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Michael Kretschmer: Wahlverlierer soll Tillich-Nachfolger werden

Nach Rücktritt Michael Kretschmer: Wahlverlierer soll Tillich-Nachfolger werden

Der Verlust seines Bundestagsmandats trübt die politische Vorzeige-Bilanz von Michael Kretschmer. Dennoch soll der 42-Jährige Nachfolger von Stanislaw Tillich als sächsischer Ministerpräsident werden. Ein Porträt über "Mister Görlitz" und die Hypothek einer schweren Niederlage.

Nach dem Rücktritt von Stanislaw Tillich soll Michael Kretschmer neuer Ministerpräsident in Sachsen werden.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Auf seiner Facebook-Seite strahlt die Altstadt von Görlitz mit der Brücke über die Neiße ins benachbarte Zgorzelec von ihrer ganz romantischen Seite. Was viel über die Heimatverbundenheit von Michael Kretschmer sagt. Geboren am 7. Mai 1975 in Görlitz, Erich-Weinert-Oberschule, Ausbildung zum Büroinformationselektroniker und Start der politischen Laufbahn als 19-Jähriger im Stadtrat: Wichtige Eckpunkte seines Lebens hängen für den designierten sächsischen Ministerpräsidenten untrennbar mit seiner Heimatstadt in der Oberlausitz zusammen. Voller Begeisterung kann er Gäste der Stadt durch die Renaissance- und Gründerzeitperle an der polnischen Grenze führen. Am liebsten würde er jeden mit seiner großen Liebe zu Görlitz und der restaurierten Altstadt anstecken.

Aufstieg eines Hoffnungsträgers

2002 war Kretschmer – der im gleichen Jahr das Studium in Dresden zum Diplom-Wirtschaftsingenieur abgeschlossen hatte – von Görlitz aus mit gerade mal 27 Jahren als jüngster sächsischer Bundestagsabgeordneter nach Berlin gezogen. Bei allen weiteren Bundestagswahlen hatte er locker in seinem Wahlkreis das Direktmandat für die CDU geholt. Spätestens, nachdem er dann noch im April 2005 das Amt des sächsischen CDU-Generalsekretärs übernahm, galt er für viele als Hoffnungsträger in einer Partei, die mit politischen Nachwuchstalenten nicht gerade üppig gesegnet ist. Dazu passte, dass sich Kretschmer seit 2009 als Vizechef der Unions-Fraktion im Bundestag auch über die Grenzen des Freistaats hinaus viel Anerkennung erworben hatte.

Tillich-Rücktritt

Ist Michael Kretschmer der geeignete Tillich-Nachfolger?

Die CDU-Sponsoring-Affäre von 2010, als auf Kretschmers Initiative hin Gespräche und Werbefotos mit dem damaligen Ministerpräsidenten Tillich für vierstellige Euro-Summen vermittelt wurden, prallte relativ schnell an ihm ab. Der eloquente, im Ton klare, aber meist vermittelnde Oberlausitzer konnte sich dabei auch immer auf seine guten Kontakte in anderen Parteien verlassen. Bestes Beispiel: Zur Leipziger SPD-Bundestagsabgeordneten Daniela Kolbe pflegt er schon lange einen guten Draht, zum 40. Geburtstag im Mai 2015 hatte Kretschmer die designierte SPD-Generalsekretärin auch zu seiner Privat-Party eingeladen.

Bittere Niederlage gegen AfD-Mitbewerber

Sein für konservative sächsische CDU-Kreise eher unorthodoxes Privatleben hat maximal hinter den Unions-Kulissen und hinter vorgehaltener Hand für kritische Bemerkungen gesorgt, seiner politischen Karriere konnte das nie wirklich was anhaben. Er lebt in einer Patchwork-Familie mit einer ehemaligen MDR-Journalistin und jetzigen Ministeriumssprecherin in Dresden zusammen. Das Paar hat zwei gemeinsame Söhne im Grundschul- und Vorschulalter.

Erst mit der Bundestagswahl am 24. September bekam der bis dahin scheinbar so reibungslos verlaufende Aufstieg von Kretschmer einen schweren Dämpfer verpasst. Eigentlich war es fast schon ein k.O.-Schlag. Ausgerechnet er, eines der Vorzeige-Gesichter der Sachsen-CDU, verlor seinen Wahlkreis an den AfD-Mitbewerber. Mister Görlitz wurde damit über Nacht das Symbol für das Wahl-Fiasko der Union im Freistaat. Nur noch Nummer zwei hinter der AfD – schlimmer konnte es für die erfolgsverwöhnte Regierungspartei nicht mehr kommen. Und der CDU-General rang am Tag danach um Fassung, wollte aber die Schuld für seine Schlappe nicht abwälzen. „Ich suche die Fehler zuerst bei mir und nicht bei anderen“, sagte er der Leipziger Volkszeitung. Persönlich fühle er sich zwar getroffen, aber man habe eben kein Abonnement auf ein Mandat, schob er noch nach. Und er klang dabei sehr nachdenklich. Wohin sein Weg nun führe – auf diese Frage blieb er dann aber im Ungefähren. Von erst mal Sammeln und nun ein bisschen mehr Zeit für seine Kinder haben, war die Rede.

Neuanfang als jüngster Regierungschef?

Das dürfte nach Lage der Dinge jetzt ziemlich schwierig für den Familienvater werden. Trotz der Hypothek seiner Wahlkreis-Niederlage soll Kretschmer im Dezember das Amt des Regierungschefs übernehmen. Stanislaw Tillich (58), einer seiner politischen Ziehväter, hat ihn dafür vorgeschlagen. Der 42-Jährige wäre dann der jüngste Ministerpräsident Sachsens seit 1990. Die CDU und Tillich erhoffen sich von ihm jetzt einen Neuanfang. Dass das mehr als schwer werden wird, zeigten am Mittwoch schon die ersten Reaktionen im Freistaat.

Von André Böhmer

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