Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Mehr Heime rufen wegen vertauschter Medikamente um Hilfe
Region Mitteldeutschland Mehr Heime rufen wegen vertauschter Medikamente um Hilfe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:13 14.01.2018
Im Alltag kommt es immer wieder vor, dass Altenpfleger Medikamente verwechseln (Symbolfoto).  Quelle: dpa
Anzeige
Dresden

 Schnelle Hilfe per Telefon: Versehentlich vertauschte Medikamente in Pflege- und Altenheimen oder Behinderteneinrichtungen sind zwar selten. Dennoch kommt so etwas immer wieder vor. Wie das Gemeinsame Giftinformationszentrum (GGIZ) in Erfurt mitteilte, haben im vergangenen Jahr 67 Mal Einrichtungen aus Sachsen in solchen Fällen telefonisch um Hilfe gebeten. Das waren zwölf Fälle mehr als 2016. In 9 bis 15 Prozent der Fälle sei eine sofortige Einweisung der Patienten in eine Klinik empfohlen worden. In weiteren 34 bis 38 Prozent sollte zunächst abgewartet werden, ob bei den Betroffenen behandlungsbedürftige Symptome auftreten.

Es sei bekannt, das die Pflegemitarbeiter in einigen Heimen angewiesen wurden, bei Verwechslungen das Giftinformationszentrum zu konsultieren, sagt GGIZ-Chefin Dagmar Prasa. Das habe möglicherweise zu mehr Anrufen geführt. Sie vermute jedoch, dass die tatsächliche Zahl der Verwechslungsfälle möglicherweise noch höher sei.

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) Sachsen hat bei Überprüfungen 2016 und 2017 etwa 90 Prozent der stationären Pflegeeinrichtungen in Sachsen ein sachgerechtes Medikamentenmanagement bescheinigt. „Der Prozentsatz variiert von Jahr zu Jahr ein wenig“, sagt MDK-Sprecherin Diana Arnold auf Anfrage. In etwa jeder zehnten überprüften Einrichtung habe es Mängel gegeben. Blutdrucksenkende Medikamente könnten bei falscher Verabreichung zu Schwindel und Stürzen führen, zu hoch dosierte Gaben von Insulin zu einem zu niedrigen Blutzuckerspiegel und mitunter sogar zu einem Zuckerschock mit Bewusstlosigkeit. Wurde ein Medikament vertauscht, müsse sofort ein Arzt informieren werden.

Durch die Einnahme mehrerer Medikamente kann es zudem zu unerwünschten Wechselwirkungen kommen. Darauf wies die Techniker Krankenkasse (TK) hin. „Ältere Menschen reagieren auf manche Arzneimittel anders als jüngere“, sagt TK-Chefin Simone Hartmann. Ihren Angaben zufolge nehmen mehr als 40 Prozent der TK-Versicherten ab 60 Jahren regelmäßig fünf oder mehr verordnete Medikamente. Doch auch Jüngere schluckten schon oft mehrere Pillen gleichzeitig. Über alle Altersgruppen gerechnet würden fast jedem Fünften (17,8 Prozent) mindestens fünf Medikamenten gleichzeitig verordnet. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 15,2 Prozent. Patienten und Ärzten fehle oft der Überblick über die eingenommene Arzneien, sagte Hartmann.

„Wir beobachten seit längerem, dass immer häufiger Patienten eine immer größer werdende Zahl an Medikamenten einnehmen“, bestätigt der Vorsitzende des Sächsischen Pflegerates, Michael Junge. Vor allem Menschen, die in Einrichtungen des Gesundheitswesens versorgt würden oder dort lebten, vertrauten auf die Kompetenz des professionellen Pflegepersonals. Diese verfügten über ein hohes Wissen im Umgang mit Medikamenten und deren Neben- und Wechselwirkungen, benötigten aber genügend Zeit für die Verabreichung. Oft müssten Patienten und Bewohner bei der Einnahme unterstützt werden. „Wegen der hinlänglich bekannten geringen pflegerischen personellen Ausstattung in Krankenhäusern und Pflegeheimen ist dies immer häufiger nicht im benötigten Umfang möglich“, sagt Junge.

Am Universitätsklinikum in Dresden verpacken im sogenannten Unit-Dose-Verfahren Kommissionierautomaten Tabletten und Kapseln maschinell für jeden Patienten in kleine Tütchen. Dabei werden der Name des Patienten, die Station, die Bezeichnung des Medikaments, der Einnahmetag und die -uhrzeit sowie möglicherweise weitere Hinweise auf jedes Tütchen gedruckt. Zuvor hat ein Stationsapotheker die Medikation des Patienten auf Dosierungsfehler sowie unerwünschte Wechselwirkungen geprüft. Das entlaste das Pflegepersonal, Fehler würden weitgehend ausgeschlossen, sagt der Pressesprecher des Uniklinikums, Holger Ostermeyer.

Von Ralf Hübner

Anzeige