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Mitteldeutschland Neues Buch über DDR-Umweltaktivisten im Leipziger Südraum
Region Mitteldeutschland Neues Buch über DDR-Umweltaktivisten im Leipziger Südraum
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15:30 04.06.2018
Walter Christian Steinbach (74) war von 1975 bis 1985 Pfarrer in Rötha und von 1991 bis 2010 Regierungspräsident von Leipzig. Quelle: LVZ-Archiv/Heinz, Armin Kühne
Leipzig

Mit diesem Erfolg hatte niemand gerechnet. Im Guten wie im Bösen nicht. Vor 30 Jahren hatten die Mitglieder des Christlichen Umweltseminars Rötha (CUR) eine verwegene Idee. Die DDR-Öko-Aktivisten aus dem Leipziger Südraum wollten mit einer Unterschriften- und Sammelaktion endlich etwas für ihre von der Braunkohle-Industrie schwer geschliffene Heimat tun.

Vor allem der Natur-Raubbau rund um den VEB Braunkohleveredlung Espenhain (BVE) ließ den Bürgerrechtlern keine Ruhe. Weil sie um die lebenswerte Zukunft ihrer Kinder fürchteten, starteten sie mutig im Juni 1988 die Aktion „Eine Mark für Espenhain“. Eigentlich ein Himmelfahrtskommando, denn Unterschriften- oder gar Sammelaktionen galten in der DDR per se als Straftat.

Doch es kam anders, nach anfänglichen Widerständen stellte sich ein Erfolg ein, der Geschichte schrieb. Denn gut ein Jahr später hatten 100.000 DDR-Bürger unterschrieben und 100.000 Ost-Mark wanderten auf das Konto der Landeskirchlichen Kreditgenossenschaft. Am Ende war es die größte nicht genehmigte Unterschriftensammlung der DDR.

Widerstand 1988: Mit einem Birkenkreuz wanderten Teilnehmer des 6. Umweltgottesdienstes in Deutzen bei einer Wallfahrt auf die Dammkrone des Speicherbeckens Borna. Quelle: Evangelische Verlagsanstalt

Ein Triumph für die Bürgerrechtler, ein Fiasko für die SED-Machthaber. Das Thema Umweltzerstörung als Folge einer desaströsen staatlich gelenkten Wirtschaftspolitik wurde damit nicht nur in den betroffenen Regionen – wie Espenhain, Mölbis, Borna im Leipziger Südraum – wahrgenommen, sondern das ganze Land dafür sensibilisiert.

Bewegte Jahre und die Folgen der SED-Politik

30 Jahre nach dieser legendären Aktion blickt jetzt der Hauptprotagonist des CUR im Buch „Eine Mark für Espenhain“ zurück auf diese bewegte Zeit. Walter Christian Steinbach (74) lässt die Jahre von 1981 bis 1989 noch einmal Revue passieren, als die DDR in die wirtschaftliche und ökologische Agonie taumelte – sich aber im Raum Leipzig viele Bürgerrechtler mit den Folgen der SED-Politik nicht abfinden wollten. Nicht, weil sie ein anderes Land wollten, sondern, weil sie ihr Land lebenswerter für sich und ihre Familien machen wollten.

Pfarrer Steinbach – der als Konsequenz aus der Leipziger Unikirchen-Sprengung 1968 vom Lehramt für Mathematik und Physik das Studienfach zur Theologie gewechselt hatte – und seinen Öko-Freunden ging es darum, den von der Braunkohle dominierten Leipziger Südraum vor der kompletten Apokalypse zu bewahren.

Mahnmal für abgebaggerte Orte: Das schwimmende Vineta auf dem Störmthaler See erinnert an die versunkene Kirche von Magdeborn. Quelle: Evangelische Verlagsanstalt

1975 hatte er seine Stelle in der St. Georgen-Gemeinde von Rötha (heute Kreis Leipzig) angetreten. Dass ihm hier – quasi im Bermuda-Dreieck der DDR-Energiewirtschaft – die Ausmaße der damit verbundenen Umweltzerstörungen nicht verborgen bleiben konnten, lag auf der Hand.

Steinbach und seine Umwelt-Gruppe wollten über diese Zustände, die sie jeden Tag vor ihrer Haustür ertragen mussten, nicht länger schweigen. Umweltgottesdienste in Mölbis und Deutzen, die Gründung des CUR in Rötha, Wallfahrten in Borna – als Christ hatte er mit den Mitstreitern seine Umwelt-Mission gefunden.

Logisch, dass er damit in mehrere OPK (operative Personenkontrollen) der Stasi geriet. Die Mielke-Truppe hat Steinbach und seine Gruppe zwar nach allen Regeln der Kunst observiert, griff aber nicht zu. Zu groß war die Sorge, dass die Inhaftierung eines bekannten Kirchenmannes selbst in höchsten SED-Kreisen Kritik nach sich ziehen könnte

Abwicklung der DDR-Braunkohleindustrie

Anderseits, so Steinbach, habe die Stasi die christliche Umweltbewegung am Anfang wohl nicht so richtig ernst genommen. Und als sie es dann doch tat, war es zu spät, das CUR in Rötha war zu mächtig und zu bekannt geworden. Steinbach lässt in diesem Zusammenhang auch nicht aus, dass er selbst innerkirchlich viele Zauderer überzeugen musste. Nicht alle unter dem Dach der Kirche waren von der Idee des ökologischen Widerstands angetan.

Walter Christian Steinbach; Eine Mark für Espenhain; Evangelische Verlagsanstalt; 280 Seiten; 16 Euro; ISBN 978-3-374-05592-0 Quelle: Evangelische Verlagsanstalt

Mit dem Leipziger Herbst 1989, dem Mauerfall und schließlich der Wiedervereinigung 1990 hatten auch die Umwelt-Aktivisten viel von ihren Zielen erreicht. Allerdings oft zu einem hohen menschlichen Preis. Steinbach widmet sich am Ende des Buchs auch den Tränen der Bergarbeiter, die mit der Abwicklung der DDR-Braunkohleindustrie im Südraum zu Zehntausenden arbeitslos wurden.

Erst nach und nach wurde aus der Depression wieder Hoffnung – und mit der Renaturierung der Tagebaue entstand eine einmalige Seenlandschaft. Für Steinbach, der nach 1990 als Regierungspräsident diese Entwicklung maßgeblich mit vorangetrieben hatte, schließt sich damit der Kreis. Von der Öko-Apokalypse zur Tourismus-Perle – das Buch über die Metamorphose des Leipziger Südraums ist spannender Geschichtsstoff und eine Ehrung für die DDR-Umweltaktivisten.

Premiere in Rötha

Das Buch ist ab 5. Juni im Handel erhältlich. Am selben Abend findet um 19 Uhr in der St. Georgenkirche von Rötha die Buchpremiere statt. Autor Walter Christian Steinbach diskutiert mit den Bürgerrechtlern Michael Beleites, Stephan Bickhardt und Wieland Schütter, dem Ex-Betriebsdirektor vom VEB Braunkohleveredlung Espenhain. Der Eintritt ist frei.

Von André Böhmer

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