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Mitteldeutschland Psychologin Susanne Preusker: Ihr Trauma trieb sie in den Tod
Region Mitteldeutschland Psychologin Susanne Preusker: Ihr Trauma trieb sie in den Tod
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15:57 10.10.2018
Susanne Preusker im Jahr 2012 – damals schöpfte die mehrfach vergewaltigte Psychologin noch Hoffnung, das Erlebte verarbeiten zu können. Quelle: Verlag
Magdeburg

Sie wollte einen Täter heilen und wurde sein Opfer: Am 7. April 2009 wurde Susanne Preusker von einem verurteilten Frauenmörder sieben Stunden als Geisel genommen und mehrfach vergewaltigt. Einen ähnlichen Fall erzählt das TV-Drama „Angst in meinem Kopf“, das am Mittwoch, 10. Oktober, ab 20.15 Uhr in der ARD läuft. Preuskers damalige Hoffnung, den in ihrem Kopf tobenden Kampf zu gewinnen, erfüllte sich leider nicht: Susanne Preusker hat sich am 13. Februar 2018 mit 58 Jahren das Leben genommen. Unser Autor Andreas Debski hat sie 2012 in ihrem neuen Zuhause in Magdeburg besucht – lesen Sie hier den Text von damals.

Vor einem Jahr wäre dieser Besuch unmöglich gewesen. Mit einem fremden Mann allein in der Wohnung – ausgeschlossen. Schon der Gedanke daran brachte den Tag für Susanne Preusker zum Einsturz. Doch sie hat gelernt, sich ihre Tage wieder aufzubauen. Erst Minuten, dann Stunden. Noch immer tastet die blonde Frau mit den Lachfältchen in den Augenwinkeln mehr nach der entgegengestreckten Hand, als dass sie zugreift. Die Angst streift sie inzwischen nur noch. Schon Minuten nach der verhaltenen Begrüßung sitzt die 52-Jährige am hellen Holztisch in der Küche, schenkt dunkelschwarzen Kaffee ein. Sie ist wieder bei sich. In ihrem neuen Leben.

Es ist nicht der erste Sieg von Susanne Preusker über den Mann, der sie im Hochsicherheitstrakt der Straubinger Justizvollzugsanstalt (Bayern) sieben Stunden lang als Geisel genommen und mehrfach vergewaltigt hat – der ihr am 7. April 2009 das alte Leben genommen hat. „Ich muss aber immer noch kämpfen, damit jeder Tag ein Erfolg werden kann“, sagt die Psychotherapeutin knapp drei Jahre später. Würde man sagen, diese sieben Stunden hätten ihr Leben auf den Kopf gestellt, wäre das nicht nur eine perfide Untertreibung, nein, es wäre eine glatte Lüge. „Ich musste ein komplett neues Leben beginnen, von dem ich immer noch nicht weiß, wo es mich hinführen wird.“

Susanne Preusker war eine bundesweit anerkannte Gutachterin

Das alte Leben existiert allein in der Rückblende. Susanne Preusker ist eine bundesweit angesehene Therapeutin und Gutachterin, sie beschäftigte sich mit den besonders schweren Fällen, arbeitet zuletzt mit Sicherungsverwahrten in der JVA Straubing in Bayern, leitet die sozialtherapeutische Abteilung für Sexualstraftäter, kennt weder Feierabend noch Wochenende. Sie ist das, was man gemeinhin als Arbeitstier bezeichnet. Im positiven Sinn. „Ich hatte nicht den besten Ruf unter den Gefangenen, weil ich keine dieser Dudsi-Dudsi-Psychologinnen gewesen bin, sondern als hart gegolten habe“, erzählt eine Frau, die sich der Gefahr, in die sie sich täglich begab, stets bewusst gewesen ist: „Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Nur Laien erwarten, dass unsere Einschätzungen hundertprozentig stimmen.“

Ihre Ansicht, und das heute wie damals: Manche Straftäter, maximal einer von fünf, lassen sich therapeutisch erreichen, doch die meisten eben nicht; es sind Menschen, die man nicht mehr rauslassen sollte. „Es bekommt in diesem Land niemand eine Sicherungsverwahrung, weil er ein rostiges Fahrrad in die Elbe geworfen hat“, sagt die Magdeburgerin. Deshalb wiederholt die 52-Jährige einen Satz aus ihrem früheren Leben, als sei es ein Mantra, das sie auch heute noch täglich begleitet – und das sie inzwischen als Forderung formuliert: „Es ist ein kapitaler Fehler, unser liberales und bildungsbürgerliches Wertesystem eins zu eins auf jeden Insassen hinter Gefängnismauern zu übertragen.“ Das klingt hart, doch basiert auf den Erfahrungen von Susanne Preusker. Aus zwei Jahrzehnten als Therapeutin, aus sieben Stunden als Geisel und Vergewaltigungsopfer. Es gibt sie, die Grenzen des Machbaren. Genauso, wie die des Ertragbaren.

Sonja Brunner (Claudia Michelsen) ist der Kaltblütigkeit Michael Zeuners (Ralph Herforth) nicht gewachsen - Szene des ARD-Films "Angst in meinem Kopf". Quelle: dpa

Jede siebente Frau wird einmal Opfer eines sexuellen Übergriffes

Jedes Jahr werden in Deutschland 15 000 Frauen Opfer von männlichen Übergriffen, werden genötigt, missbraucht, vergewaltigt. Nicht nur, dass die Tendenz steigend ist, auch die Dunkelziffer ist immens. Eine anonyme Bevölkerungsbefragung in Deutschland zeigt, dass etwa jede siebente Frau mindestens einmal im Leben Opfer eines sexuellen Übergriffes wird. Repräsentative Studien in den USA besagen, dass 20 bis 25 Prozent aller Frauen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal vergewaltigt werden. Laut deutscher Kriminalitätsstatistik kann die Polizei 80 Prozent der Täter, also vier von fünf, ermitteln.

Auch die Zahl der Sicherungsverwahrten, der mehrfach und einschlägig Vorbestraften, steigt beständig, selbst wenn die Verurteilungen im vergangenen Jahr erstmals gesunken sind. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte – und in dessen Nachgang auch das Bundesverfassungsgericht – hatten zuletzt den Vollzug der Sicherungsverwahrung in Deutschland gerügt: Weil dieser sich kaum von der gängigen Strafhaft unterscheidet. Susanne Preusker hat diesen Therapieoptimismus nie geteilt. Stattdessen sieht sie die Schwachstellen im polizeilichen und juristischen System selbst. Und das vor wie nach dem 7. April 2009. Dem Tag, den sie als „mein persönliches Waterloo“ bezeichnet. Jenem Tag, der zehn Tage vor ihrer Hochzeit liegt, am Abend zuvor hatte sie noch die Einladungen verschickt.

Spezialeinheiten warten, während die Psychologin vergewaltigt wird

Die Therapeutin will an diesem Nachmittag gerade ihr Büro verlassen, als einer der Insassen, ein Sexualmörder, sie als Geisel nimmt. Er verbarrikadiert das Zimmer. Er droht ihr mit dem Tod. Er hat ein Messer. Und Sekundenkleber. Susanne Preusker weiß, dass dieser Mann, den sie keineswegs für den schlimmsten in Straubing einsitzenden Fall hält, sein letztes Opfer erstickt hat. Mit einer Knebelung. Während er seine Therapeutin vergewaltigt, umstellt die Polizei das Hochsicherheitsgefängnis. Er vergewaltigt sie mehrfach. Die Spezialeinheiten warten. Es dauert sieben Stunden, bis Susanne Preusker endlich freikommt. „Als hätte man sich nicht denken können, was ein Sexualstraftäter tut, wenn er eine Frau als Geisel nimmt“, sagt die Magdeburgerin heute.

Es ist das einzige Mal, dass sie während des Gesprächs wütend wird, dass sie nicht mehr bei sich selbst ist. „Mein Leben hat sich so dramatisch verändert – und die Verantwortlichen hocken immer noch auf ihren Beamtensesseln.“ Der Mann, dem sie in diesen sieben Stunden ausgeliefert war, wurde mittlerweile zu knapp 14 Jahren Haft plus Sicherungsverwahrung verurteilt. Der Freistaat Bayern hat die Vergewaltigungen als Dienstunfall anerkannt, mit den Bezügen einer „Regierungsdirektorin im Ruhestand“ ist sie zumindest finanziell abgesichert.

Susanne Preusker zieht sich zurück – und versucht ein neues Leben

Susanne Preusker hat sich nach den Übergriffen selbst viele Vorwürfe gemacht: „Ich dachte, ich hätte als Psychologin versagt. Heute weiß ich, dass ich alles getan habe, was nach den Regeln der Sozialtherapie zu tun war, auch wenn ich eine bestimmte Gefahr übersehen habe.“ In den Wochen und Monaten danach droht sie in eine Opferrolle abzugleiten, die sie weder als Psychologin noch als Frau akzeptieren will. „Dieser Mann soll nicht die Macht haben, mich zu zerstören. Bei allen Ängsten, bei allen Depressionen, die mich in dieser Zeit zermürbt haben.“ Sie akzeptiert diese Opferrolle deshalb nie – und rät das auch anderen betroffenen Frauen: „Wenn man sich als Opfer fühlt, gesteht man sich Schwäche ein. So weit darf es nie kommen.“

Um sich selbst – und mit Hilfe einer Psychologin – zu therapieren, macht Susanne Preusker das, wovon sie während ihres Arbeitslebens geträumt hat: Sie umsorgt ihren Ehemann, den sie tatsächlich zehn Tage nach den Vergewaltigungen geheiratet hat, sie strickt, sie kocht, sie liest, sie beginnt zu schreiben. In einem langen Brief an sich selbst reflektiert sie diese sieben Stunden, im Laufe der Monate wächst dies zu einem Buch: „Sieben Stunden im April. Meine Geschichte vom Überleben“ (Patmos Verlag, 160 Seiten, 17,90 Euro). Mittlerweile hat die 52-jährige Magdeburgerin auch ein Buch über Kampfhunde geschrieben, das im Herbst erscheinen wird („Wenn das Glück mit dem Schwanz wedelt – warum Hunde die besseren Therapeuten sind“), ein Krimi befindet sich in den letzten Zügen.

Susanne Preusker wusste: „Ich werde nie mehr die Alte sein.“

Natürlich, es kommen die Tage, an denen die Welt an den Rändern schwarz wird. Doch sie werden weniger. Denn nur zu überleben, das ist kein Zustand: „Überleben ist ein Kampf, den man täglich aufnimmt – oder eben nicht“, sagt Susanne Preusker. Früher, an den Tiefpunkten ihres alten Lebens, wenn sie ihren Beruf verwünschte, schwärmte sie von einem Dasein als Schriftstellerin. So, wie andere Menschen von einem Leben als Aussteiger oder von einem Urlaub auf Mallorca träumen. Drei Jahre später sagt die Psychologin, die wohl nie wieder in ihren Beruf zurückkehren wird: „Man muss aufpassen, dass seine Wünsche nicht in Erfüllung gehen.“ Es sind diese Sätze, die noch lange nach dem Gespräch hallen.

Der offensive Umgang mit ihrer Geschichte hilft Susanne Preusker, die Ereignisse zu verarbeiten, das Leben nicht nur in Schwarz und Weiß zu sehen – doch sie weiß auch: „Ich werde nie mehr die Alte sein.“ In der Handtasche verwahrt sie ihre persönliche Notfallzentrale: Sie verlässt die Wohnung nie ohne Handy, Pfefferspray und ihren American Staffordshire „Emmi“, der gemeinhin als Kampfhund gilt. Am Küchentisch sitzend, erzählt sie Anekdoten von „Emmi“. Susanne Preusker lacht und prustet, streicht sich die blonden Haare aus der Stirn. Sie nippt an der pechschwarzen Tunke, die in der Tasse inzwischen kalt geworden ist, und dreht sich aus losem Tabak eine Zigarette. Susanne Preusker ist eine ganz normale Frau. Eigentlich.

Von Andreas Debski

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