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Mitteldeutschland Sächsischer Hacker knackt Webseite der NSA - "Es war vergleichsweise einfach"
Region Mitteldeutschland Sächsischer Hacker knackt Webseite der NSA - "Es war vergleichsweise einfach"
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18:43 02.05.2014
Der Hacker und Computerexperte Matthias Ungethüm. (Archivfoto) Quelle: Wolfgang Sens
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Berlin/Geringswalde

Eigentlich hatte er nicht damit gerechnet, ausgerecht auf der Webseite der NSA eine Schwachstelle zu finden, sagte der 24-jährige Computerexperte Matthias Ungethüm.

Doch die Lücke war schnell entdeckt: „Ungefähr eine Nacht hat es gedauert“, sagte er. „Erschreckenderweise war es vergleichsweise einfach.“ Ungethüm konnte eine eigene Botschaft auf der NSA-Website hinterlassen. Er ersetzte das NSA-Motto „Codebreakers and Codemakers“ durch den Schriftzug „Durchleuchten Sie Ihre Homepage“. Die Lücke sei nicht ungefährlich. Über solche präparierten Websites könnten Trojaner auf die Rechner von Nutzern geschmuggelt werden.

Das ausgetauschte Bild war nur beim Aufrufen eines speziell bearbeiteten Links zu sehen, sagte MDR-Info-Redakteur Michael Voß der dpa. Die anderen Besucher der Webseite hätten die reguläre Version angezeigt bekommen. Die NSA habe die Schwachstelle mittlerweile geschlossen, berichtete der Sender am Freitag. Doch Ungethüm entdeckte noch eine zweite Lücke.

Zwei Lücken entdeckt

„Die zweite Lücke ist schlimmer“, sagte er. Er könne über die Website Abfragen an eine Datenbank schicken – und erhalte Antworten darauf. „Ich kann Daten abrufen, die eigentlich gar nicht für Außen bestimmt sind“, sagte er der dpa. „Zum Beispiel Passwörter.“ Dabei geht es allein um den Zugriff auf die NSA-Webseite. Die streng geheimen Datenbanken des Dienstes sind nicht betroffen. „Aber so eine Webseite ist immer der Freibrief dazu, das Sprungbrett, um in dieses Netzwerk einzudringen“, sagte Ungethüm. Die Lücken habe er der NSA per E-Mail gemeldet.

Hat er Angst, dass der Geheimdienst nun bei ihm vor der Tür stehen könnte? „Ehrlich gesagt mache ich mir da keine großen Sorgen“, sagte er. Ungethüm ist spezialisiert auf solche Feinarbeit: Seine Firma Unnex klopft Webseiten auf Sicherheitslücken ab. Das Logo, das er auch auf der NSA-Website platzierte, hat er vor mehreren Jahren selbst entworfen. Dass er mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten am Rechner mittlerweile legal seinen Lebensunterhalt verdient, war nicht immer so.

Schwachstellen schon bei NASA und T-Online gefunden

Matthias Ungethüm sieht nicht unbedingt so aus, wie man sich einen Hacker vorstellt. Er ist ein schmächtiger junger Mann. Er hat nicht nur sehr lange glatte Haare, sondern auch lange, blau-glitzernd lackierte Fingernägel. Ein weißes Lederarmband komplettiert die Erscheinung. Bei einem Gespräch mit dieser Zeitung im vergangenen Oktober hatte der 24-Jährige gerade mal wieder hat eine Sicherheitslücke im Internetauftritt eines weltweit führenden Anbieters von Computerspielen aufgedeckt. So macht er sich zunehmend einen Namen. Gehackt hat Matthias schon die Computersysteme von zahlreichen bekannten Portalen und Unternehmen. Darunter den Online-Bezahldienst Paypal, T-Online oder die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA. Der Geringswalder informiert die Einrichtungen sofort über die von ihm aufgedeckten Schwachstellen – das soll sie selbst und ihre Nutzer schützen.

Ein Hacker hat sich einem Medienbericht zufolge Zugang zur NSA-Homepage verschafft. Quelle: Jens Büttner

Die Reaktionen sind allerdings unterschiedlich. Sie reichen von Zusammenarbeit, um die Fehler gemeinsam zu beheben über ein schnelles Schließen der Lücken ohne Rückmeldung oder scheinbar völlige Gleichgültigkeit bis hin zu Drohungen, das Ganze zu unterlassen. „Wenn ich über solche Sicherheitslücken quasi stolpere und sie dann melde, gibt es keine rechtlichen Probleme“, sagt der Hacker. Einmal erhält er auf diese Weise sogar ein Angebot für ein Praktikum, allerdings in den USA. „Ich will aber in Deutschland bleiben.“

Alles selbst beigebracht

Matthias Ungethüm ist in Geringswalde aufgewachsen. Schon früh spielt er am PC seiner Eltern. Im Teenie-Alter bastelt er sich aus Computerschrott aus dem Container einen ersten eigenen Rechner zusammen. Als er von seiner vier Jahre älteren Schwester Annett ein Programm für eine Programmiersprache geschenkt bekommt, macht der Junge seine ersten ernsthaften Schritte auf dem Gebiet der Informationstechnik.

Die Konsequenz: Je mehr er am Computer sitzt, umso mehr vernachlässigt Matthias die Schule. Er jobbt mal hier und mal da, schreibt ein Buch für die Hacker-Szene, doch die meiste Zeit verbringt Matthias am Computer, im Internet, mit Programmieren. „So ziemlich alles, was ich auf dem Gebiet kann, habe ich mir selbst beigebracht.“

Zu Sozialstunden verurteilt

Die Eltern sind alles andere als begeistert, dass ihr Sohn die Schule vernachlässigt, keinen Beruf lernt. Als er dann auch noch beim Hacken erwischt wird, „ist Pumpe“. Zweimal landet er vor Gericht, muss Sozialstunden leisten. Schließlich gerät der Hacker in Verdacht, in Computerprogrammen der Staatsmacht herumzuschnüffeln, weshalb diese größere Geschütze auffährt. Die Polizei steht vor der Tür. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. „Das war schon heftig. Auch weil meine Eltern mit reingezogen wurden.“ Matthias wird nach eigenen Aussagen nichts nachgewiesen, das Verfahren eingestellt. Doch von nun an lässt er die Finger von heißen Sachen: „Irgendwann wird man eben erwachsen.“

dpa / Olaf Büchel

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