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Mitteldeutschland Neuer Friedensengel für Karl May
Region Mitteldeutschland Neuer Friedensengel für Karl May
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20:00 02.12.2018
Bei der Festveranstaltung zum 90. Geburtstag des Karl-May-Museums wurde am Sonnabend in Radebeul der Brunnenengel enthüllt, der dem ursprünglichem Vorbild nachempfunden wurde. Quelle: Dietrich Flechtner
Radebeul

Als die deutsche Luftwaffe am 29. und 30. Dezember 1940 London bombardierte, verlor der Sänger Richard Tauber, der als „Operettenjude“ aus Deutschland vertrieben worden war, nicht nur seine gesamte Schallplattensammlung mit unwiederbringlichen Testaufnahmen. Zum Hab und Gut, das der Startenor einbüßte, gehörte auch seine 55-bändige Karl-May-Ausgabe, ohne die er nicht auf Tournee ging. Tauber inserierte so lange danach, bis ihm eine Verehrerin Mays „Gesammelte Werke“ schenkte.

Der sächsische Schriftsteller Karl May (1842–1912), der mit seinen Millionen-Auflagen auch heute noch zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren gehört, war ein gläubiger Mensch und hat sich Zeit seines Lebens mit dem Thema Krieg und Frieden auseinandergesetzt, was vor allem sein pazifistisch und mystisch geprägtes Alterswerk verdeutlicht. Darin erinnerten mehrere Redner, als am Samstagabend im Garten der Villa „Shatterhand“ feierlich eine etwa drei Meter hohe Sandsteinplastik enthüllt wurde. Anlässlich des 90. Geburtstages des Karl-May-Museums Radebeul, wo der Autor 1912 verstorben ist, wurde die neu erschaffene Brunnen-Skulptur „Friedensengel“ von zwei Geistlichen im Beisein von etwa 200 Gästen geweiht und gesegnet. Der katholische Priester Willi Stroband aus Aalen erinnerte daran, dass die Figur eine Nachbildung des Engels in der Wüste aus Mays Spätwerk „Ardistan und Dschinnistan“ darstellt und ein „Zeichen für Völkerverständigung und Frieden auf der Welt“ sein soll. Der evangelische Pfarrer Christoph Heinze aus Radebeul endete mit den Worten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.“

Für Erstausgaben werden Preise bis zu 800 Euro aufgerufen

Der originale Brunnenengel war von Mays Witwe Klara bei dem Bildhauer Paul Peterich (1864–1937) in Auftrag gegeben und 1920 aufgestellt worden. 1974 schwer beschädigt und ersatzlos abgetragen, wurde er nun originalgetreu aus Postaer Sandstein von dem Dresdner Steinbildhauer Marcus Faust neu geschaffen und steht seit Samstag zwischen Mays Wohnhaus Villa „Shatterhand“ und dem Museumsblockhaus Villa „Bärenfett“ als „großes, schönes Opus, das unseres lieben Karl May würdig ist“, wie es der Kunstmaler Sascha Schneider (1870–1927) einst formulierte. Der Symbolist gehörte zu Mays Freundeskreis und schuf 1904/05 unter anderem 25 Buchdeckel-Illustrationen für Mays Erzählungen und Romane. May glaubte, Schneiders künstlerische Umsetzung mit zumeist muskulösen nackten Athleten würde die Leserschaft Kopf stehen lassen. Doch die Titel verkauften sich seinerzeit schlecht, die Produktion wurde bald eingestellt. Heute werden für diese ersten Originalausgaben im Internet 800 Euro pro Exemplar aufgerufen. Einblick in Schneiders Werk gibt die neue Jahresausstellung „Und Friede auf Erden!“, die ebenfalls am Samstag zum Museumsgeburtstag eröffnet wurde und mit Leihgaben aus verschiedenen Partnermuseen Karl Mays „humanistische Weltfriedensidee“ thematisieren will.

Darauf ging auch Jochen Bohl ein, von 2004 bis 2015 Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen, der – quasi in Sichtweite zum Friedensengel – in der benachbarten Lutherkirche Radebeul eine sehr persönlich gehaltene Festrede hielt. Bohl schilderte, wie die „Bücher mit den grünen Buchdeckeln“, die die Oma vom Tegernsee in die DDR schickte, ihm als Kind in den „heimischen vier Wänden“ eine „Entdeckungsreise in ferne Länder“ mit „edlen Menschen“ ermöglichte. „Gut und Böse waren stets präsent“, „Tränen liefen über Wangen“ und Karl May vermittelte als „christlich-ökumenischer Dichter“ in seinen Geschichten „Gottesfurcht und Menschenliebe“. Bohl: Möge die neue Jahresausstellung hoffentlich vielen Besuchern den Zugang zu Karl Mays pazifistischem Gedankengut ermöglichen ...

Karl-May-Verleger Bernhard Schmid aus Bamberg ließ in der Lutherkirche das einstige Umfeld des Schriftstellers akustisch auferstehen. Witwe Klara May, Verleger Euchar Schmid und Museumsleiter Patty Frank sind stimmlich mit Aufnahmen aus den Jahren 1937 bis 1944 präsent. Überliefert auf sogenannten Schallfolien, hat der Verlag die „Historischen Tondokumente aus Radebeul“ nun digitalisiert und bringt sie ab heute auf der brandneuen CD „Stimmen um Karl May“ (19,95 Euro) heraus.

Völlig neue Annäherung an Karl Maymit Hilfe der Digitalisierung geplant

Der Museumsgeburtstag ist außerdem im Museumsgarten mit der Sonderausstellung „Großmystiker trifft Kunstfotograf“ präsent, in der der in Dresden 1938 geborene Fotograf Timm Schütz auf 20 Schautafeln mit seinen Bildern in Beziehung zu Texten von Karl May tritt.

Die Kabinettsausstellung „gestern – heute – morgen“ läuft Gefahr, übersehen zu werden. Versteckt hinter der Vitrine mit Bärentöter, Henrystutzen und Silberbüchse bemerkt der Besucher gar nicht sogleich, dass er schon mittendrin steht. Aber das wird sich ändern, denn Museumsdirektor Christian Wacker warf zum 90. Geburtstag den Blick voraus: Auf dem Museumsgelände soll in den nächsten Jahren ein großer Neubau entstehen, der mit Hilfe der Digitalisierung eine völlig neue Annäherung an Karl May und seine Figuren und Helden, die „häufig berühmter sind, als er selbst“ ermöglichen wird. Zugleich geht es um eine Neusortierung der heutigen Inhalte in den Villen „Shatterhand“ und „Bärenfett“, wie etwa die Entstehungsgeschichte des Museums, die Chronologie von Mays Schaffen oder auch die Verbindung zu seinem Freundeskreis. Wenn Wacker begeistert von der Zukunft spricht, klingt das sehr modern, häufig nach Multimediashow – die Fans sind gespannt, wie Old Shatterhand da mit dem Bärentöter hinterherkommt.

Von Jan Emendörfer

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