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Rückblick ohne Reue - Margot Honecker verteidigt vehement sich und die DDR

Rückblick ohne Reue - Margot Honecker verteidigt vehement sich und die DDR

Der Zuschauer hat das nun also alles gesehen: Eine vitale Margot Honecker, eine schonungslose Schönung der eigenen Vergangenheit, ein Rückblick ohne Reue. Er hat erfahren, dass für die mittlerweile 85-Jährige "in der DDR kein Schießbefehl existierte" und auch, dass "die ja nicht über die Mauer zu klettern brauchten, um diese Dummheit dann mit dem Leben zu bezahlen".

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Seit mehr als 20 Jahren lebt die Witwe von Erich Honecker im Exil in Chile. (Archivfoto)

Quelle: dpa

Berlin. Keine Entschuldigung, nirgends.

Die einst mächtigste Frau der DDR verteidigt ihre alte politische Welt jetzt in einem Dokumentarfilm, der am Montagabend in der ARD ausgestrahlt wurde. Dafür hat die Witwe von DDR-Staats- und SED-Parteichef Erich Honecker erstmals seit mehr als 20 Jahren ein TV-Interview gegeben, wie der verantwortliche Norddeutsche Rundfunk (NDR) mitteilte.

Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Eric Friedler zeichnet in dem 90-minütigen Streifen ein Bild Honeckers. Über Jahre hielt sie sich eisern die "Westpresse" vom Hals. Nun weicht sie mit dem Fernsehinterview davon ab. Erst Anfang März erschien das Interview-Buch "Zur Volksbildung". Honecker hatte dazu mit dem ostdeutschen Verleger Frank Schumann gesprochen, den sie von früher kennt.

Für Alexander Latotzky kommt die uneinsichtige Haltung Honeckers nicht überraschend. Er kam nach dem Krieg in einem sowjetischen Gefangenenlager zur Welt. Jahrelang wurde er durch DDR-Heime geschleift. Heute ist Latotzky Mitglied im Bautzen-Komitee, einem Verein, der das Schicksal der politischen Häftlinge in der DDR erforscht. Seine Abrechnung mit den alten SED-Größen hat er längst gemacht: "Die Herrschaften sind unbelehrbar."

Über die NDR-Doku "Der Sturz - Honeckers Ende" sagt er: "Es wird einen großen Aufschrei über Margots dumme Äußerungen geben. Eine alte Frau wird sich im unverdienten Medieninteresse sonnen - und dann wird es wieder still sein um sie. Und das ist auch gut so!"

Wenn sich Latotzky da mal nicht irrt. Auf 15 Prozent schätzt Klaus Schroeder die Zahl der harten DDR-Sympathisanten in den neuen Bundesländern. "Wasser auf die alten Mühlen der SED-Kasten" seien die Argumente der Honecker-Witwe. Für den Professor an der Freien Universität Berlin, der seit vielen Jahren als Mitglied des Forschungsverbundes SED-Staat die Aufarbeitung der DDR-Geschichte vorantreibt, ist der Film ein Rückschlag im medialen Ringen um die Deutungshoheit.

Denn: Immer dort, wo Schroeder besonders im Brandenburgischen Vorträge hält oder Texte veröffentlicht, hagelt es im Anschluss Stellungnahmen empörter Ostdeutscher. "In feinstem Funktionärsdeutsch abgehalten", wie Schroeder süffisant anmerkt. Die alten Eliten hätten sich zu einer Art "Leserbriefzirkel" zusammengeschlossen. Die DDR? Für ihn war sie "in den Köpfen der Ostdeutschen noch nie so lebendig wie heute".

"Der Sturz - Honeckers Ende" zielt mitten rein in diese Nahtstelle zwischen Verklärung und Aufklärung. Zwischen verbohrter Ostalgie und manchmal kaum weniger verbohrter Wissenschaftsakribie. Dabei schien sich die Lage doch gerade erst entspannt zu haben. Immerhin: Eine ostdeutsche Kanzlerin, ein ostdeutscher Bundespräsident. Kluge Romane wie Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" oder Uwe Tellkamps "Turm", die mit zeitlichem Abstand ein vergangenes Land verorten.

Aber dann auch: Immer wieder erbittert geführte Debatten, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht. Zuletzt erst in der vergangenen Woche auf einer Podiumsdiskussion in Potsdam mit Rainer Eppelmann, Vorsitzender der Bundesstiftung Aufarbeitung, und Erwin Sellering, Ministerpräsident in Mecklenburg-Vorpommern. Unter verkehrten Vorzeichen übrigens - der westdeutsche Jurist Sellering fand sich einmal mehr in der Position des DDR-Verteidigers wieder.

Vielleicht ist es auch eine Frage der Zeit. Honeckers Äußerungen treffen bereits jetzt auf viele Menschen, die zwar im Osten geboren sind, die DDR aber nur noch aus Erzählungen kennen. "Die Erlebnisgeneration verliert allmählich die Deutungshoheit", wie es der Politologe Werner Patzelt beschreibt. Ein System geht. Und hinterlässt "bei jungen Menschen eine neue Neugier auf die DDR".

Wie abseitig die Aneignung im Jahr 2012 bereits erfolgen kann, zeigen exemplarisch die deutschen Chartstürmer der Band "Kraftklub" aus Chemnitz. Wortgewaltig wird hier dem Ost-Lifestyle gehuldigt: "Ich komme aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer, Baby, original Ostler." Die Attitüde des trotzigen Ost-Provinzlers trägt ein ganzes Album.

"Soweit eine Distanzierung zum System erfolgt, geschieht dies durch ironische Brechung", sagt Patzelt noch etwas skeptisch. Er sollte mutiger sein: Was vordergründig nach Margot Honecker klingen mag, könnte in Wahrheit kaum weiter von ihr entfernt sein.

Patrick Tiede

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Von Redakteur Patrick Tiede

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