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Mitteldeutschland Sachsen-Anhalt fürchtet Lehrerflucht nach Sachsen
Region Mitteldeutschland Sachsen-Anhalt fürchtet Lehrerflucht nach Sachsen
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06:02 07.04.2018
Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU). Quelle: dpa
Magdeburg

Marco Tullner (49, CDU) kann einem schon ein bisschen leidtun. Der sachsen-anhaltische Bildungsminister muss sich nicht nur mit Protesten von Lehrern, Schülern und Bürgerinitiativen auseinandersetzen, sondern es knirscht auch gewaltig mit dem Koalitionspartner SPD sowie mit Parteifreunden. Seine Twitter-Affinität tut ihr übriges.

Und jetzt kommen noch die „bösen Sachsen“ und verbeamten ab kommenden Jahr einen Teil ihrer Lehrer. Schon mehr als 50 Rückkehrwillige haben sich in Dresden gemeldet (die LVZ berichtete) – auch aus Sachsen-Anhalt. Bildungsexperten gehen von „mehreren Hundert“ sächsischer Lehrer in Diensten des Nachbarbundeslandes aus. Droht eine Abwanderungswelle in den Freistaat?

Weiße Fahne im Grundschulbereich?

„Wenn sächsische Lehrer in Größenordnungen zurück in ihre Heimat gehen, kommen wir schnell an einen Punkt, dass wir vor allem im Grundschulbereich und in den ländlichen Regionen die weiße Fahne hissen müssen“, lautet die Einschätzung von Thomas Lippmann. Der 56-jährige Mathe-Physik-Lehrer war mehr als eine Dekade Schulleiter, acht Jahre Chef von Sachsen-Anhalts Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und ist seit 2016 Fraktionschef der Linken im Landtag.

Sein Zeugnis für den Minister: „Keine Ziele, keine Konzepte, kein Engagement, keine Vorstellungen – kurz: eine ganz schlimme Fehlbesetzung.“ Tullner verwalte nur und lasse alles laufen. Das Einzige, was er mit Nachdruck betreibe, sei, „mit eisernem Besen sinnlos Tabula rasa in seinem Ministerium zu machen“ – und damit ausgewiesene Experten rauszuschmeißen. Wie den allenthalben hoch angesehenen Chef des Landesschulamtes Torsten Klieme (SPD) – dessen Stelle ist seit anderthalb Jahren unbesetzt.

Mit seinem Führungsstil, so Lippmann, verunsichere er zugleich die Verbliebenen in der Magdeburger Turmschanzenstraße mit Blick auf die Alte Elbe dermaßen, dass kaum einer von ihnen Verantwortung übernimmt. Ministeriumszahlen belegten, dass 90 Prozent der Referatsleiter seit Tullners Antritt bereits ausgetauscht wurden. Rund 40 Spitzenbeamte wurden versetzt, hätten die Segel freiwillig gestrichen oder mussten dies tun.

Gemischte Bilanz

Gemischt sieht die Bilanz des Landesschülerrats beim Thema Lehrer aus. Dessen Chef Michael Benecke (17) aus Salzwedel – auch Chef der Jungen Union in der Altmark – sagt auf LVZ-Anfrage: „Der Lehrermangel ist ein erhebliches Problem – und das nicht erst seit zwei, drei Jahren.“ Die avisierten 720 Neueinstellungen pro Jahr seien ein machbares Minimum. Quantität dürfe aber nicht vor Qualität stehen.

Positiv überrascht sei er, dass in der Zusammenarbeit mit dem Ministerium viele Anstrengungen zu verspüren seien, die Situation zu verbessern – auch geschuldet dem öffentlichen Druck wie der jüngsten Volksinitiative. Das sächsische Bildungspaket sei ein „bewerkenswerter Schritt“. „Ich bin wirklich beeindruckt, dass in Sachsen so viel Geld in die Hand genommen wird“, so Benecke. Durch die neue Situation in Sachsen werde es künftig schwieriger, die notwendige Anzahl an Lehrern zu gewinnen.

Größte Ausschreibung des Landes

Derartige Befürchtungen hat Minister Tullner nicht. „Dass der Wettbewerb der Länder um die rare Ressource Lehrer eher zu- als abnimmt, ist klar“, erklärt er im Gespräch mit der LVZ. Mit Blick auf die neue Situation in Sachsen sagt er: „Mit Lehrerabwanderung rechne ich eigentlich gar nicht, weil verbeamtete Lehrer nur mit Tauschverfahren wechseln können.“ Da sehe er jetzt „bei uns keine große Bereitschaft“. Und das Beamtenverhältnis in Sachsen-Anhalt zu kündigen, hätte die Folge, dass man Pensionsansprüche verliert und auch ansonsten bei null anfängt.

„Dass sich Trecks von Sachsen-Anhalt nach Sachsen aufmachen, das glaube ich im Leben nicht. Aber wir werden das natürlich sehr genau beobachten, ob es da irgendwelche Entwicklungen gibt“, so Tullner, der in diesem Kalenderjahr 1000 neue Stellen ausschreiben will. „Wir machen im ersten Halbjahr im April/Mai mit mehr als 500 die größte Ausschreibung, die das Land je gesehen hat, sowie eine weitere im zweiten Halbjahr“, kündigt er an. Zudem gebe es Absprachen in der Kultusministerkonferenz, nicht aktiv abzuwerben. „Und ich gehe davon aus, dass unsere sächsischen Freunde dies an der Stelle auch nicht machen.“

Entwicklung der Schüler- und Lehrerzahlen in Sachsen-Anhalt Quelle: LVZ

Das klingt ein wenig nach Durchhalteparole. So gehen Experten wie Lippmann davon aus, dass bereits bis zu Beginn des nächsten Schuljahres mindestens 800 Lehrer neu eingestellt werden müssen. Und schon jetzt tut sich Sachsen-Anhalt schwer, ausgeschriebene Stellen auch zu besetzen. Bis zu einem Drittel blieben bei den letzten Ausschreibungen unbesetzt. Wenn jetzt noch die sächsischen Bewerber ausbleiben, droht die Lücke deutlich größer zu werden.

Und: Der „Ländertausch“ ist nicht die einzige Möglichkeit, nach Sachsen zu wechseln. Wechselwillige Lehrkräfte können demnach bei ihrem derzeitigen Arbeitgeber eine „Freigabe“ beantragen, welche mit Blick auf die Freiheit der Berufsausübung zu gewähren ist. Und wenn der neue Dienstherr die Übernahme „des bisherigen Status“ zusagt, gehen auch keinerlei Versorgungsansprüche verloren.

Keine Hausgemachten Probleme

Dass ein Teil seiner Probleme hausgemacht sein könnten, sieht der Minister nicht. „Wir mussten ja umstrukturieren, weil die Kulturabteilung mit Beginn der Wahlperiode in die Staatskanzlei gewechselt ist“, so Tullner. Und: „Der Eindruck stimmt einfach nicht, dass wir uns selbst lahmgelegt haben. Ich laufe nicht mit blutigem Messer im Mund herum und versuche, die Sozialdemokraten zu meucheln.“ Die „strukturellen Veränderungen“ bezifferte er auf 27. Alles sei „maßvoll passiert“.

Tullner bestätigt, dass er ausgewiesener Fan der Netflix-Fernsehserie „House of Cards“ ist. In ihr geht es um den durchtriebenen Abgeordneten Francis „Frank“ Underwood, der zusammen mit seiner kaum weniger machthungrigen Ehefrau intrigiert und korrumpiert, um in der politischen Hierarchie die nächsten Stufen zu nehmen. „Der Minister muss aufpassen, dass sein Kartenhaus nicht einstürzt“, sagt Linken-Politiker Lippmann.

Von Martin Pelzl

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