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Mit Einheitskleidung in die Schule - nur wenige Einrichtungen in Sachsen machen bisher mit

Mit Einheitskleidung in die Schule - nur wenige Einrichtungen in Sachsen machen bisher mit

Kaum ein Dutzend Schulen in Sachsen und Thüringen konnten sich bisher zu einheitlicher Schulkleidung durchringen. Dabei haben alle, die es probierten, prima Erfahrungen gemacht.

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Einheit in der Vielfalt - Schülerinnen und Schüler des Freien Gymnasiums in Borsdorf tragen seit über fünf Jahren einheitliche Schulkleidung. Und fühlen sich darin offensichtlich ganz wohl.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. So das Freie Gymnasium in Borsdorf bei Leipzig.

Selbst wenn dieser Sommer irgendwann noch mal heiß werden sollte - hautenge Muskel­shirts oder bauchfreie Tops mit Spaghettiträgern bleiben out. Also draußen. Oder drunter - möglichst unsichtbar. Denn oben rum ist Schulkleidung angesagt! Zumindest auf dem Gelände des Freien Gymnasiums Borsdorf. Bei dessen Gründung vor reichlich fünf Jahren haben sich Lehrer, Eltern und Schüler auf einheitliche Schulkleidung geeinigt. Und es seither nicht bereut. "Also ich find das prima", sagt Erik Schulze aus der 7b. So braucht er sich nicht schon früh vorm Kleiderschrank den Kopf zerbrechen. Orange, grün, weiß, rot, blau oder schwarz. Mit Schullogo drauf. Das war's. Mehr Auswahl braucht keiner der 238 Gymnasiasten.

"Das soll unter allen, die zu uns gehören, Identität stiften", sagt Schulleiterin Kai Hakl. "Auch außerhalb der Schule werden viele auf ihre einheitliche Kleidung angesprochen", hat die 42-Jährige erfahren. Als Uniform will sie die Polohemden, T-Shirts und Kapuzenjacken mit dem abgewandelten Logo der Volkssolidarität keinesfalls verstanden wissen. Anders als in Großbritannien, der Schweiz oder Japan gibt es keine strengen Regeln für Haartracht, Hosen, Schuhe oder Röcke. Schüler dürfen aus einer Kollektion vorgegebener Farben und Macharten auswählen, die Kosten übernehmen die Eltern. Wie viel sie investieren, hängt vom persönlichen Bedarf und dem Wachstum der Sprösslinge ab. Es gibt auch eine Tauschbörse, wo noch gut erhaltene Teile an die Kleineren weitergegeben werden.

Einzig im Sportunterricht drückt Nicole Stenzel ein Auge zu. "Auf atmungsaktiver Funktionskleidung geht das Schullogo schwer draufzusticken." Bei der Leibesertüchtigung bleibt der Einheitslook daher fakultativ. Sonstige Ausnahmen vom schulischen Dresscode duldet die Schulleitung nicht. Wer seine Sachen mal vergisst, bekommt ein Leihexemplar, das tags darauf gewaschen und faltenfrei wieder abzuliefern ist.

Von Tristesse ist dennoch keine Spur. "Sie brauchen sich ja nur mal auf dem Schulhof umzusehen", sagt Schulleiterin Hakl. "Da kommt so viel bunte Vielfalt zur Geltung ..." Zumindest an wärmeren Tagen ist das wohl so. Bei Wind und Wetter tragen die meisten Jacken oder Anoraks drüber. Die fürs Gruppenfoto mal abzulegen, fällt den Mädchen und Jungen leicht - schließlich sind das, was sie drunter tragen, ihre gewohnten Klamotten. Die normalen, für alle Schultage.

"Wir wollen das so", sagt Emilia Germer. Und meint damit nicht nur ihre Mitschüler aus der 7a, sondern aus allen bislang zehn Klassen. Bis zur neunten ist das zweizügige Gymnasium gewachsen, ab Herbst kommen erstmals zwei zehnte Klassen dazu. "Den größten Vorteil sehe ich darin, dass keiner gemobbt wird, weil er keine angesagte Markenmode trägt", sagt Emilia und weiß aus ihrer Arbeit im Schülerrat, dass die meisten ähnlich denken.

"Schön wär's", meint der Fördervereinsvorsitzende Lars Quiring. "Aber ganz abzublocken sind Markenprodukte wohl nicht." Weil nur die Oberbekleidung vorgeschrieben ist, "versuchen sich viele eben durch spezielle Hosen und Schuhe, Füller oder Ranzen von anderen abzugrenzen." Auch Uhren und Handys die- nen als klammheimliche Statussymbole.

Dennoch ist der Leipziger Unternehmer vom Borsdorfer Modell überzeugt. Seine beiden Söhne besuchen das Gymnasium an der Schulstraße der 8200-Einwohner-Gemeinde in der fünften und sechsten Klasse. Der Familienrat habe sich ganz bewusst für diese Schule im Landkreis Leipzig entschieden, so wie viele andere Familien aus umliegenden Orten. Und keineswegs nur wegen der Äußerlichkeiten. "Was hier auffällig gut läuft, ist die Verständigung zwischen Lehrern, Schülern und Eltern", sagt der 43-Jährige, der schon im Gesamtelternrat von Leipzig Erfahrungen gesammelt hat. Auch Naturwissenschaften und effektive Lernmethoden spielten eher eine Rolle als an anderen Gymnasien. "Eine Schule, in der alle aneinander vorbeireden, wird sich nie auf Punkte wie etwa die einheitliche Kleidung einigen können." In Borsdorf tragen die Gymnasiasten nach seiner Ansicht nach innen und außen zur Schau, "dass sie zusammenhalten, sich als Einheit fühlen, und zwar klassen- und altersübergreifend". Das reicht bis zu manchen Lehrern, die freiwillig in den Farben der Schule unterrichten, obwohl sie vom Dresscode ausgenommen sind.

Gerade dieser Wiedererkennungseffekt kann außerhalb der Schule allerdings auch von Übel sein. Zumindest aus Sicht eines Schülers, der sich in der Öffentlichkeit daneben benimmt. Diese Erfahrung hat Grit Sadlo von der Freien Schule in Rietschen im Kreis Görlitz gemacht: "Wenn da mal im Zug oder an der Bushaltestelle einer von unseren Mittelschülern die große Klappe hat, wissen gleich alle, wo der herkommt." Dennoch gebe es auch an dieser ostsächsischen Schule "fast nur gute Erfahrungen mit der im Jahr 2006 auf Initiative der Eltern eingeführten Schulkleidung", so Paulo. Besonders beliebt seien die Kapuzenjacken. "Allerdings wird es mit einsetzender Pubertät in der siebenten und achten Klasse schon schwieriger." Da bilde sich ein "Pool der Unzufriedenen". "Vor allem Mädchen kommt das ein oder andere Teil zu hausbacken vor." Dann sei zuweilen schon Überzeugungsarbeit nötig. Außerdem sammeln Schulleitung und Schülerrat Verbesserungsvorschläge für eine erweiterte Kollektion. "Bei uns ist nichts starr, alles bleibt im Fluss", verspricht Paulo.

Lust auf Wandel - damit stehen die pubertierenden Niederschlesier nicht allein. Auch im westsächsischen Borsdorf mucken Mädchen schon mal auf. "Im Sommer will man doch auch mal ein luftiges Kleid anziehen", verrät Theresa Zeitz aus der siebten Klasse. "Zusammen mit dem Schulshirt wird das aber sehr warm und unbequem."

Schüler und Lehrer tüfteln deshalb schon an neuen Sondermodellen für die Großen. "Damit kann sich jeder sehen lassen", macht Emilia allen Modebewussten Mut.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.06.2013

Winfried Mahr

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