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Mitteldeutschland Sachsens Helfer klagen über unwürdige Bedingungen beim Katastrophenschutz
Region Mitteldeutschland Sachsens Helfer klagen über unwürdige Bedingungen beim Katastrophenschutz
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06:03 13.07.2018
Höhlenretter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Sachsen bauen in der Nähe der Tiefen Höhle im Bielatal eine Trage zusammen. Quelle: Marko Förster
Dresden/Erfurt

Bei Naturkatastrophen, Großbränden oder Evakuierungen sind sie zur Stelle. Doch wie freiwillige Helfer sich durch den Alltag wurschteln müssen, grenzt stellenweise selbst schon an eine Katastrophe. „Es fehlt an allen Ecken und Enden. Die Unterkünfte sind vielfach menschenunwürdig“, beklagt Markus Kremser, Chef eines Katastrophenschutzzuges im Ostsächsischen Görlitz. Es fehle sogar Geld für den Unterhalt der landeseigenen Einsatzfahrzeuge. „Oft müssen wir für Tankrechnungen auf Spenden zurückgreifen.“

Tausende Helfer schließen sich Protest-Initiative an

Dem 44-Jährigen und seinen Kameraden reicht es. Er hat über soziale Kanäle eine Initiative ins Leben gerufen, die sich für die Gleichstellung der ehrenamtlichen Sanitäts- und Katastrophenschutzhelfer und mehr Geld für neue Gebäude stark macht. Binnen kürzester Zeit haben sich tausende Freiwillige vom Deutschen Roten Kreuz, der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, von Maltesern, Johannitern und Samaritern angeschlossen.

Sachsen will 250 Millionen Euro investieren

Fast 250 Millionen Euro will Sachsen in den kommenden vier Jahren in neue Ausstattung und zusätzliches Personal der Feuerwehren stecken. „Das Geld für die Feuerwehren ist nötig“, sagt Kremser. „Aber auch wir nehmen hoheitliche Aufgaben wahr“, so Markus Kremser. „Doch wir wurden seit Jahren vom Innenministerium links liegen gelassen.“

Vorwurf: Ehrenamtliche stiefmütterlich behandelt

Dass es an der Basis schon lange rumort, bestätigt der Landtagsabgeordnete Mirko Schultze. „In Sachsens Landeshaushalten wurden freiwillige Rettungsdiensthelfer und Katastrophenschützer bisher stiefmütterlich behandelt“, kritisiert der Blaulicht-Experte der Linksfraktion. Bei den freiwilligen Feuerwehren habe sich die Regierungskoalition aus SPD und CDU erst bewegt, nachdem diese Alarm geschlagen hatten. „Auch bei den ,weißen Einheiten’ waren wir viel zu lange viel zu still“, sagt der Görlitzer und fordert: „Die Sparpolitik auf Kosten freiwilliger Helfer muss aufhören!“

Minister Wöller lädt zu Gesprächen nach Dresden

Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) hat das Signal offenbar gehört. Er lud Kremser und die Landesvorstände der fünf Rettungsdienste zu mehreren Gesprächen nach Dresden ein. Im Ministerium sei man sich „des hohen Stellenwertes des Ehrenamtes im Freistaat bewusst“, wie Vize-Sprecher Jan Meinel betont. Die Gespräche mit den Hilfsorganisationen, Landkreisen und Krankenkassen liefen noch. Ohne Ergebnissen vorgreifen zu wollen, sei aber auch schon vieles im Rollen. Seit 2011 wurden als 33 Millionen Euro in Fahrzeuge, Ausstattung und Zuwendungen der Katastrophenschutzeinheiten gesteckt. „Der Planansatz 2018 in Höhe von vier Millionen Euro wird durch die voraussichtliche Bereitstellung von weiteren Haushaltsmitteln in Höhe von 4,7 Millionen Euro mehr als verdoppelt“, so der Ministeriumssprecher.

Zum Pinkeln hinter die Fahrzeughalle

Die Technik sei auf hohem Niveau, räumt Kremser ein. „Aber vielerorts sind weder fließendes Wasser noch Toiletten oder Duschen vorhanden. Keiner hat Lust, auf Dauer zum Pinkeln hinter die Fahrzeughalle zu verschwinden.“ Die von ihm angeschobene Initiative will ein Förderprogramm zur vorschriftsmäßigen Unterbringung von Katastrophenschutztechnik und Mannschaften. Kameraden aus allen Landesteilen stehen hinter diesen Forderungen.

Thüringen ist schon weiter – und ändert Gesetz

Thüringen ist in diesem Punkt schon weiter. Vor wenigen Tagen beschloss der Landtag in Erfurt die Änderung des Thüringer Brand- und Katastrophenschutzgesetzes und des Rettungsdienstgesetzes. Damit werden ehrenamtliche Helfer der Hilfsorganisationen mit freiwilligen Feuerwehrleuten gleichgestellt. „Für die DRK-Bergwacht sind die Neuerungen in den Gesetzen ein Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung für viele Stunden ehrenamtlicher Arbeit“, lobte der Landesleiter der Thüringer DRK-Bergwacht Florian Meusel.

Von Winfried Mahr

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