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Mitteldeutschland Politikwissenschaftler hält Michael Kretschmer für gute Wahl
Region Mitteldeutschland Politikwissenschaftler hält Michael Kretschmer für gute Wahl
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13:59 19.10.2017
Michael Kretschmer (CDU) ist für die Nachfolge des sächsischen Ministerpräsidenten im Gespräch.  Quelle: LVZ
Rothenburg - 

 Für Politikwissenschaftler Tom Thieme ist Michael Kretschmer als Regierungschef in Sachsen eine gute Wahl. „Trotz seines jungen Alters besitzt er politische Erfahrung, ist gut vernetzt, ein ausgezeichneter Redner und kann verschiedene Parteiflügel integrieren“, sagte Thieme am Donnerstag.

Allerdings sieht der Wissenschaftler bei Kretschmer auch einen Nachteil: den Verlust des Direktmandates im Bundestag an einen AfD-Kandidaten: „Es hat eine gewisse unfreiwillige Komik, dass nun ein Wahlverlierer mit dem Amt des Ministerpräsidenten belohnt wird.“ Thieme hat sich als Extremismusforscher einen Namen gemacht und gegenwärtig eine Professur für Gesellschaftspolitische Bildung an der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH) in Rothenburg inne.

Ist Michael Kretschmer der geeignete Tillich-Nachfolger?

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) hat am Mittwoch überraschend seinen Rücktritt erklärt und Michael Kretschmer als Nachfolger vorgeschlagen.

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Tillichs Entscheidung zum Rücktritt hält Thieme für konsequent: „Eine inhaltliche Umorientierung der sächsischen Union in Richtung eines Mitte-Rechts-Kurses ist nur dann glaubhaft zu vermitteln, wenn er mit einem personeller Neuanfang verbunden wird.“ Tillich, dem Vertrauten von Bundeskanzlerin Angela Merkel, wäre die Rolle des Erneuerers nicht abgenommen worden.

„Glaubhaft von der AfD abgrenzen“

„Wenn es die CDU ernst meint mit ihrer Mitte-Rechts-Positionierung, muss Kretschmer bei den Themen Migration/Integration und Innere Sicherheit klare Positionen beziehen, sich zugleich jedoch glaubhaft von der AfD abgrenzen“, betonte der Wissenschaftler: „Anders als der konfliktscheue Tillich wird Kretschmer Kontroversen aushalten müssen - sowohl in der eigenen Partei als auch mit dem Koalitionspartner.“

„Dem Landesvater Kurt Biedenkopf, dem Landesmanager Georg Milbradt und dem Landessohn Stanislaw Tillich folgt nun das Landeskind Michael Kretschmer“, sagte Thieme und spielte damit auf das Alter von Tillichs Wunschkandidat an. Zum Zeitpunkt der Neugründung Sachsens sei Kretschmer erst 15 Jahre alt gewesen. „Er ist also der erste Ministerpräsident, der politisch weder in der alten Bonner Republik noch in der DDR, sondern in Sachsen des wiedervereinigten Deutschlands sozialisiert wurde.“

„Gewisse Wechselstimmung“

„Sowohl mit Blick auf den angekündigten Generationenwechsel als auch mit Blick auf das politische Geschick ist Kretschmer eine gute Wahl“, sagte Thieme. Ob er die CDU stabilisieren könne, sei jedoch alles andere als sicher: „Nach 27 Jahren Unionsregierungen macht sich in der Bevölkerung eine gewisse Wechselstimmung breit. Noch profitiert die CDU von der Schwäche aller anderen Parteien, insbesondere durch die Auflösungserscheinungen innerhalb der AfD.“

„Tillich wird bei der Entscheidung auch sein politisches Erbe im Hinterkopf gehabt haben“, meinte Thieme. Eine Politik der harten Bandagen sei nicht seine Sache. Die Schmach, wie Merkel im Wahlkampf 2017 auf den Marktplätzen ausgepfiffen und niedergeschrien zu werden, habe sich Tillich ersparen wollen: „Und am wenigsten möchte er als jener Ministerpräsident in die Annalen einzugehen, der die Regierungsmehrheit der CDU in Sachsen verlor.“

Von LVZ