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Mitteldeutschland Klimacamp in Pödelwitz: Aktivisten wollen am Sonnabend Tagebau-Betrieb stören
Region Mitteldeutschland Klimacamp in Pödelwitz: Aktivisten wollen am Sonnabend Tagebau-Betrieb stören
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22:48 03.08.2018
Am Freitag trainierten die Aktivisten für ihre Sitzblockade, mit der sie am Sonnabend den Förderbetrieb der Mibrag stören wollen. Quelle: Dirk Knofe
Pödelwitz

Das Klimacamp in Pödelwitz steuert auf sein heißes Abschlusswochenende zu. Nachdem in dem von der Abbaggerung bedrohten Dorf südlich von Leipzig seit fast einer Woche friedlich diskutiert und genetzwerkt wurde, soll es an diesem Wochenende zu der angekündigten Sitzblockade kommen. Dazu hat die Gruppe „Kohle ersetzen“, die unabhängig von den Organisatoren des Klimacamps agiert, aufgerufen.

Ziel: die Störung des Betriebs

Ziel der Aktionen, die vermutlich vor allem für den Sonnabend geplant sind, sei die Störung des Betriebs bei der Mitteldeutschen Braunkohlegesellschaft (Mibrag), die im Tagebau Vereinigtes Schleenhain direkt neben Pödelwitz Kohle fördert, sagte Arvid Jasper von „Kohle ersetzen!“. „Damit wollen wir ein kraftvolles Signal an die Mibrag senden.“ Wann und wo genau die Störung erfolgen soll, wollte er nicht verraten. Das werde man spontan bekanntgeben.

Aktionen sollen friedlich bleiben

Zugleich betonte Jasper aber erneut, dass die Aktion absolut friedlich bleiben solle. „Es ist ein wichtiger Grundsatz, dass es gewaltfrei abläuft.“ Auch ein Betreten oder gar ein Stürmen des Tagebaus sei nicht geplant. „Von unserer Gruppe wird das niemand machen.“ Man wolle zwar gezielt zivilen Ungehorsam leisten, werde sich am Ende aber ohne Gegenwehr von der Polizei wegtragen lassen.

Am Freitag ließen sich die Campteilnehmer in Theorie und Praxis darin schulen, wie man sich am besten wegtragen lassen kann. Quelle: Dirk Knofe

Die ersten Aktivisten waren bereits am Freitag angereist – und nutzten das Klimacamp, um sich vorzubereiten. Am Vormittag gab es Rechtstipps, etwa zum Verhalten gegenüber der Polizei. Am Nachmittag wurde dann praktisch geübt. Rund 200 Aktivisten trainierten in mehreren Gruppen, wie man sich am besten wegtragen lassen kann. „Wir üben jetzt als erstes das Päckchen“, sagte die ehrenamtliche Übungsleiterin Karen, die zusammen mit ihrem Kollegen Andreas keine 100 Meter vom Mibrag-Eingang mit ihrer Gruppe auf einer Wiese trainierte.

Klimacamp als Jahresurlaub

Viele junge Leute waren dabei, aber auch einige ältere. „Ich bin extra aus Hamburg angereist und verbringe meinen Jahresurlaub hier“, sagte ein 57-Jähriger, der sonst als Wirtschaftsinformatiker arbeitet. Nach dem Päckchen wurde noch der „nasse Sack“ geübt – und schließlich die Gruppenblockade mit Unterhaken. Und damit es echt wirkte, ließen sich die Schüler von anderen Teilnehmern, die die Polizisten spielen mussten, wegtragen. „Das kann ganz schön wehtun“, stellte am Ende ein Teilnehmer fest.

Mit einer ähnlichen Aktion hatte „Kohle ersetzen!“ vor knapp einem Jahr schon das Braunkohlekraftwerk Neurath in Nordrhein-Westfalen ins Visier genommen. 200 Aktivisten blockierten sechs Stunden lang die Zufahrten, bis die Polizei räumte. Auch die Polizei bereitet sich in Pödelwitz bereits vor. Mehrere Einsatzwagen waren am Freitag schon vor Ort; mitten im Dorf war ein Streifenwagen postiert, die Pferdestaffel aus Dresden ritt Patrouille.

Und auch am Kraftwerk Lippendorf, dass seine Kohle aus dem Tagebau Vereinigtes Schleenhain direkt neben dem Klimacamp bezieht, war Polizei vor Ort. Am Tagebau Profen in Sachsen-Anhalt, nur wenige Kilometer von Pödelwitz entfernt, landete am Nachmittag ein Hubschrauber der Bundespolizei.

Seit einer Woche sind die Kohlegegner im Camp versammelt. Laut Angaben der Veranstalter kamen bisher 1000 Menschen in das kleine Dorf südlich von Leipzig. Quelle: epd

Bürgerinitiative Pro Pödelwitz solidarisch

Zum offiziellen Programm des Klimacamps gehört die Blockade aber nicht. „Das geht aber nicht vom Camp aus“, sagte Jens Hausner von der Bürgerinitiative Pro Pödelwitz, der das neuntägige Treffen mit organisiert hat. „Aber wir solidarisieren uns mit der Aktion und sind froh, dass es solche Gruppen gibt. Das ist offenbar notwendig, damit es endlich zu einem Umdenken in der Politik kommt.“

Das Klimacamp selbst ruft dagegen am Sonnabend ab 10 Uhr zu einer ganz anderen Aktion auf: eine Fahrradtour durch die Schnauderaue – vorbei am Dort Obertitz, das ebenfalls der Braunkohle weichen soll.

Aktivisten trainierten am Freitag im Klimacamp in Pödelwitz das Blockieren und den Umgang mit der Polizei.

Kampf für den Erhalt des Dorfes

Hausner ist einer der 27 Einwohner, die in Pödelwitz ausharren, nachdem die meisten der einst 130 das Dorf verlassen haben – gegen stattliche Zahlungen der Mibrag. Mit seiner Bürgerinitiative kämpft er nun für den Erhalt des Dorfes. Über den großen Zuspruch des Camps zeigte er sich erfreut: „Es waren 1000 Leute da. Und 900 haben auch hier im Zelt übernachtet.“

Die starke Polizeipräsenz bezeichnete er als völlig überzogen. „Das erinnert mich an DDR-Zeiten. Da wurden Umweltschützer auch schon kriminalisiert. Es ist erschreckend, dass das jetzt wieder genauso läuft.“

Auch die Polizei bereit sich auf mögliche Aktionen der Aktivisten vor: Die Reiterstaffel der sächsischen Polizei patrouillierte am Freitag in Pödelwitz. Quelle: Frank Johannsen

Mibrag-Mitarbeiter suchen das Gespräch

Großes Lob hatte er dagegen für die Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie (BCE): Die hat nur 50 Meter vom Camp entfernt einen Infopavillon aufgeschlagen. Mitarbeiter der Mibrag, die sich dafür extra frei genommen haben, suchen dort das Gespräch mit den Camp-Teilnehmern. „Und das wird richtig gut angenommen“, sagte Uwe Wolfram, der am Freitag zusammen mit seinen Kollegen Martin Böttcher und Tino Strauß dort war.

Bereits seit Sonntag vor einer Woche ist der Pavillon jeden Tag besetzt. „Und am ersten Tag konnten wir uns kaum retten, so viele kamen. Und das waren richtig gute, lange Gespräche.“ Schließlich wolle man ja diskutieren. „Wir sind es nur leid, immer als Alleinschuldige für den Klimawandel dazustehen. Da gibt es noch ganz andere Verursacher.“

Von Frank Johannsen

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