Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Richter kippen Kopfnoten auf Bewerbungszeugnissen in Sachsen
Region Mitteldeutschland Richter kippen Kopfnoten auf Bewerbungszeugnissen in Sachsen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 26.11.2018
Schüler halten nicht viel von Kopfnoten. Quelle: dpa/Archiv
Dresden/Leipzig, Dresden/Leipzig

Ein Neuntklässler kann in Sachsen ein Zeugnis ohne Kopfnoten verlangen. Auf Bewerbungszeugnissen seien solche Bewertungen rechtswidrig. Das geht aus einer am Montag bekannt gewordenen Entscheidung des Verwaltungsgerichts Dresden hervor. Demnach darf ein Schüler auf ein Endzeugnis ohne Noten in Betragen, Ordnung, Fleiß und Mitarbeit bestehen, wenn er sich damit um einen Ausbildungsplatz bewerben will.

Ein Oberschüler hatte sich gewehrt und jetzt zunächst im Verfahren um einstweiligen Rechtsschutz gewonnen. In seinem Abschlusszeugnis hatte der Junge in Ordnung eine 2 und in den übrigen Kopfnoten eine 3 erhalten und sah damit einen falschen Eindruck über sich vermittelt. Daher rechnet der künftige Schulabgänger mit einer Ablehnung bei einer Lehrstellenbewerbung.

Kopfnoten seien verfassungswidrig und diskriminierend, führt sein Anwalt als Begründung aus. Sie stellten zudem eine Verletzung des Grundrechts auf Berufswahl dar. Die Bewertungen sortierten Bewerber für die Wirtschaft vor, lieferten aber keine Rückschlüsse auf ihr tatsächliches Verhalten.

Bemängelt wird von den Richtern die Art und Weise der rechtlichen Regelung. Kopfnoten werden zwar in der Schulordnung für Ober- und Abendschulen erwähnt, nicht aber im Sächsischen Schulgesetz. Dort fehle eine entsprechende Norm. Dem Schüler muss nun ein auf den 29. Juni 2018 zurückdatiertes Abschlusszeugnis ohne Kopfnoten ausgestellt werden. Gegen den Beschluss im Eilverfahren ist Beschwerde zum Oberverwaltungsgericht möglich.

Sachsens Kultusministerium zeigte sich gestern überrascht: „Die Entscheidung verwundert uns sehr“, sagte Ministeriumssprecher Dirk Reelfs auf LVZ-Anfrage. Man werde den Beschluss des Dresdner Verwaltungsgerichtes sorgfältig prüfen und sich weitere Schritte vorbehalten.

Bei den Schülervertretern löste der Richterspruch dagegen große Freude aus. „Wir sind generell gegen Kopfnoten und begrüßen daher die Dresdner Entscheidung“, sagte Landesschülersprecher Noah Wehn der Leipziger Volkszeitung. Sächsische Lehrer seien durch die Kopfnoten im Zeugnis gezwungen, außerschulische Kompetenzen des Schülers einzuschätzen, in die sie gar keinen Einblick hätten.

„Ein Lehrer kann nicht sehen, wie der Schüler oder die Schülerin mit Freunden oder der Familie umgeht“, erklärte der Leipziger Gymnasiast. „Kopfnoten verleiten Pädagogen dazu, falsche Urteile abzugeben.“ Für Außenstehende seien diese schwer einzuordnen. „Es handelt sich um subjektive Einschätzungen, die auf dem Zeugnis nichts zu suchen haben.“ Der Landesschülerrat erwarte, dass das Kultusministerium auf Kopfnoten verzichtet und das Gerichtsurteil nicht infrage stellt, betonte Wehn.

Nicht alle Bundesländer vergeben Kopfnoten. In Sachsen-Anhalt gibt es welche. In Thüringen füllen Lehrer ergänzend zum Zeugnis eine Einschätzung zur Kompetenzentwicklung aus und bewerten unterschiedliche Punkte der individuellen Entwicklung des Schülers. In Nordrhein-Westfalen wurden Kopfnoten bei Schülerdemos als „Schleimnoten“ verschrien und 2010 – bereits drei Jahre nach ihrer Einführung – wieder abgeschafft. Schleswig-Holstein verzichtet seit jeher auf diese Prädikate.

Von Winfried Mahr

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Am 28. November ist Innenminister-Tagung in Magdeburg. Sachsens Grüne fordern Sachsens Ressortleiter dazu auf, den Abschiebestopp nach Syrien auszuweiten.

27.11.2018

Die Justizbehörden im Freistaat haben eine Unmenge an Straf- und Bußgeldverfahren zu bewältigen –und es werden immer mehr. Bei Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden lagern Zehntausende noch nicht abgeschlossener Fälle.

27.11.2018

Betragen, Ordnung, Fleiß und Mitarbeit: Die sogenannten Kopfnoten auf Zeugnissen sind rechtswidrig, wenn sich Schüler damit um eine Lehrstelle bewerben. Das entschied die 5. Kammer des Dresdner Verwaltungsgerichts.

26.11.2018