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Mitteldeutschland Leipziger Studenten sitzen mit Rettungsschiff „Lifeline" in Malta fest
Region Mitteldeutschland Leipziger Studenten sitzen mit Rettungsschiff „Lifeline" in Malta fest
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11:17 10.07.2018
Flüchtlinge auf dem Rettungsschiff von "Mission Lifeline" vor der libyschen Küste. (Archivfoto) Quelle: epd
Leipzig/Dresden/Malta

Menschenleben vor der Küste Libyens retten. Das haben sich zwei Leipziger Studenten in den Kopf gesetzt, gegen alle Widerstände, gegen alle Bedenken. Sie nennen sich Julian (25) und Hanna (28) – ihre richtigen Namen wollen sie in der Öffentlichkeit nicht nennen, aus Angst vor Drohungen und Hasskommentaren im Netz. Die Sorge hat einen guten Grund: Hanna befindet sich aktuell auf dem Rettungsschiff der Dresdner Mission „Lifeline“, das nach einem Rettungseinsatz in Malta festliegt und deren Crew den Hafen nicht verlassen darf. „Das ist heftig“, sagt Hanna, „wir Helfer werden blockiert, während die Menschen weiter auf hoher See ertrinken.“

Bis Mitte April dieses Jahres waren Hanna und Julian noch gemeinsam zwei Wochen lang mit der Hilfsorganisation Sea-Eye auf dem Mittelmeer unterwegs. Es war die erste Mission in diesem Jahr auf hoher See. Acht weitere Freiwillige waren mit an Bord, darunter ein Arzt aus Dresden und einige Leipziger.

Der 25-jährige Julian ist erprobt, wenn es um Einsätze auf dem Mittelmeer geht. Schon vor mehr als zwei Jahren arbeitete er sechs Wochen auf der griechischen Mittelmeer-Insel Lesbos für die Nichtregierungsorganisation (NGO) Lighthouse Relief. Das Camp mit einsatzfähigem Hospital befand sich direkt am Wasser – für die Erstversorgung für die in Seenot geratene Menschen.

„Dort gab es Geschichten aus Krisenregionen, die mich nicht mehr losgelassen haben. Gerade seitdem ich wieder in meinem normalen Studi-Alltag bin“, sagt Julian, der Geowissenschaften studiert. Ein Freund lenkte seine Aufmerksamkeit im August des letzten Jahres auf die Hilfsorganisation Sea-Eye. Seit dem Beginn der Missionen im April 2016 hat die private Organisation mit Sitz in Regensburg nach eigenen Angaben über 13.000 Menschen gerettet. Für 2018 suchte die NGO nach Freiwilligen – Julian mobilisierte Menschen aus seinem persönlichen Umfeld für die Mission im Mittelmeer südlich von Malta und 28 Seemeilen vor der libyschen Küste. „Ich suchte nach Leuten, die in der Lage sind, bestimmte Funktionen auf einem Rettungsschiff zu übernehmen.“ Ein bekannter Arzt aus Dresden, ein Maschinenbauer und ein Journalist begleiteten ihn auf der Mission. Und eine Kommunikatorin aus seinem Freundeskreis: Hanna. Sie spricht Deutsch, Englisch, Französisch und kann sich auf Arabisch verständigen.

Die 28-jährige Hanna auf der Kommandobrücke während der Sea-Eye-Fahrt. Inzwischen liegt sie mit der „Lifeline“ im Hafen von Malta fest. Quelle: privat

Zeit in den Semesterferien

Hanna hörte das erste Mal von Rettungsorganisationen wie Sea-Eye, als sich der Verein Sea-Watch vor drei Jahren wegen der vielen Todesfälle im Mittelmeer gründete. Das Thema bekam zu der Zeit erstmals deutliche öffentliche Aufmerksamkeit. Als Studentin wollte sie die Zeit in den Semesterferien sinnvoll nutzen. Sie nahm Kontakt mit der Organisation auf. Aus persönlichen Gründen klappte es zu dem Zeitpunkt nicht. Hanna studierte Psychologie und arbeitet aktuell als Industriekletterin.

Laut des UN-Flüchtlingshilfswerks sind 2017 mindestens 5079 Menschen bei dem Versuch ums Leben gekommen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Ein trauriger Rekord: Solche Todeszahlen verzeichnet Ärzte ohne Grenzen sonst nur in Kriegsregionen.

Grund genug, zu helfen: Zehn unterschiedliche Menschen starteten im März mit einem umgebauten DDR-Fischkutter auf der Insel Malta in Richtung Libyen. Zwei Wochen auf See, zwei Wochen mit fremden Menschen auf engstem Raum und traumatischen Erfahrungen, die sich in das Gedächtnis brannten. Eine Herausforderung für die angehende Psychologin. „Es war in jeder Hinsicht eine intensive Zeit. Ich war noch nie so lange auf einem Schiff. Dazu in einer solchen Funktion, mit einem klaren Auftrag: Menschenleben retten.“ Hanna war die einzige Frau, erlebte alltägliche Situationen, die auf einem Schiff anders sind, als an Land.

An eine Situation erinnert sich die 28-Jährige besonders intensiv: „Die libysche Küstenwache kam rasend schnell auf uns zu, ohne uns anzufunken“, sagt Hanna und erklärt, dass es ein typisches Instrument ist, um den NGO-Schiffen Präsenz und Stärke zu signalisieren. „So nach dem Motto: Wir haben die schnelleren, größeren Mittel.“ Ein Helikopter kreiste über den Seenotrettern. Vermutlich gehörte dieser zur libyschen Küstenwache, deren Schiff knapp 300 Meter entfernt war. „Das ist sehr nah auf See.“ Die Situation habe sich dann zum Glück entspannt. Das mulmige Gefühl aber blieb: „Als wir die Küstenwache auf dem Radar erkannten, war das ein Schreckmoment. Durch die Erzählungen unserer Vorgänger konnten wir nicht wissen, wie sie drauf sind.“

Vor den Missionen besprechen die Crew-Mitglieder verschiedene Szenarien. Wie verhält sich die Crew bei einer feindlichen Annäherung? Diese und weitere Fragen klären die Freiwilligen mit erfahrenen Mitgliedern. „Am Land gibt es bestimmte Mechanismen, die greifen. Stichwort: Hilfe. Dort draußen sind zwar Notrufe möglich. Erst ist die Schifffahrts-Crew aber auf sich allein gestellt.“

Warum aber helfen Julian und Hanna , obwohl die Einsätze zumindest rechtlich umstritten sind? Die Odysee der Dresdner Mission „Lifeline“ mit 234 geretteten Flüchtlingen an Bord hatte erst in den letzten Tagen für Wirbel gesorgt. Inzwischen ist das Schiff in Malta beschlagnahmt, der „Lifeline“-Kapitän muss sich vor einem maltesischen Gericht verantworten. Es geht unter anderem um die Zweifel an der korrekten Registrierung des Schiffs sowie um die Frage, ob der Kapitän überhaupt das notwendige Patent für internationale Gewässer hat.

Vorgeschobene Vorwürfe

Hilfsorganisationen halten diese Vorwürfe für vorgeschoben, die beiden Leipziger Helfer halten entgegen: Jede Person, die trotz der Gefahren über das Mittelmeer flüchtet, habe gute Gründe. „Wer das Leid sieht, das die Geflüchteten auf sich nehmen um die Überfahrt zu wagen, denkt nicht mehr an die Beweggründe.“ Die Frage, ob unter den Menschen in Not auch welche sind, die das deutsche Sozialsystem ausnutzen wollen, sei bei den Rettungseinsätzen abwegig. Dies könne keiner auf hoher See in dieser Ausnahmesituation prüfen – und grundlos unterstellen wolle man dies auch keinem.

„Der prägendste Moment für mich war, als wir das Boot der libyschen Küstenwache mit den Geflüchteten an Deck an uns vorbeifahren sahen. Die Küstenwache hatte sie kurz zuvor eingesammelt“, erinnert sich Hanna. „Zu sehen, wie diese Menschen in die Hölle Libyens zurückkehren mussten, obwohl sie internationale Gewässer erreicht hatten – das war unerträglich.“ Sie spricht von Berichten von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes über Massenvergewaltigungen, Sklavenauktionen und Erschießungen in libyschen Gefängnissen. Und ihr geht ein Satz nicht mehr aus dem Kopf, den ihr ein geretteter Flüchtling sagte: Er würde lieber auf dem Mittelmeer sterben, als zurück nach Libyen gebracht zu werden.

Maria Sandig

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