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Mitteldeutschland „O Freunde, nicht diese Töne!“ – Klassik erklingt gegen rechte Parolen
Region Mitteldeutschland „O Freunde, nicht diese Töne!“ – Klassik erklingt gegen rechte Parolen
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00:02 08.09.2018
Die Demo der Bürgerbewegung Pro Chemnitz am „Nischel“. In Hörweite gab es Gegenproteste. Quelle: Dirk Knofe
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Chemnitz

Größer konnten die Gegensätze nicht sein am Freitagabend. „Lügenpresse! Lügenpresse“, skandieren die rund 2350 Demonstranten von Pro Chemnitz wütend am Karl-Marx-Kopf. Und Ludwig van Beethoven und Friedrich Schiller schicken sich an, aus 500 Metern Entfernung zu antworten: „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern laßt uns angenehmere anstimmen und freudenvollere.“ Dann aber kommt der unwetterartige Regen dazwischen.

Doch der Reihe nach: Der Demonstrationstag am Freitag beginnt 17.30 Uhr an der Stadthalle. Das Bündnis Chemnitz nazifrei marschiert dort auf – unterstützt von vielen Leipziger Demonstranten. Mit dabei die Grünen Bundestagsabgeordnete Monika Lazar. „Antifaschista“ und „Ihr könnt nach Hause gehen“, rufen schätzungsweise 1000 Teilnehmer über die Brückenstraße, wo sich das Bündnis Pro Chemnitz allmählich am „Nischel“ versammelt. Mitbegründer Martin Kohlmann spricht diesmal nicht zu den etwa 2350 Teilnehmern und geht demzufolge auch nicht auf den Vorwurf ein, er spiele ein doppeltes Spiel, weil er gleichzeitig einen Integrationsverein für Migranten gründete und darüber hinaus nach Recherchen von „Report Mainz“ Asylbewerber vor Gericht vertritt. Der Ordnungsdienst warnt eindrücklich alle „Rechtsausleger“, dass sie in der Demo nichts zu suchen hätten, wenn sie 1945 stehengeblieben seien. Dennoch haben sich schätzungsweise 300 gewaltbereite Rechte unter die Demonstranten gemischt.

Polizei mit Großaufgebot vertreten

Die Polizei ist derweil wieder mit einem Großaufgebot in der Stadt vertreten, um die beiden Veranstaltungen auseinander zu halten. Viele Chemnitzer reagieren mittlerweile genervt auf das überregional vorhandene Interesse, das ihrer Stadt sonst scheinbar verwehrt bleibt. Andere finden es geil „Wir sind das Volk“ zu rufen – wie die drei Männer im Kapuzenpullover vor der Apotheke.

Die Theater Chemnitz starten 19 Uhr unter dem Motto „Gemeinsam stärker – Kultur für Offenheit und Vielfalt“ auf dem Theaterplatz ein Open-Air-Konzert, um Fremdenfeindlichkeit, Hetze und Gewalt entgegenzutreten. Auf dem Programm steht auch Beethovens Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125. An den Chemnitzer Theatern seien Künstler vieler Nationalitäten beschäftigt, die besorgt auf die Entwicklung der vergangenen Tage schauten, erklärte Generalintendant Christoph Dittrich im Vorfeld. „Wir wollen, dass Chemnitz für diese Mitarbeiter und alle Bürger eine Stadt der Diskursoffenheit ist und bleibt, die den Titel Kulturhauptstadt verdienen kann – mit einer Kultur, die Respekt im Miteinander lebt.“

4500 Besucherstühle für Konzertbesucher reichen nicht aus

Rund 4500 Besucherstühle stehen auf dem Theaterplatz bereit. Doch sie reichen bei Weitem nicht, viele setzen sich auf die Stufen oder lauschen aus der Ferne. Die Bühne selbst ist ein großes, transparentes Halb-Oval. Der musikalische Leiter Guillermo Garcia Calvo kommt ausgerechnet aus dem Land, das gegenwärtig in Europa die meisten Flüchtlinge aufnimmt – Spanien. Der Chor selbst ist ein buntes Konglomerat und setzt sich unter anderem aus Mitgliedern der Chöre der Oper Chemnitz, der Singakademie, der TU Chemnitz, der Neuen Westsächsischen Chorvereinigung und der Theater-Chöre Altenburg-Gera und Döbeln-Freiberg zusammen. Mit dabei auch Sänger aus Dresden, Berlin, Weimar, Magdeburg, Görlitz, Zwickau, Dessau, Annaberg-Buchholz, Halle, Meiningen und Hof.

Die Oper Leipzig erklärt ihre Nichtteilnahme auf LVZ-Anfrage so: „Wir haben bedauerlicherweise erst sehr spät von der unterstützenswerten Aktion in Chemnitz am heutigen Freitag erfahren.“ In der Fülle der Themen zum Spielzeitbeginn sei das zu kurzfristig gewesen, um eine Teilnahme des Ensembles zu organisieren, so Sprecherin Patricia Grünzweig. Eine offizielle Einladung durch das Theater Chemnitz habe die Oper Leipzig nicht erhalten. Selbstverständlich stünde es aber allen Mitarbeitern frei, sich privat daran zu beteiligen.

Regenschauer unterbricht Konzert auf dem Theaterplatz

Auf dem Chemnitzer Theaterplatz stehen an diesem Abend neben dem südafrikanischen Tenor Siyabonga Maqungo die Sopranistin Christiane Kohl aus Frankfurt am Main, die Schweriner Mezzosopranistin Sophia Maeno und der Bonner Bass Magnus Piontek sowie die Mitglieder des Schauspiels, des Figurentheaters und des Balletts. Ihnen allen ist anzumerken, was auch das Publikum empfindet: Dass es ein besonderer Moment ist. Dann aber öffnet der Himmel alle Schleusen. Für kurze Zeit wird das Konzert unterbrochen. Die Besucher erhalten Regencapes. Dann geht es im Regen weiter. Bis zu „Freude, schöner Götterfunken“. Nun hat auch der Himmel ein Einsehen, und es hört auf zu regnen. Zum Schluss gibt es langen, anhaltenden Applaus von – geschätzt – 6000 Besuchern.

Da wird am anderen Ende des Zentrums noch demonstriert. Pro Chemnitz stimmt das Deutschland-Lied an. Dann ist auch dort Schluss. Ausschreitungen bleiben aus. Nicht alle wollen an diesem Abend in Chemnitz umschlungen sein oder gar zu Brüdern werden. Schon gar nicht jene, die die „Tochter aus Elysium“ mit der Mutter aller Probleme verwechseln und für die „dieser Kuss der ganzen Welt“ wenig sinnlich ist.

Mittlerweile wird in der Stadt auch verstärkt nach Journalisten Ausschau gehalten, um sie einzuschüchtern. Beim Bäcker an der Ecke telefoniert ein hoch aufgeschossener Mann, dass da schon wieder einer von „Kleditzschs Leuten“ (ein Mitarbeiter der in Chemnitz erscheinenden „Freien Presse“) sei. Dann stellt er Fragen, woher man denn komme und was man denn schreibe. Auf die Gegenfrage, wozu er das alles wissen wolle, mag er nicht antworten. Stattdessen stellt er sein Geschirr ab und geht ohne Gruß.

Von Roland Herold, Matthias Roth und Dirk Knofe

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