Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Kupfer-Rückzug leitet Umbruch in der CDU-Fraktion ein
Region Mitteldeutschland Kupfer-Rückzug leitet Umbruch in der CDU-Fraktion ein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:00 13.09.2018
Sachsens CDU-Fraktionschef Frank Kupfer tritt wegen Depressionen zurück. Gestern sprach der 56-Jährige offen über seine Erkrankung. Quelle: Foto: Matthias Rietschel/dpa
Dresden

Es gibt viele Szenen, die für Frank Kupfer typisch sind – diese ist es nicht. Zumindest bis zum gestrigen Tag. Es schien unvorstellbar, dass dieser Mann wankt. Doch nun legt der 56-Jährige ein Eingeständnis ab, dass offener nicht sein könnte: „Es fällt mir schwer, jetzt vor Ihnen zu stehen. Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich so nicht weitermachen kann. Eine sich lange abzeichnende Entscheidung ist gefallen. Ich habe sie getroffen, auch auf ausdrückliches Anraten meiner behandelnden Ärztin“, sagt der sächsische CDU-Fraktionschef bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Dresden und spricht erstmals öffentlich über seine wiederkehrende Depression, eine rezidivierende depressive Störung. Dazu gehört Mut.

Kupfer war schon lange in Behandlung

Es ist ihm anzusehen, dass die Entscheidung nicht leicht gefallen ist. Doch Frank Kupfer ist bereits seit dem 21. August erneut krank geschrieben, nachdem er im vergangenen Jahr längere Zeit ausgefallen war. „Der Verlauf der Krankheit ist ein sehr kräftezehrendes, psychisch äußerst belastendes Auf und Ab. Ich hatte mehrere stationäre und ambulante Therapien mit medizinisch professionellen Behandlungen“, erklärt der scheidende Fraktionschef. Es habe Phasen von mittlerer und schwerer Depression gegeben, sein psychisches Befinden habe sich „in den letzten Monaten leider nicht grundlegend bessern lassen“. Dabei habe er sich viele Jahre darum bemüht, dass niemand etwas von seiner Krankheit mitbekommt.

Es sind Sätze, die auch die Zuhörer schmerzen. Doch die Worte scheinen auch etwas Befreiendes zu haben. Und schließlich passt diese Ehrlichkeit dann auch wieder zu jenem Mann, den nicht wenige außerhalb seiner Partei als stammtischträchtigen Polterer oder rechtskonservativen Ideologen sehen. „Ich bin so, wie ich bin“, hat Frank Kupfer vor einiger Zeit gesagt, als die Zunge mal wieder das Gehirn überholt hatte. Zuletzt war er im Landtag mit einer als Kompliment gemeinten Anzüglichkeit aufgefallen, indem das Kleid der Linken-Abgeordneten Verena Meiwald seine männliche Würdigung erfuhr. Danach hatten etliche weibliche Abgeordnete wegen Sexismus protestiert und fraktionsübergreifend eine Rüge für ihn verlangt. In das Fach der provokanten, AfD-nachahmenden Polemik zählen nicht zuletzt das Abqualifizieren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks via Facebook oder das Diskreditieren von Seenotrettern. Auch das ist jener Frank Kupfer, der den Freistaat mit seiner „Zukunftskommission 2030“ für die Zukunft rüsten wollte.

Doch die Belastung als Politiker, der seinen Job auch abseits der Öffentlichkeit ernst nimmt, und vor allem die persönlichen Angriffe haben ihm wohl mehr zugesetzt, als er sich bislang eingestehen konnte oder wollte. Irgendwann gehörten Beschimpfungen zum Alltag. Hinzu kamen private Probleme. „Mein Amt als Vorsitzender der CDU-Fraktion des sächsischen Landtages überfordert derzeit meine Kräfte“, sagt Frank Kupfer nun, für den politischen Betrieb und anstehende Gesetzesverhandlungen sehe er sich „nicht in der Lage“. Dabei ist die politische Vita des gebürtigen Torgauers lang, sie reicht vom stellvertretenden CDU-Kreisgeschäftsführer in den letzten DDR-Jahren, über den CDU-Landesgeneralsekretär bis zum Umwelt- und Landwirtschaftsminister (2008 bis 2014). Es ist kein Geheimnis, dass Frank Kupfer gern in der Regierung geblieben wäre. In die verordnete Rolle als Fraktionschef wuchs er aber schnell hinein – und hinterlässt jetzt eine Lücke, die gegenwärtig kaum zu füllen ist.

Fraktion steht vor Generationswechsel

Damit leitet Kupfers Rücktritt zugleich einen Umbruch innerhalb der CDU-Fraktion ein, der sich durch diverse Wortmeldungen schon in den vergangenen Wochen abgezeichnet hatte und mit der Landtagswahl am 1. September 2019 vollziehen wird. Zum einen legen aktuelle Umfragewerte nahe, dass die sächsische Union eine nicht unerhebliche Zahl ihrer bislang 59 Mandate verlieren könnte. Das liegt auch an wackelnden Wahlkreisen, die bislang von der CDU dominiert wurden und in denen im nächsten Jahr ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den jeweiligen AfD-Bewerbern erwartet wird. Nicht zuletzt deshalb wird sich parteiintern bereits für aussichtsreiche Listenplätze warmgelaufen – das war bislang nicht nötig. Zum anderen steht aber auch ein Generationswechsel bevor: Langjährige Abgeordnete, die heute noch ein Gerüst bilden, werden nicht wieder kandidieren. Dazu gehören unter anderem Heinz Lehmann, Lothar Bienst, Thomas Colditz, Christine Clauß und Volker Tiefensee. Hinzu kommen mit Stanislaw Tillich der im vergangenen Herbst zurückgetretene Ministerpräsident und mit Markus Ulbig der ausgeschiedene Innenminister. Beide sitzen momentan noch als Abgeordnete im Landtag.

Doch auch aus den Reihen der jüngeren Generation, die gerade dabei war, sich zu profilieren, wurde bereits der eine oder andere Verzicht erklärt. Das betrifft zum Beispiel Aline Fiedler aus Dresden: Die Hochschulexpertin der Fraktion will sich beruflich neu orientieren und keine Politik mehr machen. Das Gleiche trifft auf Patrick Schreiber zu, den bisherigen Vorsitzenden des Landtagsausschusses für Schule und Sport, ebenfalls aus Dresden. Wahrscheinlich werde es viele neue CDU-Abgeordnete in der künftigen Fraktion geben, heißt es schon jetzt. Einer davon – der allerdings nicht zwingend den Parteinachwuchs verkörpert – könnte der in den Ruhestand gehende Leipziger Polizeipräsident Bernd Merbitz werden, den es in die Politik zieht.

Dagegen schließt Frank Kupfer jegliches politisches Engagement aus. Er werde zwar sein Mandat als direkt gewählter Abgeordneter im Wahlkreis Torgau-Oschatz bis zum Ende der Legislaturperiode weiter wahrnehmen, erklärt der sich zurückziehende Fraktionschef. Doch gleichzeitig stellt er auch klar: „Ich habe angekündigt, dass ich bei der nächsten Landtagswahlen nicht wieder kandidiere.“ Es könnte das Ende einer langen politischen Karriere sein.

Von Andreas Debski

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Sozialpsychologe Oliver Decker (49), der aus dem Rheinland kommt und seit 1997 an der Universität Leipzig arbeitet, erklärt, woher der große Sachsenstolz kommt, den viele Befragte in der LVZ-Umfrage angaben, und welche Gefahren damit verbunden sein können.

13.09.2018

Im zugespitzten Konflikt beim Autozulieferer Neue Halberg Guss (NGH) sieht die IG Metall im Verkauf des Unternehmens die einzige Möglichkeit für einen Neuanfang. Das Vertrauen zwischen Management, Kunden und Belegschaft sei schwer belastet, so die Gewerkschaft.

13.09.2018

Am Rand der EU-Debatte am Mittwoch über Sanktionen gegen Ungarn ließ sich der Leipziger CDU-Abgeordnete Hermann Winkler mit Ungarns Premier Orban fotografieren. Das stößt bei den Linken auf Kritik, Winkler weist diese zurück.

13.09.2018