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Mitteldeutschland Mit Handy und Farbe gegen Polit-Hetze auf Bautzens Wänden
Region Mitteldeutschland Mit Handy und Farbe gegen Polit-Hetze auf Bautzens Wänden
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20:27 28.03.2017
Annalena Schmidt, Mitglied einer Bürgerinitiative gegen Hetz-Graffitis, fotografiert politische Schmierereien an Hauswänden in Bautzen. Quelle: dpa
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Bautzen

Rot leuchten die Parolen an der weißen Fassade mitten in der Bautzener Altstadt. Annalena Schmidt nimmt ihr Handy und fotografiert sie. Übersetzt heißen die Kürzel: „Alle Polizisten sind Bastarde“ und „Scheiß Nazis“. „Das ist die nächste Eintragung für unseren Stadtplan“, sagt die 30-Jährige. Unter dem Projekt-Namen „Street-Kotze“ dokumentiert sie mit einer Handvoll Engagierter auf einer Karte im Internet hetzende, beleidigende und politische Schmierereien an Häusern und Plätzen in der Stadt. „Unser Ziel ist natürlich, dass der digitale Stadtplan irgendwann wieder leer ist“, sagt die Initiatorin.

Die Bautzenerin geht mit einem Mitstreiter weiter. Rund um die Reichenstraße finden sich unzählige Häuser, auf denen Sprayer ihre Parolen hinterlassen haben. Der Schriftzug „Nazi-Zone“ rechter Jugendlicher ist omnipräsent, genauso wie der Slogan „FCK Nazis“ der Linken. „Das ist schon ein Wettstreit: Wer sind die Letzten, die auf die Wand kritzeln?“, sagt die studierte Historikerin. Schon wieder hat sie ihr Handy in der Hand. Ein Herz mit dem Schriftzug „Hitler“ prangt neu auf einer Häuserwand.

Innerhalb von vier Wochen haben Annalena Schmidt und ihre Mitstreiter über 200 linke und rechte Schmierereien fotografiert - und mit Adresse auf der Online-Karte hinzugefügt. „Unserer Meinung nach sind nicht nur die gesprühten Parolen auf den Hauswänden das Problem, sondern das dahintersteckende Gedankengut - vor allem die rechten Strukturen. Wir wollen einen Diskurs anregen, der über die Sprühereien hinausgeht.“

Der Name des Projekts orientiert sich an der englischen Bezeichnung „Street-Art“ für Kunst im öffentlichen Raum. „Street-Kotze“ stehe dagegen für plumpe, einseitige und vor allem schlecht gemachte politische Hetze auf Wänden.

Auch Hausbesitzer sollen in dem Projekt ins Boot geholt werden. Mit einem Flyer will die Gruppe sie informieren. Zehn Euro will sie für den Kauf der Farbe dazugeben. „Bei vielen haben wir das Gefühl, dass sie schon aufgegeben haben. Anfangs sind die Graffitis schnell verschwunden, inzwischen werden es immer mehr“, erzählt Schmidt. Nach Angaben der Polizei wurden im vergangenen Jahr 170 Sachbeschädigungen durch Graffiti im Stadtgebiet Bautzen angezeigt.

Die Bautzener Stadtverwaltung begrüßt das Engagement der Gruppe. „Wir wollen das Projekt auf jeden Fall unterstützen, auch wenn wir zur Zeit noch nicht wissen wie“, sagt Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD). „Wir würden gern verschiedene Ansätze kombinieren, so zum Beispiel die Idee der Josua-Gemeinde und des BürgerBündnisBautzen, mit Flüchtlingen Graffiti-Beseitigung zu betreiben.“

Zudem geht die Stadt mit gutem Beispiel voran. Schmierereien auf dem frisch sanierten Reichenturm oder auf dem Bautzener Kornmarkt gehören schon wieder der Vergangenheit an. Demnächst soll noch die vollgesprayte Fassade vom Schülerturm einen neuen Anstrich erhalten, teilt ein Sprecher der Stadt mit.

Indes wünschen sich die „Street-Kotze“-Akteure, dass sich Bautzen ein Beispiel an der Partnerstadt Heidelberg nimmt. „Die Stadt unterstützt die Eigentümer bei der Entfernung von Graffiti auf ihren Wänden.“ Auf Wunsch komme ein Reinigungsteam und entferne schnell und unbürokratisch unerlaubte Schmierereien. Sogar einen Teil der Kosten übernimmt die Kommune am Neckar. Gleichzeitig bietet sie den Sprayern neun Flächen an, wo sie ganz legal zur Farbe greifen dürfen.

Für Bautzens OB wäre dagegen eine gemeinsame Aktion verschiedener Bevölkerungsgruppen wünschenswert. „Aber eine finanzielle Unterstützung der Hauseigentümer wird es in diesem Punkt nicht geben“, sagt er. Schmidt und ihre Mitstreiter denken, ihr Projekt könnte über Bautzens Grenzen hinaus Schule machen - nämlich überall dort, wo sich politisch-motivierte Schmiereien finden. Vorerst aber behalten sie die Spreestadt im Blick.

Miriam Schönbach

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