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Mitteldeutschland Nach der Feuerhölle auf der A 9 steigt die Angst: Wie sicher sind unsere Busse?
Region Mitteldeutschland Nach der Feuerhölle auf der A 9 steigt die Angst: Wie sicher sind unsere Busse?
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00:18 07.07.2017
Feuerwehrleute stehen vor der Unfallstelle. Quelle: dpa
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Leipzig

Der Tag nach dem verheerenden Busbrand auf der A 9 in Nordbayern stand am Dienstag im Zeichen der Seelsorge – und der Suche nach der Unglücksursache. Nahe dem oberfränkischen Münchberg waren am Montagmorgen 18 Menschen aus Sachsen in den Flammen umgekommen, nachdem ein Reisebus mit 48 Insassen auf einen LKW aufgefahren war. Gestern befragte die Polizei Überlebende als Zeugen, bevor sie nach Sachsen zurückgebracht wurden. Weitere Befragungen sollen folgen, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken. Die ersten 13 Verletzten wurden gestern durch das Deutsche Rote Kreuz oder Angehörige nach Ostsachsen, Dresden und Pirna, zurückgeholt. Rotkreuzmitarbeiter waren mit Seelsorgern in der Oberlausitz im Einsatz, um betroffene Familien zu unterstützen.

Ermittler der Polizei und der Prüforganisation Dekra werteten indessen Spuren an den beiden Fahrzeugwracks aus, um die Ursache des Feuerfiaskos zu ergründen. Dabei drängte sich die Frage auf, wie es so schnell zu der verheerenden Gluthitze kommen konnte. Minuten nach dem Unfall stand der Bus lichterloh in Flammen. „Die Zeitspanne zum Verlassen des Busses nach Ausbruch eines Feuers kann nur vergrößert werden, wenn Innenraummaterialien schwer entflammbar sind“, sagt Anja Hofmann-Böllinghaus von der Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) in Berlin. Die Brandexpertin hatte mit ihrem Team schon vor drei Jahren Busbrände untersucht und Empfehlungen ausgesprochen. Dazu gehören Rauchmelder in schwer einsehbaren Bereichen und Motorlöschanlagen. Beides wird schrittweise bis 2020 eingeführt. Ungehört blieb die BAM dagegen beim Interieur: „Vor allem die Sitze sind eine große Brandgefahr.“ Die Angst fährt weiter mit, solange lasche Vorschriften nicht verschärft werden. „Der Gesetzgeber gibt die Rahmenbedingungen vor“, sagt Christian Wahl vom Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer. Freiwillige Sicherheitsausstattung über die Normen hinaus ist kaum in Sicht.

Völlig offen blieb gestern auch, ob ein Notbremssystem am Unglücksbus aktiviert war, das Hindernisse auf der Fahrbahn automatisch erkennen und eingreifen soll. Für neu zugelassene Busse sind Notbremsassistenten seit 2015 vorgeschrieben. Bis November 2018 müssen ältere Busse damit nachgerüstet werden. Allerdings lassen sich diese elektronischen Assistenten oftmals abschalten. Damit Unfälle wie jetzt in Münchberg nicht mehr passieren, seien nicht abschaltbare Notbremssysteme wichtig, die auf Stau-Enden reagieren, sagte Professor Hermann Winner, Experte für Autonomes Fahren an der TU Darmstadt.

Polizei und Staatsanwaltschaft halten sich zur Unglücksursache und der Rolle des Busfahrers, gegen den auch ermittelt wird, bedeckt. Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, hält es für möglich, dass der Brand schon vor dem Aufprall auf den vorausfahrenden Laster im Motorraum entstanden war. Hans Ulrich Sander vom TÜV Rheinland denkt an eine Kraftstoffleitung, die abgerissen sein könnte. Johannes Hübner, Sicherheitsexperte vom Internationalen Bustouristik Verband RDA, sagte, es könne auch ein Kurzschluss im Armaturenbrett gewesen sein.

In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Reisebusse auf Deutschlands Autobahnen an – Fernbusfahrten boomen, Tagesreisen und Klassenfahrten ebenso. 2015 war laut TÜV jeder 1000. Bus verkehrsunsicher, zwei Drittel waren ohne Mängel. „Busreisen gehören zu den sichersten“, sagt Christian Wahl vom Omnibusverband.

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