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Mitteldeutschland Nach den Krawallen: Chemnitz zwischen Empörung und Ohnmacht
Region Mitteldeutschland Nach den Krawallen: Chemnitz zwischen Empörung und Ohnmacht
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22:00 28.08.2018
Trauer um Daniel H.: Am Tatort haben viele Chemnitzer Blumen und Kerzen niedergelegt. Quelle: Foto: dpa
Chemnitz

An der Chemnitzer Zentralhaltestelle schwenken zwei Männer am Dienstag halbvolle Bierflaschen. Einer hat das T-Shirt ausgezogen, dreht es für einem Moment wie einen Propeller. Die vordere Reihe seiner Schneidezähne weist deutliche Lücken auf. Dann rufen beide: „Deutschlaaand, Deutschlaaaand. Deutschlaaaand, Deutschlaaand!“

Es klingt mehr wie ein Fangesang als ein politisches Bekenntnis. Doch kaum einer der Wartenden nimmt Notiz von den beiden. Auch nicht die beiden Frauen in schwarzer Burka und der Mann, die hinter dem Bus her eilen und ihn im letzten Augenblick doch noch erreichen, weil der Fahrer ein Herz hat und die Türen noch einmal öffnet.

Chemnitz scheint paralysiert an diesem Morgen, während die Nachrichtensendungen schon ein Urteil über die Stadt gefällt haben, das nicht sonderlich freundlich ist. Die Absperrungen vom Stadtfest stehen noch an den Straßenrändern, ebenso die Tafeln „875 Jahre Chemnitz“.

Zu feiern gibt es derzeit jedoch herzlich wenig. Und in den Selbstbedienungs-Bistros rund um die Zentralhaltestelle, die eigentlich als ein Krisenschwerpunkt der Stadt gilt, herrscht nur ein Thema: Der Tod des jungen Deutsch-Kubaners Daniel H. am Sonntag und die Ausschreitungen der vergangenen Nacht.

„Da sind plötzlich zehn schwarz Vermummte wie die Blöden vorbeigerannt und haben Steine geworfen“, erzählt ein Mann im altrosa Polo-Shirt. „Das war wie im Krieg.“ Entfesselte Demonstranten hätten die Stadt binnen kürzester Zeit in ein Schlachtfeld verwandelt.

Am Dienstagmittag wird die Chemnitzer Polizei in einer Bilanz von 18 verletzten Demonstranten und zwei verletzten Polizisten sprechen. Die blonde Frau in kurzem Rock und Wildlederstiefeln, die ihm am Tisch gegenübersitzt, schüttelt ernst den Kopf und nimmt einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. Dann sagt sie leise: „Das ist noch nicht vorbei.“

Mit der Presse reden wollen sie nicht. Das will kaum einer am Dienstagvormittag. Zu tief sitzt noch der Schock über die Eskalation. Am Kaufhaus-Parkhaus Aufgang C hat jemand „Hurensohn Moslem“ und „Rote Ratten“ auf den grauen Beton geschrieben. Darunter ist als Kontrast zu sehen: „Lysann & Adibe“. Die Chemnitzer Ereignisse haben eine – möglicherweise zu lang negierte – Vorgeschichte.

In der Brückenstraße tummeln sich am Nachmittag rund um die Blumengebinde und Kerzen für Daniel H. ein Dutzend Journalistenteams auf der Suche nach Stimmen. „Unvergessen! Lieber Daniel“ steht auf einer Schleife. Viele Leute, die vorübereilen, halten inne und schweigen. Andere legen eine Blume oder eine Kerze ab und gehen dann rasch weiter. Unbeteiligt sind nur wenige.

Eine junge russische Reporterin sucht nach Vokabeln, um eine Chemnitzerin zu befragen. Rentner stehen daneben vor den Grabkerzen und machen ihrem Frust Luft. „Das wird alles aus Berlin angeordnet, was die Bürgermeisterin hier macht. Das steuert doch die Merkel. Aber das traut sich ja hier keiner zu sagen“, schimpft ein Mann in khaki-farbener Sommerweste. Und fragt in die Runde: „Is‘ doch wahr?“

Plötzlich trennt ein schwarz gekleideter junger Mann die Menge, stellt eine Kerze ab und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Was sagt ihr dazu?!“, schreit er. „Was sagt ihr dazu?!“ Für einen Augenblick herrscht betretene Stille. Dann wird wieder über „die da oben“ und „uns da unten“ diskutiert. Der junge Mann verschwindet rasch und wehrt alle Fragen ab.

Später taucht er mit seiner Freundin unvermittelt wieder auf: „Wir waren dabei, er ist in unseren Armen gestorben.“ Der Mann habe gleich am Brühl um die Ecke gewohnt, zwei Kinder, netter Kerl, sagen sie. Dann erzählt das Pärchen seine Sicht der Dinge. Danach sei es bei der Auseinandersetzung um nicht beglichene Drogenschulden gegangen. „Insgesamt waren es etwa acht Täter. Sechs sind geflohen.“

Als Beweis legt er eine Vorladung der Chemnitzer Polizei vor. Von den beiden Deutsch-Russen, die mit dem Opfer unterwegs waren, sei einer von den Tätern mit dem Messer verletzt worden, der andere habe eine Platzwunde am Kopf gehabt. „Eine Viertelstunde Polizeiseelsorger ist alles, was wir bekommen haben. Aber wie soll man damit fertig werden?“, fragen sie. Und überhaupt sei das alles Quatsch, was jetzt über Chemnitz verbreitet würde.

„Furchtbar, das ist alles furchtbar“, kommentiert eine Rentnerin. Auch sie möchte anonym bleiben. „Man ist sich seines Lebens ja nicht mehr sicher.“ Schlimm sei es in Chemnitz ja schon immer gewesen, aber so schlimm? Noch nie. Immer wieder höre man von Übergriffen der Ausländer. „Es sind zu viele, es sind einfach zu viele.“ Ihre Bekannte habe den Einlassjob in der Stadthalle deswegen aufgekündigt. „Weil im Park davor ja immer die, ich sage mal: Kanaken, sitzen.“

Von dem kleinen Gedenkort aus hat man einen guten Blick über die Straße der Nationen, die merkwürdigerweise noch immer so heißt. Direkt auf den „Nischel“. Doch auch Lew Kerbels überdimensionaler Marx-Kopf scheint mit sich selbst beschäftigt oder im Grübeln auf der Suche nach Antworten versunken. Starr blickt er auf die Fahrbahn in Richtung Dorint-Hotel, als ob dort die Antworten auf die Fragen der vergangenen Nacht lägen.

Chemnitz taumelt. Das Vertrauen in die sächsische Polizei ist nach der zweiten Fehleinschätzung und den neuerlichen Randalen in der Nacht zum Dienstag gleich Null. Chemnitzer Polizisten haben darum nahe der Zentralhaltestelle einen kleinen Infostand aufgebaut. Das Interesse daran hält sich aber in engen Grenzen.

Andere halten die Aufregung für schlichtweg überzogen. Der Praktikant Michael (26) im Stadthallenpark meint Eis schlürfend: „So what?“ Auch Studentin Samira (24) sagt, von Alltagsrassismus könne in der knapp 250 000-Einwohner-Stadt keine Rede sein.

Das würde alles nur von außen hineingetragen „Aber wenn Alkohol oder Fußball im Spiel sind, fallen eben alle Hemmungen. Dann rasten einige aus. Chemnitz ist doch nicht ausländerfeindlicher als Berlin oder Hamburg. Oder?“

Die Chance auf eine Atempause bekommt die Stadt jedenfalls nicht. Am morgigen Donnerstag will Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) mit Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) ausgerechnet im Stadion der Stadt Rede und Antwort stehen. Ein riskantes Unterfangen.

Nicht nur, weil die rechte Initiative „Pro Chemnitz“ Gegenprotest angekündigt hat, sondern auch, weil die Ultra-Fußballvereinigung Kaotic Chemnitz am Sonntag die 800 Mann starke Ansammlung organisiert hat, die dann Flaschen auf Polizisten warf. Noch einmal darf sich die Chemnitzer Polizei mit ihrer neuen Präsidentin Sonja Penzel in der Lageeinschätzung wohl nicht irren.

„Die Chemnitzer Polizei ist nie dort, wo man sie braucht“, sagt Elvira Tischendorf (56), die nach der Arbeit im Zentrum einkaufen will. „Am Wochenende gehe ich jedenfalls nicht in die Stadt. Da ist man sich seines Lebens nicht mehr sicher.“ Gemeint ist die Demo am Sonnabend, die von der AfD angekündigt wurde.

Von Roland Herold

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