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Mitteldeutschland Minen in Thüringen: gefährliche Reste der DDR
Region Mitteldeutschland Minen in Thüringen: gefährliche Reste der DDR
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An der ehemaligen innerdeutschen Grenze werden noch immer 33.000 Minen vermutet. Quelle: dpa
Erfurt

- Wenn Schäfer Thomas Lückert seine Herde im Wartburgkreis über die Wiese treibt, ist ihm 26 Jahre nach der Grenzöffnung nicht mehr mulmig zumute. Seine Schafe halten das Gras entlang der früheren innerdeutschen Grenze kurz – dort, wo einst Landminen lagen oder mitunter noch liegen.

„Ich wusste, worauf ich mich einlasse und habe dabei auch in Kauf genommen, dass ich Tiere verliere“, erzählt der 53 Jahre alte Schäfer aus Pferdsdorf. Mittlerweile hätten seine Schafe auch den letzten Zipfel seiner Flächen betreten – „und es ist nichts passiert“.

Ein Gutachten des Thüringer Umweltministeriums kam vor drei Jahren zu dem Schluss: Auf 25 Kilometern entlang der ehemaligen Grenze sind 42 Flächen mit einem „erhöhten Restrisiko“ einzustufen. Bis zu 33.000 Personenminen werden noch vermutet. 1,3 Millionen Minen waren insgesamt am Grenzstreifen zwischen den beiden geteilten deutschen Staaten verlegt worden, um die DDR-Bürger an der Flucht zu hindern.

Auf 763 Kilometer erstreckte sich die Grenze auf Thüringer Gebiet. Nach wie vor stehen entlang der Landesgrenze zu Niedersachsen, Hessen und Bayern Warnschilder und weisen auf die gefährlichen Hinterlassenschaften aus DDR-Zeiten hin.

Viele dieser Schilder hat Dieter Franz aufstellen lassen. Er sitzt im Vorstand der Stiftung Naturschutz, der in Thüringen rund 60 Prozent der Flächen entlang des 1989 niedergerissenen Eisernen Vorhangs gehören. Wo genau die verbliebenen Minen liegen und ob sie noch scharf sind, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Durch Regen könnten sie weggeschwemmt oder durch grabende Tiere an die Oberfläche gebracht worden sein, weiß Franz. „Wie man künftig mit den Flächen umgeht, ist eine politische Entscheidung – ob sie die nächsten 500 Jahre nicht mehr betreten werden dürfen“, gibt Franz zu bedenken.

Die Ortsteilbürgermeisterin von Andenhausen im Wartburgkreis, Petra Dietz (parteilos), wird deutlicher: Nötig sei eine nochmalige Untersuchung und eine Beräumung belasteter Flächen. „Die Kommunen können das aber nicht leisten“, betont sie. 

Laut einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Antwort aus dem Umweltministerium auf eine Kleine Anfrage würde eine erneute Suche 6,5 Millionen Euro kosten. Auf das Gutachten zu den Landminen ist Dietz nicht gut zu sprechen. Rund um Andenhausen an der thüringisch-hessischen Grenze sollten Wege erneuert werden, auch um mehr Wanderer in die Region zu locken, erzählt die Ortsteilbürgermeisterin. „Wäre das Gutachten ein bis zwei Jahre später gekommen, wären wir fertig gewesen.“

Notwendige Reparaturen hätten an einigen Stellen, die als gefährlich eingestuft wurden, nicht mehr fortgesetzt werden können. „Es wurde so viel Geld versenkt.“ Auch Waldflächen sind nach Einschätzung der Thüringer Forstverwaltung bis heute mit Kampfmitteln belastet. Als besonders problematisch schätzen die Experten in erster Linie die Gebiete im Umfeld von Munitionslagern der Wehrmacht und Truppenübungsplätzen ein.

Die Forstverwaltung geht von 26.000 bis 30.000 Hektar Waldfläche aus, die früher militärisch genutzt wurden. Bis Ende vergangenen Jahres sind nach Angaben von Sprecher Horst Sproßmann 1885 Hektar beräumt worden. Dabei seien insgesamt mehr als 1,6 Millionen Kampfmittel mit einer Gesamtmasse von 1040 Tonnen geborgen und vernichtet worden.

Einen großen Teil der Minen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze hatte die DDR selbst im Zuge der außenpolitischen Entspannung zwischen den beiden deutschen Staaten in den 1980er Jahren beseitigt. Zusätzlich wurde von 1991 bis 1995 im einstigen Niemandsland im Auftrag des Bundesverteidigungsministeriums erneut nach Minen gesucht. Danach wurde das Gebiet als „nach menschlichem Ermessen minenfrei“ deklariert.

Von Christian Thiele

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