrenzen und die Bürger besser vor Kriminalität zu schützen.

Das ergab die Umfrage der LVZ ein Jahr vor der Landtagswahl 2019. Dafür befragte das Leipziger Meinungsforschungsinstituts Uniqma vom 20. bis 28. August 703 repräsentativ ausgewählte wahlberechtigte Bürger aus ganz Sachsen.

Bessere Betreuung für Kinder gefordert

37 Prozent aller Wähler fordern eine bessere Betreuung und Bildung der Kinder und Jugendlichen. Am meisten sorgen sich darum die Wähler im mittleren Alter, die 30- bis 49-Jährigen. Für 54 Prozent dieser Generation, die am meisten Kinder zu versorgen hat, ist es am wichtigsten, dass es genug Kitas, gut ausgestattete Schulen und überall ausreichend qualifiziertes Personal gibt. Dieses Problem liegt den Wählern von FDP (53 Prozent), Grünen (50 Prozent) und Linken (45 Prozent) am meisten am Herzen. Aber auch die Anhänger von SPD (38 Prozent), CDU (37 Prozent) und AfD (28 Prozent) sehen hier den größten Handlungsbedarf.

Jeder Dritte (31 Prozent) fordert von den Regierenden im Freistaat mehr Einsatz für höhere und sichere Renten sowie den Ausbau der Pflege und eine bessere Gesundheitsversorgung. Das treibt mehr Frauen (36 Prozent) um als Männer (25 Prozent) und mehr Älter als Jüngere. Unterschieden nach Parteien ist dieses umfassende soziale Paket für die SPD-Wähler mit 46 Prozent das wichtigste Thema überhaupt. Auch für einen Großteil der Anhänger der Linken (39 Prozent), der Grünen (34 Prozent) und der CDU (28 Prozent), der FDP (19 Prozent) und der AfD (18 Prozent) hat die soziale Absicherung im Alter, bei Pflege und Krankheit allerhöchste Priorität.

Begrenzung der Zuwanderung nicht wichtigstes Problem

In der Befragung, die vor der Eskalation in Chemnitz und den Ereignissen in Köthen stattfand, folgt erst an dritter Stelle mit Abstand die Begrenzung der Zuwanderung. Das ist für 15 Prozent der Wähler in Sachsen das drängendste Problem. Für die AfD-Wähler allerdings ist dies mit Abstand das Allerwichtigste, das die Regierung schnell in den Griff bekommen sollte. 41 Prozent der AfD-Anhänger setzen dies als Priorität, danach folgen mit zehn Prozent die FDP-Wähler, dann mit jeweils acht Prozent die von CDU und SPD. Während das aber nur für acht Prozent der 18- bis 29-Jährigen das am schnellsten zu lösende Problem ist, sagen dies 19 Prozent der über 50-Jährigen.

Für Andreas Czaplicki, der Leiter des Uniqma-Unfrage-Instituts, hat diese Reihenfolge der Themen folgenden Hintergrund: „Wenn die Befragten ihre Erwartungen an die sächsische Politik formulieren, haben sie vor allem ihre persönliche Situation im Blick. Viele Eltern suchen händeringend einen Kitaplatz oder ärgern sich über die schlechte Ausstattung der Schule. Angehörige reiben sich bei der häuslichen Pflege auf oder verzweifeln bei der Suche nach einem Betreuungsplatz. Viele Rentner müssen mit schmalem Geldbeutel auskommen. Die Zahl derjenigen ist groß, die von einer sächsischen Landesregierung ganz konkrete Verbesserungen ihrer Situation erwarten.“ Die Wähler wüssten zudem, dass eine sächsische Landesregierung wenig tun könne, um die Zuwanderung von Flüchtlingen zu begrenzen.

Sieben Prozent der Sachsen fordern mehr Einsatz bei der Kriminalitätsbekämpfung. Dieses Dauerthema hat immerhin schon dazu geführt, dass der Freistaat mehr Polizisten einstellt und für mehr Präsenz der Ordnungshüter sorgen will. Dieses Thema gewinnt mit dem Alter der Befragten an Bedeutung und bewegt vor allem die Wähler der CDU (10 Prozent), der AfD (8 Prozent) und der Linken (6 Prozent).

Sechs Prozent fordern, mehr zu tun für die Integration der hier lebenden Flüchtlinge. Das sagen vor allem Wähler der CDU (14 Prozent) und der Grünen (12 Prozent), am wenigsten die der AfD (1 Prozent), und deutlich mehr junge als ältere Befragte.

„Die Sachsen wollen, dass der Laden läuft“

Antje Hermenau, die frühere Fraktionschefin der Grünen in Sachsen und jetzige Politikberaterin, sieht einen engen Zusammenhang zwischen den sozialen Ängsten und der Zuwanderung. Der Sozialstaat sei der demokratische Kitt, der die Gesellschaft zusammenhalte. Gerade in Sachsen sei aber des soliden Haushaltens wegen viel gespart worden, das sei vor allem in den Kommunen vor Ort für die Leute spürbar geworden. Und jetzt würden sie sehen, dass für die Flüchtlinge Geld da sei, für anders aber nicht. „Die Sachsen sind doch nicht schwierig: Sie wollen, dass der Laden läuft, und da gehören eben auch Kitas, Schule und Gesundheitsversorgung dazu“, so Hermenau.

Von Anita Kecke

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