Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Reichskriegsgericht zog nach Torgau
Region Mitteldeutschland Reichskriegsgericht zog nach Torgau
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:10 17.08.2018
Elisabeth Kohlhaas zeigt den Weg der amerikanischen Patrouille, die 1945 schließlich auf sowjetische Truppen stieß. Quelle: Foto: Roland Herold
Anzeige
Torgau

„Nun sage ich mein letztes Lebewohl Dir, mein bester Julius, Du warst mir ein guter, treuer Bruder, es tut mir weh, dass ich Dir diesen Schmerz bereiten muss.“ Am 13. November 1944 starb der Priester und Seelsorger Carl Lampert, geboren 1894 in Vorarlberg, unter dem Fallbeil. Mit ihm wurden zwei weitere Geistliche auf die gleiche grausame Art hingerichtet.

In einem allerletzten Brief aus dem Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna in Torgau (heute Landkreis Nordsachsen) spricht Lambert vom „Kreuzweg“, der nun zur „letzten Station“ gehe. Die dürftigen Vorwürfe, denen sich die drei Verurteilten ausgesetzt sahen, lauteten: Abhören ausländischer Sender, Begünstigung von Zwangsarbeitern und Sammeln von Informationen über Waffenversuche in Peenemünde. Wahrscheinlich überzeugten sie nicht einmal die Justiz selbst. Werner Lueben, Richter am Reichskriegsgericht (RKG) in Berlin und Torgau, ein Mann, der zuvor bereits über 100 Todesurteile verhängt hatte, schoss sich unmittelbar vor dem letzten Verhandlungstag, an dem er das Todesurteil hätte aussprechen müssen, kurzerhand eine Kugel in den Kopf.

Der „Tatbestand des kleinen Mannes“

Heute vor 75 Jahren zog das RKG, der oberste Militärgerichtshof von Hitlers Nationalsozialisten, von Berlin nach Torgau in die Zietenkaserne. Grund waren vor allem die zunehmenden Luftangriffe auf Berlin. Ein unabhängiges Gericht war das RKG allerdings nie, sondern lediglich ein „Organ der militärischen Führung“. So konnten beispielsweise Rechtsmittel gegen eine Verurteilung ab Kriegsbeginn 1939 ohnehin nicht mehr eingelegt werden. Das RKG bestand aus einem Präsidenten und seinen zwei Adjutanten, aus dem Oberreichskriegsanwalt als Chefankläger, aus der Reichskriegsanwaltschaft mit 21 Militärjustizbeamten und Offizieren sowie aus vier Senaten mit je einem Präsidenten und insgesamt 23 weiteren Juristen und Offizieren.

Seit den 1990er Jahren beschäftigt sich das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) in Schloss Hartenfels in Torgau unter dem Dach der Stiftung Sächsische Gedenkstätten mit dem Thema. Die Politologin Elisabeth Kohlhaas, Referentin für die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit im DIZ Torgau, sagt: „Für das Thema Wehrmachtsjustiz sind wir in der Bundesrepublik ein einzigartiger Erinnerungsort, weil es hier eine Konzentration von historischen Orten gibt. Das Wehrmachtsgefängnis in Fort Zinna, das Wehrmachtsgefängnis Kaserne Brückenkopf und das Reichskriegsgericht.“ Dabei sei Torgau gleichzeitig das Durchgangsgefängnis für Straf- und Bewährungseinsätze an der Front gewesen. Kohlhaas: „Das bedeutete für viele Soldaten das Todesurteil.“

Verurteilt vom RKG wurde wegen Hoch- und Landesverrats, Kriegsverrats, Spionage oder dem sehr weit gefassten Delikt der „Wehrkraftzersetzung“, unter die selbst Äußerungen am heimischen Küchentisch fallen konnten. Deshalb heißt sie in der Forschung auch „der Tatbestand des kleinen Mannes“. „Und man müsste hinzufügen: Auch der kleinen Frau“, sagt Kohlhaas, die zuvor unter anderem als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leipziger Uni tätig war. Denn nicht nur die Militärgerichte, auch die zivilen Gerichte urteilten in Fällen der Wehrkraftzersetzung, darunter auch gegen Frauen.

Europäischer Erinnerungsort

Unter „Wehrkraftzersetzung“ fiel auch das Delikt der Selbstverstümmelung, um dem Wehrdienst zu entgehen. So war es in Luxemburg unter jungen Männern verbreitet, ein harmloses Medikament einzunehmen, das Symptome der Gelbsucht hervorrief, um der Zwangsrekrutierung zur Wehrmacht zu entkommen. Flog das allerdings auf, drohte die Todesstrafe. Auch die religiös begründete Opposition Carl Lamperts war ein Fall für das RKG. Todesurteile wurden außerdem gegen die Zeugen Jehovas, gegen Angehörige des Widerstands wie die Gruppe „Rote Kapelle“ oder des Widerstands in anderen europäischen Ländern sowie gegen zwangsrekrutierte Soldaten, beispielsweise aus Polen, Belgien, Frankreich, Luxemburg oder auch der Slowakei verhängt.

„Wegen der vielen Inhaftierten aus anderen Ländern Europas sind wir hier auch ein europäischer Erinnerungsort“, sagt Kohlhaas. Der Umzug des obersten Gerichtshofes der Wehrmacht habe Torgau endgültig zum Zentrum der Wehrmachtsjustiz im besetzten Europa werden lassen. Heute schätzt man, dass rund 60 000 Soldaten durch die beiden Wehrmachtsgefängnisse gegangen sind. Betriebsbereit waren sie bereits mit Beginn des Zweiten Weltkriegs. Und Fort Zinna war auch das größte der insgesamt acht Wehrmachtsgefängnisse.

In unmittelbarer Nähe befanden sich die beiden Erschießungsstätten am nördlichen Wallgraben und in der Süptitzer Kiesgrube. Rund 30 000 Todesurteile insgesamt wurden während des Zweiten Weltkriegs gegen Wehrmachtsangehörige gefällt, mehr als 20 000 vollstreckt. Davon nachweislich etwa 200, geschätzt aber eine viel höhere Zahl allein in Torgau. Mehrere Hundert Zivilisten aus den Torgauer Wehrmachtsgefängnissen wie der Priester Carl Lampert wurden dagegen in Halle im Zuchthaus Roter Ochse hingerichtet.

Akten heute im Militärarchiv Prag

Als im Frühling 1945 sowjetische und US-amerikanische Truppen vorrückten, machte sich das RKG in Richtung Freising in Bayern auf den Weg, schaffte es aber mit all seinen Akten nur bis in den Böhmerwald. Heute befindet sich deren Hauptbestandteil im Militärarchiv in Prag. Viele der einstigen Wehrmachtsrichter konnten in der Bundesrepublik ihre Karriere fortsetzen. In der DDR war das anders. Allerdings gab es auch hier keine systematische strafrechtliche Ahndung.

Die Gefängnis-Kommandanten ließen parallel zur Flucht des RKG Fort Zinna und Brückenkopf räumen. Das Gros der Häftlinge – zurück blieben im Fort Zinna die Kranken und die ausländischen Häftlinge – wurde in Richtung Erzgebirge in Marsch gesetzt und am 8. Mai von den Amerikanern befreit. Eine andere Gruppe musste bis Scheibenberg (Erzgebirgskreis) marschieren, eine dritte wurde in Komotau in Böhmen erlöst.

In Torgau selbst kam es zu der historischen Begegnung zwischen Amerikanern und Russen – nicht vorrangig, weil diese ihre Sympathie füreinander entdeckt hatten, sondern weil die Amerikaner im Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna nach alliierten Kriegsgefangenen suchten. Am 25. April wurden auch die letzten Häftlinge aus Fort Zinna befreit.

Nach 1945 wurde dieses Gefängnis Speziallager für Internierte der sowjetischen Besatzungsmacht und für Verurteilte der sowjetischen Militärtribunale. Zugleich war es Sammelstelle für die Deportationen: Etwa 24 000 Menschen kamen von Torgau aus direkt in den Gulag. Heute stehen vor der Justizvollzugsanstalt Fort Zinna, getrennt durch eine Hecke, zwei Erinnerungstafeln zu den Themen Wehrmachtsjustiz und politische Haft in der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise in der DDR.

Von Roland Herold

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Nach einer Protestaktion von AfD-Abgeordneten beim Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) prüft Sachsens Landtag nun Disziplinarmaßnahmen.

17.08.2018

Rund 300 Menschen haben sich am Donnerstagnachmittag auf dem Vorplatz des Landtages versammelt, um Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch in Dresden abzupassen. Bereits vor der Merkels Ankunft hatte ein Pulk von Demonstranten Sprechchöre mit „Merkel muss weg“ angestimmt.

17.08.2018

Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock (37) wird in ihrer Partei zu den Realos gerechnet. Die in Potsdam lebende Politikerin spricht im LVZ-Interview über den Klimawandel, die Wölfe und aktuelle Umfragewerte.

16.08.2018
Anzeige