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Mitteldeutschland "Leute, seid nicht so skeptisch. So schlecht läuft der Laden nicht"
Region Mitteldeutschland "Leute, seid nicht so skeptisch. So schlecht läuft der Laden nicht"
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14:05 04.01.2019
Prof. Holger Lengfeld im Institut für Soziologie der Universität Leipzig. (Archivfoto) Quelle: Kempner
Leipzig

Holger Lengfeld, Professor für Soziologie an der Uni Leipzig, findet in den Ergebnissen des LVZ-Meinungsbarometers ein erstaunliches Phänomen wieder.

Warum glaubt im Osten nur die Hälfte der Befragten, dass Deutschland mit seinem Parteiensystem und seiner parlamentarischen Demokratie stabil ist?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen die Frage so verstehen, dass es um den Glauben an die Stabilität geht. Möglicherweise wird hier eher Unzufriedenheit mit dem parlamentarischen System ausgedrückt. Aus anderen Umfragen wissen wir, dass die Unzufriedenheit mit der Praxis der parlamentarischen Demokratie in Ostdeutschland tatsächlich höher ist. Ein Grund ist: Die Leute denken, dass ihre eigene Meinung in diesem System wenig zählt. Zudem meine ich, dass die Bürger unzufrieden sind, weil sie glauben, dass das Parteiensystem drängende gesellschaftliche Probleme nicht in dem Maß bearbeitet, wie es aus ihrer Sicht notwendig erscheint.

Wieso sind die Zweifel bei den Ost-Frauen am höchsten?

Der hohe Anteil der zweifelnden Frauen ist für mich ein Rätsel. Ich habe da keine sinnvolle Vermutung. In der Regel kommen politische Unzufriedenheiten – auch Radikalismus – deutlich stärker bei Männern vor. Bei älteren mehr als bei jüngeren.

Was bedeutet es, wenn eine deutliche Mehrheit in beiden Landesteilen glaubt, dass Regieren im Bundestag und in den Landesparlamenten künftig deutlich schwieriger wird?

Das zeigt aus meiner Sicht, dass die Leute ziemlich gut informiert sind über die derzeitigen politischen Entwicklungen. Faktisch existiert in Deutschland ja das Problem, dass wir stabile Regierungen nicht mehr mit zwei Parteien bilden können. In einigen ostdeutschen Ländern – wir werden sehen müssen, was nach den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen passiert – kann das auch mit einer Vierer-Koalition ausgehen.

Woran liegt das?

Das Auftreten der AfD und ihre Stabilisierung als politische Partei bedeuten Stimmenverluste für die anderen. Ganz dramatisch sehen wir das bei der SPD in Ostdeutschland. Das macht es schwieriger, im Zentrum des politischen Systems bürgerliche Koalitionen zu bilden. Und im Osten sind auch noch die Grünen schwach. Die Leute nehmen deshalb richtig wahr, dass es mit dem Regieren komplizierter geworden ist.

Dabei erzielen gerade die Grünen in Umfragen super Werte.

Na, ja. Traditionell haben die Grünen in Ostdeutschland wenig zu bestellen. Das hat auch ein wenig mit dem Verhältnis von Stadt und Land zu tun, mit dem geringeren Anteil von Stadtbewohnern. In Großstädten sind die Grünen ja immer stärker. Ausgenommen Baden-Württemberg, das da völlig raus fällt und wo die Grünen auch in der Fläche sehr erfolgreich sind. Man muss abwarten, ob sich die Werte aus der Umfrage dann auch in Wahlen manifestieren.

Wie ist zu erklären, dass sich 36 Prozent der Männer im Osten einen starken Machthaber an der Regierung wünschen?

Das ist keine Überraschung. An der Uni Leipzig gibt es ja seit langem die „Mitte-Studie“, die jetzt „Autoritarismus-Studie“ heißt und immer wieder zeigt, dass es im Osten einen vergleichsweise höheren Anteil an Menschen gibt, der sich einen starken Machthaber oder ein autoritäres System wünscht. Ich glaube, das hat viel mit der Demokratie-Unzufriedenheit zu tun, die im Osten stärker verbreitet ist. Die Leute zweifeln an der politischen Praxis: Wir wählen Parteien, die Abgeordnete entsenden, welche dann wiederum über Vorschläge aus der Regierung oder der Verwaltung abstimmen. In Ostdeutschland haben wir schon immer einen höheren Anteil von Menschen, die einen starken Führer wollen, einen starken Präsidenten, der eingreifen kann und nicht alles vor dem Parlament legitimieren muss.

Ist das nur auf dieses Thema beschränkt?

Nein, man findet so etwas auch bei radikalen Umweltschützern, die sich wünschen, es möge so etwas wie eine Öko-Diktatur geben. Weil sie darin den einzigen Weg sehen, wie man den Widerstand in der Bevölkerung gegen radikale ökologische Einschnitte brechen kann. Strenge ökologische Lebensweise bedeutet ja immer, man muss sich einschränken. Es geht gar nicht anders. Es wäre verlogen, zu sagen, wir könnten unseren Lebensstil in der Industriegesellschaft, der sehr ressourcen-intensiv ist, einfach weiterführen und stellen dabei gleichzeitig das ökologische Gleichgewicht her. Radikale Umweltschützer sagen deshalb: Wichtiger als dass jeder mit seiner Stimme viel entscheiden kann, sind Ökologie und der Stopp des Klimawandels.

Wieso steigt aber die Zustimmung zu solchem Agieren mit dem Alter?

Wir wissen aus der Forschung, dass Einstellungen zu eher autoritären Regierungen oder Systemen bei Älteren stärker verhaftet sind als bei Jüngeren. Das bedeutet aber nicht, dass wir – je älter wir werden – auch autoritärer werden. Vielmehr sind Menschen, die früher geboren wurden, unter Bedingungen aufgewachsen, unter denen Partizipation und Mitsprache nicht so wichtig waren wie heute. Jüngere Menschen sind unter anderen Bedingungen aufgewachsen. Das ist der Hintergrund.

Spielt auch Bildungsferne eine Rolle?

Menschen mit geringerer Bildung haben eher eine Neigung zu autoritären Regierungsformen. Die Forschung sagt: Bildung schafft Verstehen, und Verstehen schafft Verständnis. Verständnis dafür, warum die repräsentative Demokratie ein sehr langsam mahlendes Mühlwerk ist. Weil es Zeit kostet und anstrengend ist, jegliche Interessen mit zu berücksichtigen bei einer Entscheidungsfindung. Sehr häufig kommt dann am Ende ein Kompromiss heraus, der keinen so richtig zufrieden stellt. Das ist repräsentative Demokratie. Wer versteht, wie das System funktioniert, hat mehr Verständnis und eine positivere Einstellung dazu.

Warum ist gerade der Osten in dieser Frage so anfällig?

Das sind Fragen, die bis heute in der Forschung nicht klar beantwortet sind: Warum haben wir in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung ein höheres Maß an Unterstützung von Elementen des autoritären Regierens? Warum haben wir ein höheres Maß an Menschen mit rechtsextremen Einstellungen? Warum haben wir in der Relation mehr Übergriffe auf Asylbewerberheime, Migranten und Ausländer als im Westen? Es wird viel diskutiert über den selbst geschlagenen Weg zur Demokratie, über die Übertragung des westdeutschen Systems auf das ostdeutsche. All das sind Spekulationen. Es gibt keine klare Antwort darauf.

Ist das LVZ-Meinungsbarometer im Trend dessen, was Sie aus anderen Umfragen kennen?

Ja, doch. Interessant fand ich, dass man in der langfristigen Befragung im Osten einen Spitzenwert findet bei Leuten, die sagen: Ich fand das Jahr 2018 gut oder sehr gut. Noch nie seit Beginn der Befragung waren so viele mit ihrer wirtschaftlichen Lage zufrieden. Schaut man sich aber an, welche Sorgen sich die Leute über das Land machen, dann hat man den Eindruck: Wir leben kurz vor dem Zusammenbruch. Angst vor Kriminalität, vor der Integration, vor dem Versagen der Parteien. Das ist ein Paradox. Einem selbst geht es gut, aber das Land geht unter.

Wie erklären Sie sich das?

Das Ergebnis haben wir auch in anderen Umfragen. Die Frage ist, woher haben die Menschen den Eindruck, dass das Land kurz vor dem Untergang steht, wenn sie ihn nicht aus ihrem Umfeld gewinnen, weil dort alles überwiegend gut läuft?

Aus den Medien?

Offenbar haben wir eine Berichterstattung über die Lage des Landes, die Menschen düster in die allgemeine Zukunft blicken lässt und die etwas völlig anderes aussagt als das, was die Menschen im eigenen Umfeld erleben. Das finde ich als Soziologe faszinierend, aber als Bürger beängstigend, weil sich die realen Erfahrungen, die Menschen machen, weitgehend entkoppeln von der Wirklichkeit in der Gesellschaft, die sie über die Medien wahrnehmen.

Was sind dafür die Ursachen?

Die Medien spiegeln ein anderes Bild der Gesellschaft als die eigenen Erfahrungen. Menschen glauben beispielsweise, dass die Kriminalität zugenommen hat, aber die polizeiliche Kriminalitätsstatistik weist komplett in die andere Richtung. Die Zahl schwerer krimineller Akte ist stetig rückläufig. Der Bericht über Ereignisse, die aufwühlen und unsicher machen, scheint der Grund zu sein, warum eigene Erfahrungen und Befürchtungen über die Gesellschaft so weit auseinander fallen.

Ist es das, was der Slogan von der „Lügenpresse“ meint?

Interessante Frage. Aber ich glaube, dass gerade Pegida damit etwas Schärferes meint. Menschen haben den Eindruck, dass Medien über einen Teil der Gesellschaft nicht berichten, der aber trotzdem existiert. Im konkreten Fall aber geht es um etwas, was passiert ist und über das die Medien berichtet haben.

Wird also alles zu sehr aufgebauscht?

Nicht unbedingt. Über Ereignisse wird oft objektiv berichtet, aber Menschen generalisieren sie. Nach dem Motto: Das könnte auch bei mir passieren. Obwohl – objektiv gesehen – die Zahl der Fälle sinkt. Das ist ein Dilemma. Vor allem in Ostdeutschland herrscht der Eindruck, dass alles immer schlechter wird, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Man möchte laut rufen „Leute, seid nicht so skeptisch. So schlecht läuft der Laden nicht“.

Von Roland Herold

Mehr zum Thema: LVZ-Umfrage: Zweifel an Stabilität des politischen Systems

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