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Mitteldeutschland Sächsischer Förderpreis für Demokratie – „Schweigen ist dulden“
Region Mitteldeutschland Sächsischer Förderpreis für Demokratie – „Schweigen ist dulden“
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18:35 09.11.2015
Die Preisträger des Projektpreises – Ringo Gründel, Jan Sobe und Janine Bürger Quelle: Nathalie Helene Rippich
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Penig

Seit 2012 beschäftigt sich die Bürgerinitiative „Gesicht zeigen“- Netzwerk für demokratisches Handeln in Penig und Lunzenau (Mittelsachsen) mit der Frage, wie insbesondere bei Schülern aber auch den Bewohnern der Region das Demokratiebewusstsein geschärft werden kann. Am Montagabend wurden sie in Dresden für ihre Arbeit mit dem Sächsischen Förderpreis für Demokratie ausgezeichnet. Die Jury begründete die Ehrung des Netzwerks mit dem unermüdlichen Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit und für mehr Toleranz. „Es stemmt über Jahre ein beeindruckendes inhaltliches Programm, das bisher vor allem aus privaten Aufwendungen der Mitglieder finanziert wird“, lobte die Jury die Initiative.

Auslöser für das Engagement war ein Vorfall an der Schule der Tochter von Janine Bürger, ein Mitglied der Gruppe.. Im Januar 2012 wurde dort ein alternativer Jugendlicher von drei Neonazis angegriffen. Er verlor einen Zahn, erlitt einen Nasenbruch und Prellungen. Eingegriffen habe niemand. Nicht einmal die Polizei wurde gerufen, so Bürger. „Da fragt man sich schon, wie sowas sein kann. Das geht gar nicht.“

Dialoge und Diskussionen – Networking in Penig und Lunzenau

Nach dem Übergriff gab es Gespräche mit Eltern und der Schule. Nach und nach gelang es immer mehr Menschen an einen Tisch zu bekommen. Auch Ringo Gründel (LINKE), der im Stadtrat von Penig sitzt. Ein Jahr lang gab es regelmäßige Diskussionsrunden, an denen auch der Geschichtslehrer Jan Sobe teilgenommen hat. Er engagiert sich schon länger gegen Rechtsextremismus.

Das erste konkrete Projekt stand dann 2014 - eine Fortbildungsveranstaltung für Übungsleiter. Es ging darum, wie man mit Rechtsextremen im Verein umgehen kann und wie man sie überhaupt erkennt. „Das Klischeebild eines Nazis gibt es heute kaum noch. Die haben sich längst angepasst“, erklärt Sobe. „Außerdem bedienen sie sich mittlerweile zunehmend linker Rhetorik, sie zitieren Brecht, Ghandi und sogar Martin Luther King, reißen Zitate aus dem Kontext und benutzen sie für ihre Zwecke.“

Aus der Vergangenheit lernen

Aufklärung, Sensibilisierung für das Thema und vor allem ein Blick auf die Geschichte, seien unablässig. „Denn Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sie ist ein hohes Gut“, erklärt der Peniger Stadtrat Gründel. „Damals haben zu viele Menschen geschwiegen als Unrecht geschehen ist. Früher waren es die Juden und heute der Islam?“. Die Geschichte dürfe sich nicht wiederholen. Auch deshalb legt die Initiative ein großes Augenmerk auf die Aufarbeitung der Vergangenheit.

Ein weiteres Projekt der Initiative beschäftigt sich deshalb intensiv mit dem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald in Penig. Die Schüler der neunten Klasse des Freien Gymnasiums sind den Weg der Zwangsarbeiterinnen nachgelaufen, haben an verschiedenen Stationen Aufgaben bearbeitet und am Ende eine Trauerfeier für die Verstorbenen veranstaltet. Die Teilnahme war freiwillig, aber alle Schüler sind geblieben. Geschichte dürfe nicht nur in Büchern stattfinden, um aus ihr zu lernen, müsste sie erlebbar werden, so Sobe.

Ein großes Ziel sei eine dauerhafte Ausstellung zur Thematik und eine Gedenktafel soll auf dem ehemaligen Gelände des Lagers über die Geschehnisse informieren.

Weitere Preisträger des Sächsischen Förderpreises für Demokratie

Über den undotierten Preis für Kommunen durfte sich Heidenaus Bürgermeister Jürgen Opitz freuen. Er hatte die tagelangen gewalttätigen Ausschreitungen in der Stadt wiederholt scharf kritisiert und für mehr Solidarität mit Geflüchteten geworben. Einen Anerkennungspreis erhielten außerdem die Initiative „Banda Comunale“ aus Dresden, das Bündnis „Willkommen in Roßwein“, der „Initiativkreis Antirassismus“ aus Leipzig, sowie die Initiativen „Legida? Läuft nicht. Leipziger Studenten gegen Rassismus“ und „Schüler für Flüchtlinge“ aus Bischofswerder. Die Anerkennungspreise wurden mit 1000 Euro dotiert.

Neue Herausforderungen für Penig und Lunzenau

Die Bürgerinitiative „Gesicht zeigen“ - Netzwerk für demokratisches Handeln ist gegen jede Form der Fremdenfeindlichkeit, sie setzen sich für Gewaltfreiheit und Dialoge ein. Bürger: „Mit manchen Menschen kann man aber leider nicht mehr reden. Die wollen keine Informationen, die wollen hetzen.“ Deshalb wolle man vor allem junge Menschen erreichen, ihnen die Möglichkeit geben, sich eine eigene Meinung zu bilden – auch im Kontrast zu dem, was sie zuhause lernen.“

Noch sei Penig unter einer Art Glocke, Ausländer und Flüchtlinge sehe man selten. Aber man rechnet damit, dass auch in der Umgebung bald Asylunterkünfte entstehen. Dann ist das Thema Flüchtlinge auch ein konkretes Thema für die Bürgerinitiative.

Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Das ist viel für eine kleine Initiative, die von Spenden und seltener von öffentlichen Geldern lebt. Aber vor allem wird Aufmerksam gemacht auf die Arbeit und damit auch auf die Probleme und darum geht es den Mitgliedern der Bürgerinitiative bei ihrer Arbeit vor allem. Probleme sehen, sie ansprechen, darüber sprechen. „Denn Schweigen ist dulden“, so Bürger.

Von Nathalie Helene Rippich

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