Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Nach NSU-Urteil: Zwickauer sind erleichtert
Region Mitteldeutschland Nach NSU-Urteil: Zwickauer sind erleichtert
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:22 11.07.2018
In der Frühlingsstraße in Zwickau hatte der NSU sein Versteck. Beate Zschäpe brannte das Haus nieder, heute ist dort eine Wiese. Quelle: Theresa Held
Zwickau

Die Frühlingsstraße wird am Tag der Urteilsverkündung saniert. Hier explodierte im November 2011 das Versteck der Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Seit 2001 lebten sie in Zwickau. Heute wachsen Wacholderbüsche an der Stelle, wo einst Haus Nummer 26 stand. Ein Banner in den Bäumen wirbt für das Siedlerfest in Weißenborn. So heißt der Ortsteil, in dem der NSU zuletzt untergetaucht war.

Eine Viertelstunde nach der Verkündung des Urteils in München: Etwa fünf Bauarbeiter sitzen im engen Container direkt vor den Wacholderbüschen und lauschen den Nachrichten im Radio. „Die Leute vom Verfassungsschutz werden nicht bestraft“, kritisiert einer. Überhaupt, der Prozess habe viel zu lange gedauert. Ändern werde sich durch das Urteil nichts in Zwickau, meint ein Bauarbeiter und wendet sich der aufgerissenen Straße zu. Außer den Männern in den orangefarbenen Westen ist niemand unterwegs auf der Frühlingsstraße, Bäcker und Fleischer sind im Betriebsurlaub.

„Der NSU hat Zwickau in Mitleidenschaft gezogen“

Anders am Hauptmarkt, dem Mittelpunkt der 90000-Einwohner-Stadt. Hier herrscht reges Markttreiben. „Ich bin erleichtert über das Urteil“, sagt Elfriede Franke. Die 75-Jährige trägt ihre Einkäufe nach Hause. „Der NSU hat Zwickau in Mitleidenschaft gezogen“, ist sie sich sicher. Dass das Trio hier unterschlüpfte, sei „peinlich für die Stadt“, findet auch Dieter Scharf. Er verkauft Honig am Wochenmarkt.

Dieter Scharf findet es peinlich für die Stadt, dass das NSU-Trio in Zwickau untertauchen konnte. Quelle: Theresa Held

Der NSU sei ein „extremer Auswuchs der Stimmung in Deutschland“, bedauert der 58-Jährige und blickt zum Transparent am Rathaus gegenüber. „Anteilnahme“, „Toleranz“, „Trauer“ und „gegen das Vergessen“ steht da.

Gedenken im Bürgersaal

Um 12 Uhr lädt die SPD-Oberbürgermeisterin Pia Findeiß zur Gedenkveranstaltung in den Bürgersaal ein. Stadträte, Polizisten, Feuerwehrleute, Schüler und Vertreter von Bündnissen drängen in den Raum. Das Urteil des Oberlandesgerichts in München habe ihr Vertrauen in den demokratischen Rechtsstaat gestärkt, sagt Findeiß. Einige der knapp 200 Menschen nicken, als die Oberbürgermeisterin hervorhebt, dass die Aufarbeitung des Geschehens noch lange nicht vorbei ist. Zwar wehrt sie sich gegen „Pauschalurteile“ gegen Zwickau als rechtsradikale Stadt. Doch sie fügt hinzu: „Ich kann und werde nicht leugnen, dass es auch in Zwickau rechtsextreme Personen und Gruppen und rechtsmotivierte Ereignisse gab und gibt.“

Mehr zum Thema:

Beate Zschäpe zu lebenslanger Haft verurteilt

Verteidiger kündigt Revision an – so geht es jetzt weiter

Die offenen Fragen nach dem NSU-Urteil bleiben

Leipziger fordern weitere Aufarbeitung des NSU-Terrors

Dulig: Aufarbeitung zu NSU muss nach Zschäpe-Urteil weitergehen

Unbekannte bekleben Straßenschilder mit Namen von NSU-Opfern

Die Wunden des NSU-Anschlags sind nicht verheilt

Das Problem ist spürbar. Der Dönerverkäufer möchte aus Angst um sich und seine Familie nicht in der Zeitung zitiert werden. Ein mittelalter, dunkelhaariger Mann ärgert sich über das Urteil gegen Zschäpe. Sie habe niemanden umgebracht. Und überhaupt: Der NSU habe mit Zwickau nichts zu tun.

Hintergründe aufklären

Viele Zwickauer sehen das anders. Man müsste mehr Präsenz gegen „diese Nazis“ zeigen, sagt eine 67-jährige Marktgängerin. „Die, die das schon immer verurteilt haben, werden das auch weiter tun.“ Darum versammelten sich am Abend vor der Urteilsverkündung knapp 200 Menschen auf dem zentralen Platz. Ein zivilgesellschaftliches Bündnis lud zur Gedenkveranstaltung ein. Die Aufarbeitung ist noch nicht beendet. Marcel Diegerl vom Demokratie-Bündnis in Zwickau hat die Veranstaltung mit organisiert. Gemeinsam mit etwa 30 Zwickauer Jugendlichen befasst sich Dieger intensiv mit der Geschichte des NSU in der Stadt. Im Januar besuchte er mit den 15- bis 22-Jährigen einen Prozesstag in München. Das Urteil gegen Zschäpe gegen die vier Mitangeklagten wertet der 28-Jährige als „gerechtfertigt“. Es trage der Schwere ihrer Schuld Rechnung. Fest steht für Diegerl auch: Die Arbeit zu den Hintergründen muss weitergehen.

In der großen Masse seien die Taten des NSU in Zwickau kein großes Thema, sagt Diegerl. Umso bedeutender ist der Andrang zur Gedenkveranstaltung im modernen Rathaus. Auch Jens Brandt, Gruppenführer der Berufsfeuerwehr, nahm daran teil. Er ist froh über das Urteil, hofft, dass es nicht abgemildert wird. „Wir müssen wachsam sein“, sagt er, damit sich der Rechtsextremismus nicht ausbreiten kann. Auch innerhalb der Feuerwehr habe Brandt ein Auge darauf.

Jens Brandt, Gruppenführer der Berufsfeuerwehr ist froh über das NSU-Urteil. Quelle: Theresa Held

Wie geht es nun weiter? Darüber scheinen die Zwickauer uneins. Während die einen vor dem Vergessen warnen, hofft Alfred Schröder, dass nun endlich Ruhe einkehrt. Der Taxifahrer Uwe Kasper hofft, dass das Unrecht durch die Verurteilung Zschäpes greifbarer wird. „Das gehört jetzt dazu zu Zwickau“, sagt der 49-Jährige trocken. Auch wenn das Haus in der Frühlingsstraße nicht mehr steht, der NSU gehört zur Geschichte der Stadt.

Von Theresa Held

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Nach den Urteilen im NSU-Prozess muss die Aufarbeitung weitergehen – diese Forderung stellte nicht nur Sachsens Vize-Ministerpräsident Martin Dulig (SPD). Auch die Linken im Freistaat sagten: Einen Schlussstrich kann es nicht geben.

11.07.2018

Sachsen will fünf Jahre früher als geplant zusätzlich rund 1000 Polizisten auf die Straße bringen, um für mehr Sicherheit zu sorgen. Doch das ist angesichts des enormen Krankenstands kaum möglich: Fast jeder zehnte Beamte ist krank.

11.07.2018

Die Zahl der Anträge ist in Sachsen und Thüringen konstant hoch. Allerdings bleibt die Rente mit 63 weiterhin umstritten. Während sie der DGB begrüßt, spricht die Wirtschaft von einer Fehlkonstruktion. Dem Arbeitsmarkt würden Fachkräfte entzogen.

11.07.2018