Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Sachsen lässt syrische Flüchtlingskinder im Libanon unterrichten
Region Mitteldeutschland Sachsen lässt syrische Flüchtlingskinder im Libanon unterrichten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:00 12.07.2018
Herzliche Grüße nach Sachsen: Syrische Flüchtlinge werden im Libanon mit Hilfe der Dresdner Arche Nova unterrichtet, Karin Uckrow (l.) koordiniert das Projekt. Quelle: Fotos: Andreas Debski
Beirut

Syrien ist zum Greifen nahe. So scheint es zumindest. Auf dem Gebirgskamm lässt sich der Grenzposten von der vor Hitze flirrenden, libanesischen Bekaa-Ebene sogar mit bloßen Auge erkennen. Tatsächlich ist Syrien selbst von hier noch unerreichbar. „Das ist meine Heimat. Ich würde mit meiner Familie so gern wieder nach Aleppo zurück. Doch das geht immer noch nicht“, sagt Salah, ein dunkelhaariger Mann Ende 30, der mit seiner Frau und fünf Kindern in Sichtweite seines Heimatlandes lebt. Seit fast sechs Jahren nennen sie ein mannshohes Zelt, das zu einem Camp an einem rostbraunen Feldrand gehört, ihr Zuhause. Eine Zukunft hat die Familie, genau wie weitere 1,5 Millionen Kriegsflüchtlinge, momentan weder im Libanon, noch in Syrien. In diesem Schwebezustand verbreitet eine kleine Initiative aus Sachsen eine große Hoffnung: „Ich möchte, dass es meinen Kindern besser geht, dass sie etwas lernen. Nach unserer Rückkehr sollen sie gute Berufe haben, das Land mit aufbauen und glücklich werden. Dank der Deutschen ist das vielleicht möglich.“

Neuer Fonds für Entwicklungshilfe

Hoffnung – das ist es, was in den unzähligen Zeltlagern im Libanon durch die deutsche Entwicklungshilfe, insbesondere durch Bildungsprojekte, verbreitet werden soll. Während die Bundesrepublik mittlerweile der zweitgrößte Geldgeber für den Libanon ist und insgesamt 200 Millionen Euro zur Verfügung stellt, beteiligt sich seit April 2017 der Freistaat Sachsen mit einem eigenen Programm. „Es geht neben der humanitären Hilfe vor allem darum, die Fluchtursachen zu bekämpfen und die unmittelbaren Nachbarländer von Syrien zu stabilisieren. Mit der Förderung wollen wir einen Beitrag zur Selbsthilfe vor Ort leisten“, erklärt Sachsens Staatskanzleichef Oliver Schenk (CDU), der in dieser Woche den Libanon besucht hat, „wir müssen diese Länder, die große Anstrengungen auf sich nehmen, unterstützen – auch, damit sich die Menschen nicht mehr auf dem Weg über das Mittelmeer machen müssen.“

Deshalb geht seit dem vergangenen Jahr ein Viertel des neuen sächsischen Entwicklungshilfefonds in den Libanon, insgesamt 200 000 Euro für 2017 und 2018. Das Projekt wird unter dem Titel „Schulbildung für die von der Syrienkrise betroffenen Kinder“ von der Hilfsorganisation Arche Nova aus Dresden umgesetzt. Die Sachsen sind seit 1992 im Nahen und Mittleren Osten aktiv, bislang allerdings hauptsächlich mit Wasserprojekten. „Eine ganze Generation droht verloren zu gehen, weil die Kinder der Flüchtlinge keine oder kaum Bildung erhalten“, sagt Stefan Mertenskötter, Vorstandsvorsitzender der Arche Nova, über das Engagement seines Vereins. Mit der internationalen – auch sächsischen – Hilfe werde „der Druck, Libanon zu verlassen und in Richtung Europa zu gehen“ deutlich geringer. Stattdessen könnten sich die Menschen darauf vorbereiten, in ihre Heimat zurückgehen zu können, meint Stefan Mertenskötter. Außerdem sei äußerst wichtig, den Kindern „einen strukturierten Tagesablauf“ außerhalb der Flüchtlingscamps zu ermöglichen.

Innerhalb des Dresdner Bildungsprojektes, das gemeinsam mit der libanesischen Partnerorganisation Social Support Society läuft, werden gegenwärtig 540 Kinder unterrichtet. Die Nachfrage ist immens: Für die Plätze, die an privaten Schulen angeboten werden, gab es weit über 800 Anmeldungen, berichtet Nimat Farhat Bizri von der Social Support Society und erklärt: „Wir müssen den Kindern Hoffnung geben. Sie sind hoch motiviert zu lernen – und das muss ermöglicht werden, wenn Syrien eine Zukunft haben soll.“

In diesem Zusammenhang bietet eine aktuelle Umfrage des UN-Flüchtlingshilfswerkes UNHCR die deutliche Botschaft: Die meisten Syrer wollen in das Land, in dem gerade wieder neue Kämpfe aufflammen und weitere 100 000 Menschen vor den bewaffneten Auseinandersetzungen fliehen, zurückkehren. Von den 1200 Befragten geben immerhin 89 Prozent genau diese Antwort. Knapp die Hälfte sagt, dass dies allerdings unter den derzeitigen Sicherheitsverhältnissen nicht möglich ist. Als weitere schwerwiegende Gründe werden zerstörte Wohnungen und Häuser sowie der Infrastruktur genannt. Den Zeitpunkt ihrer Rückkehr sehen die meisten Befragten in weiter Ferne: Jeweils nur zwei Prozent glauben daran, entweder in den kommenden sechs Monaten oder nächsten fünf Jahren wieder in Syrien leben zu können – dagegen meinen 85 Prozent: „Ich weiß es nicht.“

Förderung soll aufgestockt werden

In diesem Umfeld bewegt sich also die Dresdner Arche Nova, die mit weltweit 220 Mitarbeitern insgesamt 35 Projekte in 17 Ländern betreut. Im Libanon arbeiten die Sachsen mit Schulen zusammen, die in Doppelbelegung unterrichten: Einen halben Tag lang libanesische Kinder – und die andere Hälfte syrische Kinder, deren Lehrer ebenfalls Flüchtlinge sind und für den Umgang mit zum Teil traumatisierten Schülern speziell geschult werden. Im Rahmen des Projekts erhalten alle Kinder anerkannte Abschlüsse beziehungsweise Zeugnisse, die sich an libanesischen Lehrplänen orientieren. Daneben werden auch die Kosten für den Transport aus und zu den Flüchtlingscamps sowie Schulmaterial von den Sachsen übernommen. Ähnliche Bildungsinitiativen laufen auch unter UN-Hoheit, auch in diesen Fällen werden die Schulen jeweils doppelt belegt: So können neben den 210 000 libanesischen Schülern mittlerweile 220 000 Flüchtlingskinder von morgens bis abends unterrichtet werden,

„Hier lohnt sich jeder Euro. Selbst mit vergleichsweise wenig Geld lässt sich viel erreichen“, stellt der sächsische Staatskanzleichef nach seinem Besuch in der Bekaa-Ebene und in Beirut fest. Auch Heinz Lehmann, CDU-Landtagsabgeordneter und Vize-Präsident des EU-Ausschusses der Regionen, ist beeindruckt: „Aus gutem Grund müssen wir den Entwicklungshilfefonds erhöhen. Es sollen nicht mehr Menschen nach Europa gelockt werden, sondern es muss darum gehen, die Voraussetzungen für einen guten Start in der alten Heimat zu ermöglichen.“ Deshalb sei bereits ein Antrag der CDU-Fraktion fertig, die sächsische Entwicklungshilfe auf zwei Millionen Euro im neuen Doppelhaushalt aufzustocken. Dass dies dringend nötig ist, meint auch Jana Pinka, Landtagsabgeordnete der Linken und Vize-Landesvorsitzende. Gleichzeitig sieht sie die Situation aber auch kritisch: „Humanitäre Hilfe muss sein, das ist das Mindeste, das wir leisten können. Insgesamt bearbeiten die Projekte allerdings nur die Symptome – und nicht die Ursachen der Syrienkrise. Dabei geht es auch um deutsche Waffenexporte und darum, dass ein stabiles System zerschlagen wurde und immer noch ein Stellvertreterkrieg geführt wird.“

Das aktuelle Schuljahr endet für die 540 Kinder der Arche Nova im August. Zurzeit laufen die Gespräche, das Bildungsprogramm fortzuführen und möglicherweise auszubauen. Denn, das sagen alle Beteiligten und Besucher: Das begonnene Schulprojekt muss eine gewisse Kontinuität erreichen, um weiterhin erfolgreich zu sein. Salah, der Mann aus dem Flüchtlingscamp, würde sich darüber freuen. „Das ist gut für die Kinder hier“, sagt er und macht mit dem linken Arm eine ausschweifende Bewegung: „Würden wir hier leben, wenn es in Syrien möglich wäre? Schauen Sie sich um. Möchten Sie so leben?“

Von Andreas Debski

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Countdown läuft: Die Sachsen und Thüringer wählen 2019 neue Landtage. Ein Jahr vor der Abstimmung befragt die LVZ in der Reihe „Das Sommerinterview“ Parteichefs, wie sie die Lage im Land sehen und was sie ändern wollen. Heute Teil 3: die Grünen-Vorstandssprecher Christin Melcher (35) und Norman Volger (39).

13.07.2018

Der Streit um das sächsische Förderprogramm „Weltoffenes Sachsen“ ist offenbar geschlichtet worden: Nachdem Antragsteller für Demokratieprojekte regelmäßig vom Landesamt für Verfassungsschutz überprüft wurden, wird diese Praxis nun eingestellt. Gleichstellungs- und Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) stellte allerdings klar, dass extremistische Organisationen weiterhin von der Förderung ausgeschlossen werden müssten.

12.07.2018

Erst vor wenigen Wochen waren in einem Ferienlager im thüringischen Rauenstein 45 Schüler und Betreuer am Norovirus erkrankt. Nun zeigten am selben Ort 44 Jugendliche ähnliche Symptome.

12.07.2018