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Merkel soll Gas geben - Gewerkschaft fordert sachliche Auseinandersetzung mit Fracking

Merkel soll Gas geben - Gewerkschaft fordert sachliche Auseinandersetzung mit Fracking

"Fracking ist nicht nur für die menschenleere Prärie in North Dakota geeignet. Wir praktizieren diese Technik auch im Vorort von Dallas.“ David Linger kennt den Streit in Deutschland um die umstrittene Fördermethode.

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ExxonMobil-Deutschland Chef Kalkoffen (l.) und IG BCE-Chef Vassiliadis (r.) lassen sich von David Lingen die Exxon-Bohrstelle bei Dallas zeigen.

Quelle: Stefan Koch

Berlin/Dallas. Dennoch sucht der Ingenieur jede Gelegenheit, gerade mit deutschen Besuchern über die Schiefergasrevolution in seiner texanischen Heimat ins Gespräch zu kommen.

Es erscheint wie ein Kuriosum: Ausgerechnet Dallas, das ohnehin seit Jahrzehnten im Ruf steht, die Hauptstadt des Erdöls zu sein, steht auf einem riesigen Schiefergasvorkommen –- dem Barnett-Feld. David Lingen kommt das sehr gelegen: Von seinem Haus unweit der Metropole fährt er nur wenige Meilen bis zur Exxon-Bohrstelle. Ausgestattet mit Helm, Schutzbrille und schweren Stiefeln stapft der 56-Jährige zügig durch den Schlamm. Im Hintergrund hämmern die Maschinen, ein Wirrwarr aus Leitungen und Stahlgestänge umschließt den kirchturmhohen Bohrturm. Alles ist genau aufeinander abgestimmt: In gut einer Woche dürfte die eigentliche Bohrung – also das Fracking – abgeschlossen sein. Wenig später soll die Gasförderung beginnen.

An diesem sonnigen Nachmittag sind nur ein gutes Dutzend Mitarbeiter an der Förderstelle unterwegs – gleichwohl sei die Bedeutung dieses Projekts enorm, sagt Linger: „Wir legen hier die Grundlage für die Reindustrialisierung Amerikas.“ Dank der fallenden Rohstoffpreise sei die größte Volkswirtschaft der Welt nicht nur ein interessanter Absatzmarkt, sondern - neuerdings wieder - ein wachsender Produktionsstandort. Unternehmen aus aller Welt würden in die USA zurückkehren und nach geeigneten Plätzen Ausschau halten, um Fabrikhallen hochzuziehen.

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An diesem Freitag steht der 56-Jährige einer fachkundigen Delegation aus Deutschland Rede und Antwort: Gernot Kalkoffen, Vorstandsvorsitzender von ExxonMobil-Deutschland, und Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie, besichtigen fast auf Sichtweite der Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt Dallas mehrere Bohrstellen, Zulieferbetriebe und Ausbildungsstätten. Die Gespräche mit den Arbeitern, Firmenvertretern und Wissenschaftlern drehen sich um neueste Techniken, Bohrstellensicherheit und um die Aufarbeitung des verschmutzten Wassers. Doch im Hintergrund schwingt stets die Frage mit: Warum ist der Umgang mit dem „Hydraulik Fracking“ diesseits und jenseits des Atlantiks so unterschiedlich?

Während in Deutschland das Umweltbundesamt (UBA) diese Fördermethode grundsätzlich verbieten will, finden sich in den Vereinigten Staaten mittlerweile Tausende von kleineren und größeren Bohrlöchern.

David Linger, dessen Vorfahren im 19. Jahrhundert aus Deutschland einwanderten, kann diese Zurückhaltung nicht nachvollziehen: „Wir stehen inmitten eines gewaltigen Umbruchs, der uns immense Chancen verspricht.“ Noch vor fünf Jahren sei diese amerikanische Variante der Energiewende undenkbar gewesen. Der Boom verändere viele Parameter der US-Volkswirtschaft – und die Umweltrisiken hält er für beherrschbar: „Die Behörden kontrollieren uns streng. Wir bohren aber ohnehin so tief, dass für das Trinkwasser keinerlei Gefahren bestehen.“

Von den langfristigen Folgen der Schiefergasrevolution konnten sich Kalk­offen und Vassiliadis am Vortag einen Eindruck in Port Arthur am Golf von Mexiko verschaffen: BASF baut dort in überraschend kurzer Zeit eine große chemische Anlage, die sich mit Gas befeuern lässt. Die Milliardeninvestition der Ludwigshafener heißt Gewerkschaftschef Vassiliadis ausdrücklich gut – als BASF-Aufsichtsrat hatte er dem ambitionierten Vorhaben selbst zugestimmt.

Und doch kommt der Arbeitnehmervertreter aus Hannover angesichts der scheinbar unendlich weitläufigen Baustelle ins Grübeln: „Sind wir uns in Deutschland über die Bedeutung von Industriearbeitsplätzen eigentlich noch im Klaren?“ Wenn deutsche Firmen innerhalb von sechs Monaten insgesamt etwa 60 Milliarden Dollar in den USA investieren, stelle sich schon die Frage, ob es noch um eine sinnvolle Globalisierung der Unternehmen gehe – oder bereits um eine schleichende Abwanderung.

Auch die aktuelle Frackingdebatte zwischen dem Bundesumweltministerium und dem Bundeswirtschaftsministerium verfolgt der langjährige SPD-Mann mit Sorge: „Von der Kanzlerin bis zur Umweltministerin scheinen der Bundesregierung und auch vielen Landesregierungen jedes Gefühl für die negativen Folgen zu hoher Energiepreise verloren gegangen zu sein.“

Alle möglichen Themen und Argumente würden Aufmerksamkeit finden, nur die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Deutschlands nicht. Sigmar Gabriel sollte nicht der Einzige sein, der sich um Wachstum und Arbeitsplätze bemühe und versuche, diese Ziele mit dem Klimaschutz in Einklang zu bringen.

Ob das gelingt, wird sich allerdings noch beweisen müssen: „Die Auseinandersetzung um konventionelle Energie trägt in Deutschland geradezu irreale Züge, übrigens im deutlichen Unterschied zum Rest der Welt“, sagt der Gewerkschaftschef.

Für die IG BCE, die IG Metall, die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft(EVG)und die IG BAU, die die energieintensiven Industrien vertreten, seien günstige Gaspreise eine elementare Zukunftsfrage. Vassiliadis: „Gabriel wird sich für seinen Einsatz für Wirtschaft, Arbeit und Klima die Kritik der Öko-Fundamentalisten einfangen, aber das sollte ihn nicht von den richtigen Entscheidungen und von einer klaren Orientierung in der Energiepolitik abhalten.“

Ähnlich äußert sich Gernot Kalkoffen. Der Topmanager, der europaweit für fast 8000 Arbeitnehmer verantwortlich ist, wünscht sich vor allem eine Versachlichung der Diskussion: „Hohe Umweltstandards und ein möglichst geringer Verbrauch von natürlichen Ressourcen sind auch unser Ziel.“ Allerdings sei es fahrlässig, angesichts bedeutender Vorkommen – die insbesondere in Niedersachsen schlummern –, sich der wissenschaftlichen Erforschung des Schiefergases zu verweigern.

„Wenn wir 20 Prozent des einheimischen Gasverbrauches durch eigene Quellen decken könnten, müssen wir uns doch damit auseinandersetzen“, sagt Kalkoffen. Deutschland als Standort der Hochtechnologie habe gute Chancen, auch die Frackingforschung voranzutreiben. „Es wäre doch ein wunderbares Ziel, den Einsatz von Chemikalien im Untergrund zu reduzieren oder sogar völlig auszuschließen.“ Es sei höchste Zeit für eine nüchterne Bewertung, so Kalkoffen: „Wir müssen den Bürgern reinen Wein einschenken: Wenn wir uns den neuen Technologien verweigern, müssen wir langfristig auch unseren Wohlstand einschränken.“

Diese und weitere Themen finden Tablet-Leser ab morgen in der aktuellen Ausgabe des LVZsonntag.

Stefan Koch

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