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Künstlerische Hausmeister - Wächterhausmodell schützt alte Bauten in den neuen Bundesländern

Künstlerische Hausmeister - Wächterhausmodell schützt alte Bauten in den neuen Bundesländern

Die Idee von Urs Warweg ist so einfach wie naheliegend. Viele Kreative und Künstler haben zwar viel Zeit, aber kaum Geld - und suchen dringend billige Räume für ihre Arbeiten.

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Das Wächterhaus in der Bürgermeister-Wagner-Straße in Erfurt.

Quelle: dpa

Erfurt/Meiningen. Zudem gibt es gerade in den neuen Bundesländern trotz des Immobilienbooms noch unzählige leerstehende und ungenutzte Häuser oder Fabrikhallen. Der Erfurter hat daher den Verein Wächterhaus gegründet, mit dem beide Seiten an einen Tisch gebracht werden. Erst vor wenigen Tagen öffnete das zweite Wächterhaus in der Landeshauptstadt. Und auch andere Thüringer Städte und kleinere Gemeinden interessieren sich zunehmend dafür.

„Uns geht es vor allem darum, kulturelles Leben in die jeweiligen Gebiete zu bringen“ sagt der Wächterhaus-Vorsitzende Warweg. Zusammen mit seinen rund 30 Mitgliedern betreut er die zwei Wohn- und Arbeitsgemeinschaften in Erfurt. Die Idee dazu stammt ursprünglich aus Leipzig, wo zuvor leerstehende Häuser bewohnt oder von Künstlern und Kreativen genutzt und somit vor dem Zahn der Zeit geschützt werden. In Erfurt sind Privatwohnungen allerdings ausgeschlossen. Die Künstler oder Handwerker als „Wächter“ sicherten das Haus also durch ihre Anwesenheit, erledigten kleinere Reparaturen und hielten es instand, betont der SPD-Lokalpolitiker, der im Erfurter Stadtrat auch für die Stadtentwicklung zuständig ist.

Dadurch ergeben sich Kontakte, um Räume für den Verein aufzuspüren. Die bereits bestehenden Wächterhäuser in Erfurt sind denn auch Eigentum der Stadt und werden von der Kommunalen Wohnungsgesellschaft (KoWo) vertreten. Die Nachfrage von Künstlern und Kreativen nach Wächterhäusern in Erfurt ist groß, heißt es beim Verein. Grundprinzip ist eine öffentliche Ausschreibung, über die sich die Künstlergruppen für das Objekt ihrer Wahl bei dem Verein bewerben können. Dabei müssen die Häuser über einen Wasser- und Stromanschluss verfügen, Dach, Fenster und Türen müssen intakt sein. Neben den beiden bestehenden Objekten gibt es aber derzeit keine weiteren Planungen.

Eine der glücklichen Erfurter Wächterinnen ist die Keramikerin Doreen Reifenberger. Die 38-Jährige setzte sich im vergangenen Jahr gegen andere Interessenten durch und nutzt seitdem ihr Atelier im Erdgeschoss eines der Erfurter Wächterhäuser. Die frühere Verlagsassistentin wagte vor Jahren den Sprung ins kalte Wasser und widmete sich der Kunst. „Ich wollte etwas Neues anfangen, einen anderen Weg einschlagen“, sagt sie. Viel Arbeit und Zeit habe sie investiert, wobei eine schicke und luxussanierte Werkstatt nie ihr Ziel gewesen sei. Das Wächterhaus sei da genau das Richtige: „Das Haus ist unfertig, genau wie die Künstler, die es nutzen.“

Für unfertige Künstler ist das Wächterhaus tatsächlich eine preiswerte Alternative. Pro Quadratmeter fällt lediglich ein Euro Miete an - Betriebskosten inbegriffen. Verglichen mit dem freien Markt ist das konkurrenzlos. Hinzu kommen noch Kosten für Strom und Wasser sowie ein fester Beitrag von zehn Euro, der an den Wächterverein geht. Je nach Größe des Ateliers fielen so monatliche Kosten zwischen 40 und 50 Euro an, schätzt Warweg.

Während Warweg auf weitere Gebäude für seinen Verein hofft, sieht der Erfurter Amtsleiter für Stadtentwicklung und Stadtplanung, Paul Börsch, das Ganze eher kritisch. Wegen des angespannten Wohnungsmarktes „werden die Spielräume für solche Projekte immer enger“, sagt er. Die Leerstandsquote sei in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen.

Warum also das Wächtermodell nicht auf die umliegenden Gemeinden und Kreise des Freistaats ausweiten? Auch Warweg hält diese Idee für durchaus denkbar. „Sicherlich gibt es auch im Kreis Sömmerda alte Gehöfte, die sich als Wächterhaus eignen würden. Allerdings muss hier auch ein Nutzungsbedarf bestehen“, sagt er. Zudem sei sein Verein in Erfurt etabliert und könne daher andere Kommunen nur beraten.

Gute Chancen könnten Künstler beispielsweise im südthüringischen Meiningen haben. Große, leerstehende Häuser wie das ehemalige Beginenhaus oder die 1909 erbaute Struppsche Villa einer jüdischen Bankiersfamilie eigneten sich perfekt dafür, betont die Beauftragte der Stadt für das Leerstandsmanagement, Iris Gutt. Auch hier wäre die Verwaltung dankbar, wenn sich jemand finden würde, der den zunehmenden Verfall stoppen würde. Nur fehlen bislang die Künstlergruppen auf Wohnungssuche, die es in die Provinz zieht.

Sebastian Hünermund, dpa

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