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Mitteldeutschland „Leipzig schadet sich mit zu viel Leipzig“
Region Mitteldeutschland „Leipzig schadet sich mit zu viel Leipzig“
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20:00 28.08.2018
Der Autor Lutz Rathenow (65) ist seit März 2011 Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen in Sachsen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der sächsische Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, Lutz Rathenow, schlägt vor, das Bundesarchiv nach Leipzig zu holen. Dafür sollten in Chemnitz und Dresden die sächsischen Akten aufbewahrt werden, wie der 65-Jährige im Interview sagt.

Wie groß ist noch das Interesse an den Stasi-Akten?

Wir haben ja als Landesbeauftragtenbehörde mit vielerlei Akten zu tun. Wie ich den Statistiken der Behörde des Beauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) entnehme, sind die Antragszahlen auf Akteneinsicht in Sachsen höher als andernorts, in Dresden und Leipzig sind sie 2017 sogar gestiegen, sonst sinken sie leicht. Für den Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der die Stasi-Akten nicht verwaltet, ist eine andere Zahl wichtig: die Zahl der Menschen, die bei uns Beratung suchen. Zur Klärung ihrer Biografie oder wegen einer angestrebten Rehabilitierung. Wir hatten im ersten Halbjahr nur in der Dresdner Behörde (ohne Außenberatungen) so viele Fälle wie im ganzen Jahr 2017 zusammen!

Wie viele sind das?

Knapp 400. Wir hatten in einer Beratungsoffensive alle Bürgermeister angefragt und waren überrascht von den vielen Rückmeldungen. Besonders im Raum der ehemaligen Bezirke Dresden und Chemnitz, wo wir neben eigenen Außenberatungen auch solche zusammen mit der BStU anbieten. In Leipzig selbst macht das der Opferverband VOS, der größte Sachsens, in den Räumen des „Museums Runde Ecke“ – finanziert mit Mitteln des sächsischen Landtages. Dankenswerterweise entlastet uns das Engagement von Frank Nemetz (VOS) und Tobias Hollitzer sehr, um uns auf die Regionen konzentrieren zu können, in denen mehr Beratungsnot herrscht. Doch wir haben uns entschieden, auch im Leipziger Umland in diesem Jahr noch weitere acht Zusatztermine mit einem Berater anzubieten, weil die Bürgermeister das wünschen.

Nicht das einzige Angebot Ihrer Behörde.

Wir bereiten gerade einen Bericht vor, in dem Bildungsprojekte in Schulen, mit Zeitzeugen oder Schauspielern aufgelistet werden. Es kommen Unterstützungsanfragen aus dem journalistischen Bereich, zur möglichen Begleitung wissenschaftlicher Recherchen, zur Unterstützung künstlerischer Projekte und vor allem denen der politischen Bildung. Die Leipziger Evangelische Verlagsanstalt ist sehr engagiert, unsere Schriftenreihe als lebendige Buchreihe zu gestalten. Die Leipziger „Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik“ gab in diesen Tagen ein aus meiner Sicht brillantes Heft („Worthaft“) mit Gedichten politischer Gefangener aus der DDR heraus, da müssen nun der Herausgeber Ralph Grüneberger und ich darüber nachdenken, wie wir das durch Veranstaltungen in der Wirkung verlebendigen können. Das Leipziger „Archiv Bürgerbewegung“ lässt gerade für ein wichtiges Buch zur Geschichte der Radix-Blätter recherchieren, ein Comic-Projekt, eine Graphic Novel, alles Leipzig.

Aber beim künftigen Archivstandort der Stasi-Unterlagenbehörde für Sachsen sind Sie gegen Leipzig? Wie sagte es Roland Jahn: „Wenn Leipzig leuchtet, ist das ein Gewinn für ganz Sachsen.“

Nicht, wenn dafür andernorts der Strom ausgeknipst wird. Und wer im Leuchtturm sitzt, nimmt die Dinge auf dem Boden vielleicht nicht hinreichend wahr. Leipzig ist die Hauptstadt der Friedlichen Revolution und hat die meisten funktionierenden Aufarbeitungsinitiativen und bald im Zeitgeschichtlichen Forum eine neue Ausstellung einer Bundeseinrichtung. Es sollte sich mehr damit beschäftigen, wie man das in Görlitz, Plauen oder Dresden plausibler vermitteln kann – in Berlin übrigens auch. Ansonsten besteht auch die Gefahr in diesem Bereich, Ignoranz gegenüber Leipzig oder sogar Frust zu verbreiten.

Aber was spricht gegen Leipzig als Archivstandort konkret?

Möglicherweise die Kosten. Ob eigene Behörde oder künftig Bundesarchiv mit Sonderverwaltung, bei der Transformation wird das sächsische Staatsarchiv eine Rolle spielen. Das betreut offenbar jetzt schon eine Umlagerung der Stasi-Akten in Chemnitz in einen neuen Aufbewahrungs-Würfel, in den wären auch die Akten aus Leipzig aus meiner Sicht nutzungs- und kostengünstig umzulagern. In Leipzig ist ja weder der bisherige Standort aktenaufbewahrungsgeeignet, noch der vom Staatsarchiv.

Was sollte daran nutzungsgünstig sein?

Zum Beispiel die Umlagerungsgeschwindigkeit der Akten und die Nutzungsunterbrechungsdauer während der Umlagerungszeit. Bisher kenne ich keine Studien, die die drei Standorte und ihren möglichen Aus- und Umbau wirklich vergleichen. Deshalb habe ich versucht, Fakten zu recherchieren, natürlich ohne die Außenstellenleiter einzubeziehen, um deren Loyalitätspflicht gegenüber Berlin nicht zu strapazieren. Nur der künftige Archivstandort eines Bundeslandes wird der Ort sein, der auch sichere Arbeitsplätze erhält, und an dem Bildungs- und Schulungsarbeiten mit dem und im Archiv gemacht werden können. Ich denke, dass Dresden und Chemnitz praktisch sehr günstig sind und nicht abgehängt werden dürfen. Sachsen ist ein großes Bundesland mit den meisten Stasiakten und den meisten Anträgen auf Einsicht. Die Bundesstiftung für ehemalige politische Häftlinge reicht das mit Abstand meiste Geld hierher aus. Kurz: Wenn es ein Bundesland gibt, wo ein Doppelstandort gerechtfertigt ist, dann ist das Sachsen und dann sollte das Chemnitz/Dresden oder Dresden/Chemnitz sein.

Wie geht es in dieser Frage weiter?

Ja, das interessiert nicht nur Sie und mich.

Das klingt auch nach Neiddebatte: Sollte man nicht über den Tellerrand hinausschauen wollen?

Unbedingt, aber auch um zu wissen, wo der Teller steht. Das neue Justizzentrum in der Leipziger Südvorstadt mit dem Gedenkort „Ehemalige Zentrale Hinrichtungsstätte der DDR“ könnte ein wirklicher Campus für praktizierte Demokratie werden. Es gibt übrigens auch Menschen, die nichts dagegen hätten, alles zu diesem Thema nach Leipzig zu verlagern, um ihre Ruhe davor zu haben. Leipzig schadet sich mit zu viel Leipzig in diesem Bereich. Schon jetzt kommen Debattenideen zur Friedlichen Revolution und zum Verlust des Anstandes natürlich in Leipzig auf. Ein Archivstandort Chemnitz/Dresden kann stärkere Impulse für die politische Bildung und Demokratieimpulse in der Öffentlichkeit geben.

Dafür gibt es in Leipzig lebhafte Diskussionen.

Aber nicht darüber, wie der Zustand der Akten ist, wo sie am besten erhalten und genutzt werden können. Akten sind keine Teile von Gedenkstätten, dann wäre natürlich die Stiftung Sächsische Gedenkstätten in Sachsen zuständig, sondern das muss archivpraktisch geplant werden. Damit nicht am Ende so eine Art Aufarbeitungsflughafen BER à la Leipzig entsteht. Alle, die sich nicht in den Planungen wiederfinden, sind ja jetzt schon unzufrieden – jedenfalls wenn sie mit mir reden.

Warum sind diese BStU-Außenstellen so wichtig?

Weil sie Partner für vieles in der Region sind. Alle drei Außenstellenleiter in Sachsen machen eine sehr engagierte, sehr gute und auch sehr selbstbewusste Arbeit. Insoweit ist für mich die Zusammenarbeit mit der Bundesbehörde zuerst eine Zusammenarbeit mit den Außenstellen. Beispiel: Im Dresdner Einzugsbereich gibt es den sorbischen Raum. Der ist nicht sehr groß, aber sehr wichtig auch wegen des zweisprachigen Beratungsclusters. Dass jemand rasch mal aus Berlin vorbeifährt, geht dort nicht. Da muss man das politische Mikroklima kennen. Wir bauen jetzt zweisprachige Beratungen aus.

Was wird aber mit Leipzig, wenn Ihr Vorschlag Anklang fände?

Wenn man den sächsischen Archivstandort Chemnitz /Dresden akzeptierte, ergibt sich natürlich die nächste Frage: Wie ernst die Behördenleitung in Berlin die historische Rolle von Leipzig 1989 oder schon vorher eigentlich nimmt. Der sächsische Justizminister Gemkow hat gefordert, mehr Bundesbehörden in die Länder zu verlagern. Das ist richtig. Wenn sowieso eine Transformation (mit der Perspektive Bundesarchiv) für die BStU ansteht, dann könnte der zentrale Behördenstandort samt Leitung von Berlin nach Leipzig geholt werden. Was eine Außenstelle in Berlin ja nicht ausschließt.

Wäre das für alle eine Win-Win-Situation?

Man schaut nicht von Görlitz, Plauen oder Dresden so innig gern nach Leipzig, das ist ja auch mehr Sachsenrandgebiet. Aber für Halle, Jena oder vielleicht sogar Hannover ist das schon ein Orientierungspunkt mehr in der Mitte Deutschlands. Da ist Leipzig verkehrstechnisch gut erreichbar. Also vielleicht könnte dieser Vorschlag die ostdeutschen Bundesländer interessieren und für die anderen ist das Thema leider nicht ganz so wichtig.

Muss es überhaupt noch so viel Aufhebens um diese Akten geben?

Die Akten sind eine Daueraufgabe zum Erhalten und zur Auswertung. Sie sind keine Trophäe. Trophäen können vergammeln oder in eine unpassende Vitrine gestellt werden. Die Akten sollten erhalten, zugänglich gemacht, entziffert, bewertet, und je nach Art des Aktenzuganges öffentlich genutzt werden. Die Akten bieten die Möglichkeit, zu vergleichen, wie verschiedene Strategien der Diktatur gefahren werden.

Auch in anderen Ländern?

Deutschland ist schon Vorbild für die Bereitschaft, sich ihren Erkenntnissen zu stellen. Gleichzeitig scheinen mir die Motivationen der Länder, die ihre Delegationen hierher senden, nicht frei von Widersprüchen. Albanien möchte die Akten öffnen – nachdem 80 Prozent davon vernichtet worden sind, meinen Albaner. In der Ukraine oder Rumänien wollen unterschiedliche Kräfte Gegensätzliches. Mazedonien hatte den Versuch zur Aktenöffnung aus Ängsten vor Gewalt rasch rückgängig gemacht. Die vietnamesische Regierung nutzt eher Handlungsmuster der Staatssicherheit und lässt jemand aus Berlin über die Slowakei und Moskau nach Hanoi ins Gefängnis entführen. Südkorea oder Taiwan haben ein qualitativ hohes und aufrichtiges Interesse, wie man solche Papiere nutzen könnte. Bei meinen Vorträgen in Südkorea fiel mir auf, dass die Repressionsgeschichten aus der DDR inhaltlich mit der antikommunistischen Fast-Diktatur in Südkorea verglichen worden sind. In Tschechien ist die Nutzung offener und fast ohne Schwärzungen in den Unterlagen möglich – vielleicht weil sie dort die Gesellschaft für nicht so wichtig erachtet. Polen hat eine professionelle Auswertungsbehörde mit ganz speziellen Möglichkeiten, andererseits ging von der eine gezielte Rufdemontage Lech Walesas anhand eigentlich längst reflektierter Geschichten aus.

Im kommenden Jahr haben wir 30 Jahre Friedliche Revolution und vier Wochen zuvor Landtagswahl in Sachsen. Könnte das eine auf das andere abfärben? Vor allem dann, wenn es keine klaren Mehrheiten gibt?

Von solchen Möglichkeiten dürfen wir uns nicht lähmen lassen. Gerade die Geschichte in Hoheneck, Chemnitz/Kassberg, Plauen, der „Bautzner Straße“ in Dresden, Bautzen, in Mittel- und Ostsachsen und im Vogtland braucht eine größere Anregungspräsenz für die Gegenwart.

Was denken Sie über ein Einheitsdenkmal in Leipzig?

Wichtiger als das in Berlin. Leipzig, Plauen und Westberlin sind die drei entscheidenden Komponenten für den Mauerfall.

Können Sie eigentlich den Leuten, die zu Ihnen kommen, immer helfen?

Nein, aber Unzufriedenheitsbegleitung ist auch eine Aufgabe. Und die Förderung von Verbänden und Initiativen ist eine praktische Hilfe – und jedes Jahr bekommen Menschen neu die Opferrente oder auch einen beruflichen Nachteilsausgleich. Letzteres ist ein großes Wort für meistens zu wenig Geld. Unsere Beratung muss auch nicht realisierbare Ansprüche erklären. Die Stasi-Akten zeigen ja auch, wie sich Leute mit unterschiedlichen Strategien angepasst oder verweigert haben. Geschichte ist eben differenziert, und Neugier auf Differenzen machen heißt auch, dem Demokratieverdruss und dem Patchwork-Populismus (heute vorwiegend rechter Prägung) entgegenzuwirken. Denn sonst kehren die alten Probleme in neuen Mutationen immer wieder zurück.

Von André Böhmer und Roland Herold

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