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Pfeifen, Brüllen, Hasstiraden: Der Eklat von Torgau

Merkel-Auftritt Pfeifen, Brüllen, Hasstiraden: Der Eklat von Torgau

Bitteres Fazit nach dem Merkel-Auftritt in Torgau: Buhrufe und Pfiffe haben die Wahlveranstaltung der Bundeskanzlerin vor 2500 Menschen am Mittwochabend überschattet. Die Reden gingen im Lärm unter. Die Gegner waren extra mit Bussen angereist.

Zuhören unerwünscht: Der Protest der Merkel-Gegner am Torgauer Rathaus.
 

Quelle: Wolfgang Sens

Torgau.  Tomaten flogen am Dienstagabend nicht auf die Kanzlerin. Im Unterschied zu ihrem Auftritt in Heidelberg landete diesmal gerade mal nur eine reife Frucht in der Reportermenge vor der Bühne am Torgauer Markt. Dennoch ist die Stimmung explosiv.

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Wahlkampf auf dem Torgauer Marktplatz: Geladene Gäste durften in den inneren Bereich, alle anderen müssten außerhalb der Absperrung bleiben. Bei teilweise strömendem Regen redete die Kanzlerin ca. 30 Minuten

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Einige Hundert Merkel-Gegner schaffen es, dem Besuch der Kanzlerin an der Elbe einen besonderen Stempel aufzudrücken. Beobachter sprechen anschließend vom bisher schlimmsten Auftritt, den Merkel auf ihrer bisherigen Wahlkampftour absolvieren musste. In sozialen Netzwerken wird noch am Tag danach über den Eklat von Torgau eifrig diskutiert.

Merkel-Gegner aus Thüringen angereist

Rückblende: Es war nicht der erste Merkel-Wahlkampfauftritt als Kanzlerin in Nordsachsen. Schon vor vier Jahren machte sie hier Station. Dabei können die Bilder jedoch unterschiedlicher nicht sein. Im Spätsommer 2013 tritt Marian Wendt (CDU) erstmals als Bundestagskandidat an. Er hat seinen Vorgänger Manfred Kolbe um das Mandat beerbt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist damals Wendts prominenteste Wahlhelferin. Auf dem Neumarkt in Oschatz herrscht Siegerlaune. Schönes warmes Wetter, begeisterte CDU-Anhänger schwenken mit orangenen Mützen CDU-Fähnchen. Die Umfragezahlen stimmen.

Angespannte Minen

Angespannte Minen: Angela Merkel neben CDU-Kandidat Marian Wendt auf dem Torgauer Marktplatz.

Quelle: imago stock&people

Jetzt die Wiederholung 2017. Auch diesmal unterstützt Angela Merkel Marian Wendt im Bundestagswahlkampf mit einem Besuch – jetzt allerdings in Torgau. Der Markt ist gut gefüllt – die Behördenangaben werden am Donnerstag korrigiert, bis zu 2500 Besucher sollen es gewesen sein. Doch eitel Sonnenschein ist diesmal nicht: Pünktlich zum Auftritt der Kanzlerin gibt der Sommer endgültig auf. Es regnet, Windböen fegen über den Markt.

Doch nicht nur das Wetter zeigt sich stürmisch: Viele der lautstarken Merkel-Gegner sind extra angereist, um die Kanzlerin aus der Ferne auszubuhen und auszupfeifen. Schon bei den Reden von Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich und Marian Wendt geht’s los – insgesamt wird das Pfeifkonzert fast ununterbrochen zwei Stunden andauern.

Zuhören im Regen

Zuhören im Regen: Die meisten Besucher auf dem Torgauer Markt wollen einfach nur die Kanzlerin einmal live sehen.

Quelle: Wolfgang Sens

Drei Gegendemonstrationen wurden im Vorfeld angemeldet. Die Alternative für Deutschland (AfD) kam mit einem Bus in die Stadt an der Elbe, aber auch NPD-Anhänger halten ihre Plakate hoch. Selbst die rechtsextreme Thügida aus Thüringen war mit einem Lautsprecherwagen vor Ort.

Merkel registriert die Szenerie, winkt aber auch lächelnd ihren Unterstützern zu. In ihrer 30-minütigen Rede geht sie dann indirekt auf die Proteste ein, wirbt um eine hohe Beteiligung bei der Bundestagswahl: „Sie spüren ja hier auf diesem Platz: Es wird am 24. September darauf ankommen.“ Alle müssten sich genau überlegen, mit wem sie „gut und gerne in Deutschland leben können“. Die CDU mache nicht immer alles richtig, aber sie könne Politik für die Menschen machen.

„Hau ab“-Sprechchöre

Es nützt nichts: Unbeirrt lärmen ihre Gegner, immer wieder ertönen hasserfüllte Rufe wie „Volksverräter“ oder „Hau ab“. Wer es als neutraler Besucher nicht in den vorderen Bereich der geladenen Gäste geschafft hat, der hört von der Merkel-Rede so gut wie nichts.

Marian Wendt (CDU-Bundestagsabgeordneter):„Lassen uns nicht von Marktplätzen vertreiben“

„In dieser Form habe ich das auch noch nicht erlebt. Die Aggressivität und Beleidigungen haben in Torgau leider eine neue Qualität im Wahlkampf erreicht. Dass selbst nach Veranstaltungsende Besucher vom Markt angepöbelt wurden, ist unfassbar.

Klar ist jetzt aber auch: Die Protestierer haben sich selbst entlarvt und sogar in ihren eigenen Reihen für ein Erschrecken gesorgt. AfD und SAD (Spektrum aufrechter Demokraten -red.) haben sich ihre Zusagen gebrochen, die Reden nicht durch Lärm zu stören. Das Gegenteil ist eingetreten.

Trotzdem erfahre ich jetzt auch viel Zuspruch, sogar von Leuten, die der CDU nicht nahestehen. Viele erkennen auch an, wie Angela Merkel in solch einer Situation kämpfen kann. Deshalb ist für mich ganz klar: Wir suchen weiter den direkten Kontakt vor Ort, wir lassen uns nicht von den Marktplätzen vertreiben.“

So ergeht es beispielsweise Marianne Goldschmidt. „Endlich mal wieder was los auf unserem Marktplatz“, hatte sich die Torgauerin gesagt und auf den Weg gemacht. Gekommen ist sie vor allem, um die Bundeskanzlerin mal live zu sehen. Doch sie hat keine Einladung der CDU in der Tasche und kann nicht vor der Bühne Platz nehmen. Sie sucht sich einen Platz an der Rathausfassade. Allerdings flüchtet sie hier schnell wieder, als sich lautstark ein Pulk von Merkel-Gegnern nähert.

Zuhören ist in dieser Gruppe nicht gefragt: Zum lautstarken Trillerpfeifenkonzert haben hier viele einen Gehörschutz aufgesetzt. Man will ja selbst lieber keinen Schaden nehmen.

Pfeifen gegen Merkel

Pfeifen gegen Merkel: NPD-Anhänger machen Lärm.

Quelle: imago stock&people

CDU-Kandidat Marian Wendt, der die Kanzlerin für einen von nur zwei Wahlkampfterminen in Sachsen nach Torgau gelotst hat, gibt sich kurz vorm Merkel-Auftritt wortkarg. „Schau’n wir mal, was passiert“, sagt er. Er hat wohl schon eine böse Ahnung, denn schon seit Tagen kursieren in den sozialen Netzwerken Aufrufe, die CDU-Veranstaltung auf dem Torgauer Markt massiv zu stören.

Das ist wohl auch die Erklärung, warum ganze Hundertschaften Polizei im Einsatz sind – Männer und Frauen in schwarzen Einsatzuniformen zeigen Präsenz. Zudem wird der Markt von Videokameras und Männern auf den Dächern überwacht, alle Ausgangsstraßen sind mit Polizeibussen abgeriegelt. Am Ende wird die Polizei melden: Keine besonderen Vorkommnisse. Zwei Straftaten – eine versuchte gefährliche Körperverletzung und ein Verstoß gegen das Versammlungsgesetz – werden registriert.

Romina Barth (Oberbürgermeisterin,CDU): „Das ist natürlich beschämend für meine Stadt.“

„Mich stimmt es traurig, dass in Torgau die Demokratie so mit Füßen getreten wurde. Man muss aber auch sehen, dass es viele Gäste in Anführungszeichen von außen waren, die sich so daneben benommen haben. Das ist natürlich beschämend für meine Stadt. Es ist in meinen Augen in Ordnung, dass man für seine Sache auf die Straße geht und demonstriert. Aber mit Pfeifen und Johlen kommt man nicht in einen Dialog und kann auch keine vernünftige Politik machen.

Die Bundeskanzlerin hat sich nach der Veranstaltung mir gegenüber nicht noch einmal zu den Zuständen geäußert. Ich finde es Schade, dass viele Politikinteressierte, die gekommen waren, so stark gestört worden. Diese Leute standen zwischen den Fronten. Ich ziehe den Hut vor den Leuten, die dann noch durch die Gegendemonstranten durch mussten, die angerempelt und betrillert wurden.

Ich bin froh, dass es hier nicht zu Gewalt gekommen ist. Vor allem danke ich der Polizei, für ihren Einsatz in Torgau. Außerdem danke ich auch den Leuten von den Stadtwerken, die hinterher den Markt gesäubert haben. Viele der Demonstranten haben nämlich ihre mitgebrachtes Material einfach liegenlassen. “

Also doch viel Lärm um nichts? Wer vor Ort im Regen steht, kann nicht übersehen: Der Eklat von Torgau hinterlässt Spuren bei den Beteiligten. Merkel, die selbst ihren Regenschirm in der Hand hält, lächelt tapfer, schüttelt Hände, versucht Zuversicht zu verbreiten. Dennoch – die Leichtigkeit des Sommers 2013 ist verflogen. Hier steht eine Pflichtveranstaltung an. Sowohl Ministerpräsident Stanislaw Tillich als auch die Bundeskanzlerin sind angespannt.

Und die Wut über den Lärm entlädt sich dann auch in den Reden. So geht Tillich ungewöhnlich deutlich auf die Hasstiraden der schreienden Menge ein. Diese Menschen seien nicht in der Lage, sich einer Debatte zu stellen, sondern machten „nur Radau und Krawall“. Tillich stellt klar: „Diese Republik wird nicht durch Brüllerei vorwärtskommen.“

Pfiffe selbst bei der Nationalhymne

Die Kanzlerin reagiert in der ihr eigenen Art auf den Protest. Andere Länder würden sich freuen, „wenn sie unter so demokratischen Bedingungen demonstrieren könnten“, sagt sie. Und mahnt: „Deshalb können wir dankbar sein, dass wir heute Demokratie haben in Deutschland und freie Wahlen. Andere Völker träumen davon.“

Für die Torgauer hat sie dann sogar noch ein bisschen Lokalkolorit im Gepäck: Irgendwann in ihrer Rede erinnert sie sich daran, dass sie 1992 als damalige Jugendministerin unter Helmut Kohl zum ersten Mal hier in der nordsächsischen Elbestadt war.

Lautsprecher im Einsatz

Lautsprecher im Einsatz: Sandro Oschkinat vom sogenannten „Spektrum aufrechter Demokraten“ (SAD) hatte eine der Protestdemos in Torgau angemeldet.

Quelle: imago stock&people

Ob und wann sie nach diesem Torgau-Besuch im Regen und Proteststurm erneut kommt, ist ungewiss. Immerhin: Als die Nationalhymne zum Ende angestimmt wird, nehmen tatsächlich einige Gegner die Pfeifen zum ersten Mal aus dem Mund. Und singen zusammen mit der Kanzlerin „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Nur einige besonders eifrige Verteidiger der deutschen Leitkultur pfeifen ungerührt weiter.

„Starker Beitrag, bei der eigenen Hymne so zu lärmen“, kommentiert hinterher ein Besucher süffisant. Immerhin: Tomaten flogen weiterhin nicht. Es blieb bei der einen zerplatzten Frucht.

Von Hagen Rösner und Olaf Majer

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